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Das Opfer: "Er muss bezahlen"

80 Tage lang war Sabine Dardenne im Keller des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux gefangen. Nun, fast sieben Jahre später, hat sie ihr Schweigen gebrochen.

80 Tage lang war Sabine Dardenne im Keller des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux gefangen. Nun, fast sieben Jahre später, hat sie ihr Schweigen gebrochen. In Interviews mit belgischen Zeitungen verrät die heute 19-Jährige erstmals scheußliche Einzelheiten ihrer Gefangenschaft. Sabine Dardenne beschuldigt ihren mutmaßlichen Peiniger dabei schwer: "Marc Dutroux ist der einzige, den ich während meiner Gefangenschaft im Keller gesehen habe." Und die Hauptzeugin ist entschlossen, im bevorstehenden Prozess gegen Dutroux auszusagen: "Er muss bezahlen."

Er aß Schokolade und Bonbons

Wasser aus einem Kanister, altes Brot und kalte Bouletten mit Tomatensoße aus der Dose bekam das Mädchen im Keller des Dutroux-Hauses in Marcinelle zu essen und zu trinken. Manchmal habe Dutroux sie in die Küche geholt. "Dann aß er Schokolade und Bonbons", erinnert sich das Opfer. "Ich bekam nichts Leckeres."

Ans Bett gekettet

Sie war auf dem Weg zur Schule, als Dutroux und ein Komplize die damals Zwölfjährige am 28. Mai 1996 vom Fahrrad rissen. Die Täter betäubten das Mädchen. In einer Metallkiste trugen sie das Kind in das Horror-Haus. "Dort hat er mich nackt aufs Bett gelegt und mit einer Kette um den Hals angebunden", zitiert die Zeitung "De Standaard" das Mädchen. Später musste sie im Keller auf einer schmutzigen Matratze schlafen. "Meine Kleider wurden nie gewaschen", erinnert sich Dardenne. "Die Shorts und das T-Shirt, die ich bei meiner Befreiung anhatte, habe ich die ganze Zeit getragen."

Das Tagebuch des Leidens

Marc Dutroux ist wegen früherer Taten bereits als Kinderschänder vorbestraft. In den Interviews vom Montag deutet die Hauptzeugin einen sexuellen Missbrauch nur an: "Er war jedes Mal rasend, wenn ich nicht tat, was er wollte." Aber in einem selbst gemachten Kalender hat Sabine Dardenne eine Art Tagebuch des Leidens geführt.

"Das tat sehr, sehr weh."

"Ein Kreuz bedeutete, dass Dutroux an dem Tag im Keller gewesen ist", erklärt Dardennes Anwalt Jean-Philippe Rivière. "Wenn neben dem Kreuz noch ein Sternchen stand, bedeutete dies, dass er sie an diesem Tag auch missbraucht hat." Eine Legende am Fuß des Zettels erläuterte die Zeichen: "Neben dem Sternchen hatte sie geschrieben: "Das tat sehr, sehr weh."" Seinem Opfer erzählte der Entführer, er beschütze es gegen einen bösen Chef. "Ich hasste ihn für das, was er mit mir tat, und zugleich hasste ich ihn nicht, weil er mir half", erinnert sich die junge Frau. "Das dachte ich zumindest."

Nur zwei Opfer überlebten die Gefangenschaft

Die Hauptzeugin Sabine Dardenne ist eines von sechs Mädchen, dessen Entführung der Bande um Dutroux zur Last gelegt wird. Zwei Opfer überlebten die Gefangenschaft, vier starben. Dutroux und zwei Komplizen wurden im Sommer 1996 festgenommen. Seither wartet ganz Belgien auf den Prozess, der Ende des Jahres beginnen soll. Der Fall Dutroux und darum rankende Verschwörungstheorien hatten Belgien in eine gesellschaftliche Krise gestürzt.

"Er hat mich nicht klein gekriegt."

Die hübsche, entschlossene junge Frau, die seit dem Abitur in einem Versandhaus arbeitet und gerne Polizistin werden würde, hat ihre nie abgeschickten Briefe aus der Gefangenschaft wieder gelesen. Sie will sich vor Gericht genau an die 80 Tage im Keller erinnern. "Ich warte ungeduldig auf den Geschworenenprozess", sagt Sabine Dardenne. "Da will ich Dutroux in die Augen schauen und beweisen, dass er mich nicht klein gekriegt hat, dass ich wieder lebe."

Roland Siegloff/DPA

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