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Schildbürgerstreich: Wie das Stuttgarter Gartenbauamt nach 25 Jahren ein Natur-Kunstwerk abrasierte

Das "Sanctuarium" hatte seinen Platz an einem der verkehrsreichsten Punkte Stuttgarts. Ein Fleck unberührte Natur im Straßenlabyrinth. Nach 25 Jahren ist es nun Geschichte. Weil das Gartenbauamt zu gründlich war.

Natur-Kunstwerk Sanctuarium in Stuttgart irrtümlich abrasiert

Kühles Gestänge umgibt eine leere Fläche, die bisher unberührter Natur ein Fleckchen in der Stadt sicherte (li.). Das "Sanctuarium" in Stuttgart (re.) war einmal - dank des Übereifers des Gartenamts.

Auf ihren Internet-Seiten weist die Stadt Stuttgart noch mit einigem Stolz auf das Kunstwerk hin: das "Sanctuarium" ("Heiligtum") des niederländischen Künstlers Herman de Vries entstand 1993 zur Internationalen Gartenbauausstellung. Die Idee: Hinter einem Zaun aus stählernen Lanzen kann sich Natur auf einem kleinen Stück Land inmitten des Verkehrsgetöses frei entfalten. Ein Schutzraum, der die Natur vor dem Zugriff des Menschen bewahrt.

Doch nun nahmen die Bediensteten des städtischen Gartenbauamtes ihre Arbeit ein bisschen zu genau. Der vorgesehene "Rückschnitt" wurde mit schwäbischer Gründlichkeit durchgeführt. Die Folge: Von dem in 25 Jahren unberührt angewachsenen Stück Natur-Kunst ist nichts übrig. Kahlschlag! Ein Schildbürgerstreich erster Klasse.


Kunstszene und Naturfreunde in der Schwaben-Metropole schäumen. "Ich bin ziemlich sauer über diesen Akt des Vandalismus", wetterte Justyna Koeke von der Akademie der bildenden Künste Stuttgart gegenüber dem Südwestrundfunk (SWR). "Ich erwarte eine Entschuldigung; eine Entschuldigung nicht nur an den Künstler, sondern auch an alle Bürger." Während die Stadt auf das "Parkpflegewerk" pocht und nur davon spricht, dass man "vielleicht etwas gründlicher als sonst gestutzt" habe, wie es in einem Bericht der "Stuttgarter Zeitung" heißt, haben Künstler bereits Anzeige erstattet und wollen wissen, wieso überhaupt in die Natur-Kunst am Pragsattel eingegriffen werden sollte. "Das war im Konzept überhaupt nicht vorgesehen", meint Anna Ohno - bis zum vergangenen Jahr Betreiberin einer "Kunstpension" in der Stadt.

Sanctuarium in Stuttgart: Trauerbänder an den Lanzen

Der Schmerz über "das Randalieren der Stadt", wie es in den sozialen Medien vielfach heißt, sitzt tief. Das gerodete Sanctuarium ist Stadtgespräch. Die Kunstszene hat um die vernichtete Natur-Skulptur in einer Zeremonie getrauert:


Auch der Erschaffer des Sanctuariums, Herman de Vries, hat wenig Verständnis für das Vorgehen der Stadt gegen sein Werk - dies nicht zuletzt, weil Oberbürgermeister Fritz Kuhn ein Grüner ist. Dem Gartenbauamt, das darauf hinweist, dass schon bald wieder etwas auf der gerodeten Fläche wachsen werde, widerspricht er: "Man kann nicht sagen, dass wieder etwas kommen wird. Es kommt sicher wieder etwas, das ist klar. Natur übernimmt immer alles. Aber das Konzept ist gestört." Vielmehr verlangt der 86-Jährige Schadenersatz für den "Kultur-Frevel". Das Geld will er einem gemeinnützigen Naturschutz-Verein spenden. Außerdem will de Vries eine offizielle Erklärung der Stadt erwirken, dass nicht noch einmal gerodet wird: "Hätte ich gewollt, dass drinnen etwas gemacht wird, dann hätte der Zaun eine Tür."

dho
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