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Rauchverbot in Irland: "Verstöße nur auf der Damentoilette"

Irland führte im März 2004 das weltweit erste Rauchverbot ein. Anfangs wurde kräftig darüber geschimpft, doch die Langzeiterfahrungen sind positiv. stern.de hat sich in Dublin auf Kneipentour begeben und einige sehr entspannte Iren getroffen.

Von Valentin Tomaschek, Dublin

Dublin, Stadtteil Raheny, wie jeden Samstagnachmittag brummt der Laden im altehrwürdigen "Station House". Der geräumige "Local Pub", ähnlich der deutschen Eckkneipe, würde in jedem Reiseführer als "Typisch Irisch" angepriesen werden. Die schwere Eichentür knarrt beim Reimkommen, danach stapft der Gast über abgewetzte Holzdielen in Richtung des massigen Tresenovals in der Raummitte. Alles urig, ganz gemütlich, Gesprächsfetzen surren durch die Luft. In einem verwinkelten Sitzeckchen bändigt ein junges Ehepaar seine überaktiven Sprösslinge, an der Bar lehnt ein angetrunkener Mittvierziger und hält sich am Henkel seines Pint fest. Es riecht nach altem Holz, gelegentlich weht eine bitter-herbe Guinness-Brise durch den Raum. Nach Rauch riecht es hier schon lange nicht mehr.

Spricht man Barkeeper Gareth auf den 29. März 2004 an, blickt der kurz von der großen Zapfanlage auf, selbstredend ohne das Bierbefüllen zu unterbrechen. Unter seinem großen Schnauzbart blitzt ein Lächeln hervor: "Damals haben wir die Raucher höflich gebeten die Zigaretten auszumachen", erzählt er mit tiefer Stimme. "Einige haben ein bisschen gemurrt, als wir um Mitternacht die Aschenbecher eingesammelt haben, aber alles ist friedlich geblieben." Gareth ist eine Institution im "Station House", seit 29 Jahren zapft er dort, er kennt die Zeit vor und nach dem Rauchverbot: "Vor allem das Personal freut sich über die gesündere Umgebung. Auf einmal konnten wir auch die Gäste wieder sehen, die weiter als drei Meter weg standen."

An jenem 29. März 2004 trat das weltweit erste, landesweite Rauchverbot in Kraft. Ausgerechnet in Irland, berühmt für seine großartigen Pubs, zu denen Zigarettenqualm genauso gehörte wie Live-Musik und frisch gezapftes Stout-Bier. Ähnlich wie derzeit in Deutschland war die Empörung groß: Mancher wollte das Gesetz einfach ignorieren, andere wollten klagen. Selbst aus Hollywood gab es Unterstützung für die irischen Raucher: James Bond-Darsteller Pierce Brosnan beschwerte sich lauthals, dass er statt in seiner Heimat nur noch in London mit seinen Freunden Zigaretten und Alkohol genießen könne.

Wo sind die frustrierten Raucher?

Genützt hat es alles nichts, weder das Gezeter der Raucher noch die Arbeit der Tabaklobby konnte etwas ausrichten. Der "Smoking ban" kam über Nacht, nicht nur in Pubs, sondern auch in Clubs, Restaurants und Cafes, genauso in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden und Ämtern. Die Strafen bei einem Verstoß sind drastisch: Bis zu 3.000 Euro Geldstrafe und bis zu drei Monaten Freiheitsentzug drohen. Inzwischen liegt die Akzeptanz des Qualm-Verbotes bei rund 80 Prozent - der Raucher wohlgemerkt.

In "Temple Bar" hat sich seither wenig geändert. Nach wie vor ist die berühmte Party-Meile im Herzen der Dubliner City erste Anlaufstelle für Nachtschwärmer und Feierwütige. Viele Touristen streifen durch schicke, alte Bars und viele neue Clubs, oder schauen im obligatorischen Hardrock-Cafe vorbei. Wenn es in Dublin frustrierte Raucher gibt, die sich beklagen, dass sie draußen stehen müssen, dann hier. Doch man findet sie einfach nicht.

Volkssport "Smirting"

Vor dem Temple-Bar-Pub mit seiner roten Fassade hat sich eine Gruppe junger Leute zum Rauchen versammelt. Drinnen ist es rappelvoll, doch auch draußen herrscht beste Stimmung, trotz Temperaturen um fünf Grad, geradezu arktisch für irische Verhältnisse. "Ja, kalt ist es schon, aber so lange braucht man ja nicht für eine Zigarette", sagen Ian und Rowan, die sich in ihrer kleinen Pub-Pause gerade die zweite Zigarette anstecken. "Und mit dem Rauchen hören wir deswegen noch lange nicht auf." Die gesundheitlichen Vorzüge frischer Innenraumluft interessiert die beiden Studenten daher auch herzlich wenig. Viel eher schon die Vorzüge des "Smirtings" - eine Kombination aus den Worten "Smoking und "Flirting" -, das zu einer Art Volksport vor Dubliner Pubs geworden ist: "Hier draußen lernt man viel schneller Mädels kennen als drinnen, man kommt hier sofort ins Gespräch", erzählen die beiden und grinsen.

Dabei können sich die Langzeiterfahrungen mit dem Rauchverbot in Punkto Gesundheit durchaus sehen lassen: Kneipenpersonal und Taxifahrer etwa leiden seither deutlich weniger an Reizhusten und geröteten Augen, laut einer Statistik des Dublin Institute of Technology ist sogar die Feinstaub-Konzentration um satte 83 Prozent gesunken. Auch die Gesamtzahl der Raucher ist zurückgegangen. Nur für einige der Wirte wurde es anfangs finanziell eng, gerade in den ländlichen Pubs kam es zu spürbaren Umsatzeinbußen. In der Nähe zu Nordirland hatte sich für einige Zeit der "kleinen Grenzverkehr" auf eine Zigarette etabliert, doch auch das ist jetzt vorbei, seit im Nachbarland die Lunte ebenfalls nur noch draußen brennt.

Raucher machen Kneipenwerbung

Umsatzrückgänge gab es im "Station House" keine. Auch jetzt noch, spät am Abend, wippt Gareths Schnurrbart kräftig auf und ab, während er Pint um Pint über den alten Tresen schiebt. "Seither kommen häufiger Nichtraucher hierher, auch viel mehr Familien", sagt er. "Und der Stimmung tut es überhaupt keinen Abbruch, wenn die Raucher zwischendurch für ein paar Minuten vor die Tür gehen. Im Gegenteil, sie sind ein gute Werbung für unser Pub. Wer vorbeiläuft, sieht sofort, dass es sich lohnt, bei uns ein paar Gläser zu trinken."

Also, alles ganz normal in Irland, dem Land mit der einzigartigen Kneipentradition, in dem seit fast vier Jahren Rauchverbot herrscht. Von all den schlimmen Befürchtungen im Vorfeld hat sich kaum eine bewahrheitet. Der Ire hat sich arrangiert, geht entspannt mit dem Thema um. Und Verstöße gegen das Verbot gibt es auch kaum, zumindest nicht im "Station House", wie Gareth noch erzählt: "Wenn überhaupt, dann wird heimlich auf der Damentoilette geraucht, aber das war ja schon in der Schulzeit nicht anders."