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Prügelattacke am Alexanderplatz: Prozess um Tod von Jonny K. geplatzt

"Wollen Sie uns verarschen?": Wegen der Äußerung eines Schöffen wird der Prozess um die tödliche Attacke auf Jonny K. neu aufgerollt. Nun wird die juristische Aufarbeitung wohl noch länger dauern.

Der Prozess um den Tod des Berliners Jonny K. nach einer Prügelattacke wird neu aufgerollt. Das kündigte der Vorsitzende Richter wegen der Befangenheit eines Schöffen in der Verhandlung an. "Dass wir aussetzen werden, steht fest", sagte Richter Helmut Schweckendieck. Ein offizieller Beschluss steht noch aus. Das Verfahren gegen sechs junge Männer muss dann neu aufgerollt werden. Nun wird die juristische Aufarbeitung wahrscheinlich noch länger dauern.

Der Schöffe wird am Montag in der "BZ" zitiert und äußert sich damit zu dem laufenden Verfahren. In der Vorwoche hatte er im Prozess zu einem Zeugen gesagt, der sich auf Erinnerungslücken berufen hatte: "Sind Sie zu feige oder wollen Sie uns verarschen?". Die Verteidigung hatte danach beantragt, den Schöffen auszuschließen, weil er parteiisch sei.

Der Schöffe verteidigte seine Wortwahl in der "BZ". Er habe nur in seinen Worten gedacht, was er denke. Allerdings streitet er ab, dass er der Zeitung ein Interview gegeben hat.

Richter ungläubig bis fassungslos

Der 20-jährige Jonny K. war laut Anklage in der Nacht zum 14. Oktober 2012 am Berliner Alexanderplatz mit Schlägen und Tritten so heftig angegriffen worden, dass er stürzte und später an Gehirnblutungen starb. Sein Tod hatte bundesweit Bestürzung ausgelöst. Sechs Männer im Alter von 19 bis 24 Jahren sitzen wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank. Alle haben Schläge oder Tritte eingeräumt. Die Verantwortung für den Tod wiesen die Angeklagten aber zurück.

Ein 23-jähriger Augenzeuge und zwei seiner Freunde beantworteten am vierten Verhandlungstag fast alle Fragen des Gerichts mit den Worten: "Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern". Der Vorsitzende Richter Helmut Schweckendieck äußerte Unverständnis: "Es fällt schwer, das zu glauben. Wissen Sie überhaupt, worum es in dem Prozess geht?"

Auch Schweckendieck kritisierte dann die Wortwahl des Schöffen. Die Staatsanwaltschaft teilte den Ärger über die Äußerung, sprach sich aber gegen eine Ablehnung des Laienrichters aus. Aus Sicht der Verteidigung ist mit einem Schöffen, der sich zu so einer Wortwahl hinreißen lässt, jedoch kein faires Verfahren zu erwarten.

kmi/DPA / DPA