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Kinderschutzbeauftragte entsetzt Londoner Polizei in der Kritik: Leibesvisitationen an mehreren hundert Minderjährigen

Ein Helm der Londoner Polizei vor verschwommenem Hintergrund
Kinderschutzbeauftragte de Souza zeigte sich schockiert über ihren Bericht der Londoner Polizei 
© McPHOTO / M. Gann / Picture Alliance
Die Londoner Polizei soll im Zeitraum von 2018 bis 2020 bei mehreren hundert Kindern Leibesvisitationen durchgeführt haben, zeigt ein Bericht der britischen Kinderschutzbeauftragten. Dabei soll es sich meist um Schwarze Jungen gehandelt haben.

Binnen zwei Jahren hat die Metropolitan Police in London, die für den Großraum London zuständig ist, mehr als 600 Kinder und Jugendliche einer Leibesvisitation unterzogen. Mehr als 95 Prozent der betroffenen Minderjährigen waren männlich und 58 Prozent von ihnen Schwarz, wie aus einem am Montag veröffentlichten Bericht der britischen Kinderschutzbeauftragten Rachel de Souza hervorgeht. De Souza zeigte sich "zutiefst schockiert" von den Zahlen.

Kinderschutzbeauftragte: Vorgehen der Londoner Polizei für Kinder "traumatisierend"

Dem Bericht zufolge wurden zwischen 2018 und 2020 insgesamt 650 Minderjährige im Alter zwischen zehn und 17 Jahren einer Leibesvisitation unterzogen. In 23 Prozent der Fälle war kein unparteiischer Erwachsener anwesend, wie das mit wenigen Ausnahmen gesetzlich vorgeschrieben ist. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen gab es zudem keine weiteren Strafverfolgungen – was erst recht zeige, dass das Vorgehen der Polizei in den meisten Fällen ungerechtfertigt und nicht notwendig sei, mahnte de Souza. 

De Souza äußerte sich "extrem beunruhigt" über den überproportional hohen Anteil Schwarzer Betroffener. Wie der britische "Guardian" berichtete, sei die Zahl 2018 allein auf 75 Prozent gestiegen, für den Zeitraum 2018 bis 2020 waren es 58 Prozent – während der Anteil der Jugendlichen im Alter von zehn bis 17 Jahren im Großraum London nur bei 19 Prozent liege. Die Zahl der auf diese "zudringliche und traumatisierende" Weise durchsuchten Minderjährigen sei zudem jedes Jahr stark gestiegen, kritisierte die Kinderschutzbeauftragte.

Durchsuchung von 15-jährigem Mädchen hatte für Aufsehen gesorgt

De Souza forderte die Daten bei der Londoner Polizei ein, nachdem der Fall einer 15-jährigen Schwarzen für Schlagzeilen gesorgt hatte, die im Jahr 2020 fälschlicherweise des Drogenbesitzes verdächtigt wurde und sich vor Polizeibeamtinnen komplett entkleiden musste. Wie die "BBC" berichtete, sei das Mädchen aus einer Klausur in einen Sanitätsraum der Schule geholt worden, wo sie vor den Beamtinnen auch ihre intimen Körperteile entblößen und sogar ihre Damenbinde habe entfernen müssen. Dass sie ihre Periode hatte, sollen die Beamtinnen vorher gewusst haben. Drogen wurden bei ihr keine gefunden. Kein Lehrpersonal oder eine andere Person sei dabei anwesend gewesen, die Eltern des Mädchens seien auch nicht kontaktiert worden. 

Der zwei Jahre zurückliegende Fall hatte die Jugendliche zutiefst traumatisiert und zahlreiche Proteste ausgelöst. Im März musste sich die Polizei in aller Form entschuldigen, nachdem eine Untersuchung der Kinderschutzbehörde das "grobe Fehlverhalten" der Zuständigen gerügt hatte. De Souza betonte nach ihrem Bericht, sie sei davon überzeugt, dass es sich bei dem damaligen Fall nicht um einen Einzelfall gehandelt habe, sondern vielmehr Zeichen für ein "systemisches Problem" bei der Metropolitan Police handele. Daher wolle sie nun die gleichen Daten von allen Polizeikräften anfordern, berichtete der "Guardian."

Londoner Polizei verteidigt sich 

Die Londoner Polizei betonte in einer Reaktion auf den neuen Bericht, es seien bereits Änderungen eingeführt worden, um sicherzustellen, dass Minderjährige bei Leibesvisitationen "angemessen und respektvoll" behandelt würden. Sie fügte hinzu, dass einige der Kinder selbst "schutzlose Opfer der Ausbeutung" durch Kriminelle und Drogengangs sein könnten.

Die Londoner Polizei war zuletzt von einer Serie von Skandalen um Rassismus, Sexismus und Frauenfeindlichkeit erschüttert worden, die für eine massive Vertrauenskrise sorgte. Polizeichefin Cressida Dick tritt daraufhin im Februar zurück.

Quellen: AFP, The Guardian, BBC

ckön

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