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Drama von Karlsruhe: Der Mörder und seine Spielsucht

Vier Menschen tötete Bernard K. bei einer Zwangsräumung seiner Wohnung in Karlsruhe. Das Motiv schien bisher rätselhaft. Die Polizei bestätigt stern-Recherchen: Der Täter war spielsüchtig.

Von Mathias Rittgerott

Auf den 4. Juli, den Tag der Zwangsräumung, hatte sich Bernard K. sorgfältig vorbereitet. Der 53-Jährige legte Kabelbinder zurecht, Waffen, Munition, eine Handgranate. Er empfing den Gerichtsvollzieher und seine Begleiter, einen Schlosser, der die Tür aufbrechen sollte, einen Sozialarbeiter und den neuen Besitzer der Wohnung und bedrohte sie mit einer Waffe. Die Männer mussten im Wohnzimmer auf der Couch Platz nehmen und sich gegenseitig fesseln. Er schoss dem Gerichtsvollzieher in die Beine. Als der Schlosser ihn überwältigen wollte, schoss er auch ihn nieder. Den sterbenden Handwerker zu Füßen, hielt er die drei anderen in Schach.

Zuerst wurde finanzieller Ruin vermutet

Den Hergang konnte die Polizei später genau rekonstruieren, weil es einen Überlebenden gibt, den Sozialarbeiter der Stadt, den Bernard K. nach einer knappen Stunde frei ließ. Als Polizisten später die Wohnung stürmten, fanden sie die Leichen. Auch Bernard K., der sich mit einem Kopfschuss tötete. Seine Lebensgefährtin lag tot im Bett.

Zunächst wurde vermutet, dass Bernard K. und seine Freundin vor dem finanziellen Ruin gestanden hätten. Die Eigentumswohnung, die der 55-Jährigen gehörte, war im April für rund 150.000 Euro zwangsversteigert worden. Karin W. hatte seit drei Jahren kein Hausgeld mehr an die Eigentümergemeinschaft bezahlt. Doch W. und K. zogen nicht aus. Der neue Besitzer beantragte die Zwangsräumung.

Zwei Tage nach der Tat teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit: Finanzielle Motive scheiden aus. Denn die Lebensgefährtin hatte den ihr zustehenden Erlös der Wohnung nicht abgeholt. Nach Abzug der Schulden waren mehrere zehntausend Euro übrig geblieben, die beim Amtsgericht bereitlagen.

Ein neuer Ermittlungsansatz

Inzwischen gibt es einen neuen Ermittlungsansatz: Bernard K. war spielsüchtig, wie die Karlsruher Polizei stern.de bestätigte. Der stern berichtet in seiner aktuellen Ausgabe ("Höllisches Ende") von einem Zeugen, der inzwischen auch von der Polizei befragt wurde: Adnan C., der Wirt des "Nord-Treff" in Karlsruhe. Dort war der Franzose aus dem Elsass häufig Gast, immer freitags und samstags, um an den drei Automaten der Kneipe zu spielen. "Ich bin spielsüchtig", hatte K. dem Gaststättenbetreiber gestanden. "An einem Abend hat er mal tausend Euro verspielt, an einem anderen 1.700", erinnert sich der Wirt. Manchmal habe er dem Gast sogar Geld geliehen. "Er schuldet mir noch 300 Euro."

Welche Ausmaße die Sucht hatte, zeigte sich, als Bernard K. eine ganze Nacht vor den Automaten saß und zockte. "Ich habe die Kneipe abgeschlossen, mich an den Tisch gesetzt und geschlafen", erzählt C. "Er hätte mich ausrauben können." Dafür habe K. die zwei Bier bezahlt, die er nachts aus dem Kühlschrank genommen hatte.

Von der Jagd zum Automatenjäger

Dem Kneipier gestand K. seine Sucht ein. "Wenn andere Gäste da waren, hat er geschwiegen. Erst wenn die Kneipe leer war, hat er erzählt." Davon, dass einst die Jagd sein Hobby war und jetzt das Glücksspiel. Davon, dass er in Frankreich zwei Häuser verzockt und ein weiteres seiner Exfrau und seinen Kinder überschrieben habe, um sie nicht auch noch zu verspielen. Und davon, dass er keinen Ausweg mehr sieht.

Die Polizei bestätigt, dass auch die Ermittler diese Spur aufgenommen haben. Adnan C. wurde inzwischen als Zeuge vernommen. "Wir können bestätigen, dass K. der Spielsucht unterlegen ist", sagt Polizeisprecher Fritz Bachholz. Der Wirt "hat unseren Kollegen das gleiche gesagt, was im stern steht." Damit ziehen die Ermittler ihre Einschätzung zurück, wonach finanzielle Gründe für die Tat ausscheiden. Nicht ausgeschlossen, dass Karin W. ihr Geld nicht abrief, weil sie befürchtete, ihr Lebensgefährte würde es verspielen.

Bernhard K. hatte bereits aufgegeben

"Über seine Zukunft hat Bernard nie gesprochen", berichtete der Wirt dem stern: "Er war sicher, dass er es nicht schaffen wird, mit dem Spielen aufzuhören." Einmal aber gab er einen Einblick in seine Verzweiflung: "Er hat gesagt, dass er sich erschießt. Mit einem Kopfschuss", sagt C. Er habe das aber nicht ernst genommen.

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