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stern-reportage

Indien: Papa, bin ich schön?

Herr Mahor nimmt Frau und Tochter das Gesicht mit Säure, einem weiteren Kind das Leben. Und doch bleibt die Familie bei ihm. Was geht in den Menschen vor? Eine Geschichte aus Indien.

Von Jonas Breng

Mit Säure verätzt ein Mann Frau und Tochter das Gesicht

"Die Säure, die der Vater warf, vor vielen Jahren, hat in ihrem Gesicht gewütet wie ein wildes Tier." Porträt einer Familie. Die Eltern und eine Tochter, die beide liebt

Letzte Nacht, als Geeta endlich eingeschlafen war, das Atmen des Mörders dicht an ihrem Ohr, leise und unschuldig, hatte sie wieder diesen Traum. Den Traum von dem großen Spiegel.

Geeta steht in dem Traum in einer Hütte, die sie nicht kennt. Der Raum ist ganz leer, nur ein großer, hölzerner Spiegel hängt an der Wand. Langsam tritt Geeta vor das Glas, um ihr Gesicht zu betrachten. Sie hebt den Kopf und öffnet die Augen. Da erkennt sie, dass unter ihren Haaren, dort, wo ihre Stirn sein müsste, ihre Nase, ihr Mund, ihr ganzes Gesicht eben, nichts zu sehen ist. Nur ein schwarzes Loch. In Geeta steigt im Traum dann immer Panik auf. Im Spiegel sieht sie, wie sich Hände um ihren Hals legen und zudrücken, stärker und stärker, und erst wenn Geeta schon glaubt zu ersticken, wenn sich alles um sie herum dreht, versteht sie, zu wem die Hände gehören. Dann schreckt sie aus dem Schlaf.

Die Schmerzen. Die Säure. Das tote Kind

Sie brauche danach immer ein paar Sekunden, um sich zu beruhigen, sagt Geeta. Denn in diesen Nächten sei alles wieder da. Die Schmerzen. Die Säure. Das tote Kind. Sie liege dann da, mit pochendem Herzen, und blicke auf die schwarze Silhouette neben sich. "In diesen Momenten hasse ich ihn so schrecklich für alles, was er uns angetan hat", sagt Geeta.

Manchmal überlege sie sogar, ob die Nachbarn es wohl hören würden, wenn sie sich nachts herausschleichen würde. Sie könnte sich einen Stein aus dem Innenhof nehmen – den größten, den sie finden könnte. Doch das würde die Sache ja auch nicht leichter machen. Denn in Indien brauche eine Frau einen Mann. Vielleicht sogar so einen wie ihren.

Geeta sitzt an diesem Morgen auf den Stufen eines kleinen, weißen Hauses.

Um das vernarbte Gesicht hat sie sich einen grünen Sari gebunden. Denn es ist immer noch Winter hier in Agra, im Norden Indiens. Nachts, wenn die Kälte in die Hütten kriecht, trocknen die Narben, die sich über 30 Prozent ihres Körpers ziehen, schneller aus. Geeta muss sie mit Kokosnussöl einreiben, damit das Jucken nicht zu schlimm wird.

Geeta, die Mutter, führt ihre Tochter Neetu, die seit dem Attentat blind ist. Der Vater schaut zu

Geeta, die Mutter, führt ihre Tochter Neetu, die seit dem Attentat blind ist. Der Vater schaut zu

Während Geeta spricht, ruht ihr Blick auf der Tochter, die vor einem kleinen Schrein steht und zu den Göttern betet. Die Tochter heißt Neetu und ist 28 Jahre alt, ein schmales Persönchen, das gern singt und kichernd von einer Hochzeit träumt. Doch dass Neetu jemals einen Mann findet, ist unwahrscheinlich. Denn die Säure, die der Vater warf, vor vielen Jahren, hat in ihrem Gesicht gewütet wie ein wildes Tier. Sie hat ihr die Augenlider weggefressen, die Nasenflügel, die Unterlippe. Die verschmorte Haut auf ihrem Gesicht ist dunkelbraun und seltsam verklumpt. Aus der Entfernung sieht es aus, als hätte man Kerzenwachs darauf verschüttet.

Als Neetu klein war, wollten die anderen Kinder deshalb nicht mit ihr spielen. Sie warfen Steine nach ihr, riefen "Monster" und "Scheusal". Und wenn Neetu im Hof saß und ihr Abendessen zu sich nahm, zogen die anderen Kinder ihr den Teller weg. Neetu stocherte dann ins Nichts. Seit dem Angriff ist sie auf beiden Augen blind.

Die Liebe ist sein Geschäft

Wegen der Beleidigungen und der Schande hätten sie sich jahrelang nicht aus dem Haus getraut, sagt Geeta, als sie etwas später das Frühstück zubereitet. Die Leute hätten sie wie Aussätzige behandelt. "Als wären wir die Schuldigen. Und nicht die Opfer."

Dann kommt ein Geräusch von drinnen. Ein Husten ist zu hören, und ein Mann steckt den Kopf aus der Tür. Sein Haar ist zerzaust, müde Augen blinzeln in die Sonne. Geeta schaut verächtlich weg, als Herr Mahor ins Freie tritt, doch das Gesicht von Neetu, dieses Werk der Ärzte aus zerstörter Haut, spannt sich zu einem Lächeln. "Papa, wie hast du geschlafen?"

Herr Mahor ist ein kleiner Mann, keine 1,60 Meter groß, ein dürrer Kerl mit misstrauischen Augen, die umherflattern wie kleine Schwalben. Wie alt er ist, weiß Herr Mahor nicht. Anfang 50, schätzt er.

Worte wechselt Herr Mahor fast nur mit Neetu. Ist Geeta nicht zu Hause und Herr Mahor nüchtern, kocht er Neetu manchmal Reis oder putzt ihre Schuhe. Und abends, wenn die Familie den Fernseher anschaltet, ein altes Röhrengerät, hockt Herr Mahor am liebsten neben Neetu. Ganz ruhig ist er dann. Fast wie ein Kind.

Zwar geht Herr Mahor momentan keiner festen Arbeit nach, aber er spielt regelmäßig Trompete auf Hochzeiten. Man könnte also sagen: Die Liebe ist sein Geschäft.

Für immer gezeichnet: Geeta, über zwei Jahrzehnte nach der schrecklichen Nacht

Für immer gezeichnet: Geeta, über zwei Jahrzehnte nach der schrecklichen Nacht

Vor einem Jahr, es war im Mai 2017, waren Geeta und Neetu zusammen nach Chennai gereist. Ein Arzt hatte Neetu Hoffnung gemacht, dass sie nach einer Operation etwas von ihrem Augenlicht zurückbekommen könnte. Es war ein schwerer Eingriff, sechs Stunden lang, für den eine Hilfsorganisation gezahlt hatte. Doch gebracht hat er nichts. Sie sehe nichts als schwarze Schatten, sagt Neetu, als sie ein paar Minuten später auf einem kleinen Hocker im Inneren des Hauses Platz nimmt und sich von ihrer Mutter die Haare kämmen lässt.

Als Geeta fertig ist, hüpft Neetu vom Hocker und dreht sich zu Herrn Mahor um, der sich in einer Ecke das Gesicht rasiert. "Was sagst du, Papa?", fragt Neetu, das Maskengesicht stolz erhoben, die Arme wie eine Ballerina weit ausgebreitet. "Findest du mich schön?"

Man fragt sich in diesen Momenten, was in Herrn Mahors Kopf vorgeht. Denn er hat für seinen Angriff nie gebüßt. Nur ein paar Monate verbrachte er im Gefängnis. Die Tat allerdings, sie ist allgegenwärtig. Aus den Gesichtern seiner Familie schaut sie ihn an, jeden Tag. Was macht das mit einem Mann?

Ein Geräusch wie zerbrechende Zweige

Geheiratet hatten die Mahors vor vielen Jahren. Für Geeta war es eine Ehe der Hoffnung gewesen. Es hieß, ihr zukünftiger Mann könne eine Menge, er streiche Häuser, fertige Schmuck und spiele Trompete. Sie stammten aus derselben Kaste, den Dalit, den "Unberührbaren".

Als Geeta Herrn Mahor zum ersten Mal gesehen hatte, waren ihr sofort die schönen Haare aufgefallen, das spöttische Jungenlachen. Er sah gut aus. Ich habe Glück, dachte Geeta. Aber schon bei der Hochzeit war alles schiefgegangen. Herr Mahor betrank sich so stark, dass er während der Zeremonie vom Stuhl kippte, er schrie herum und beleidigte Geetas Verwandte.

In der Hochzeitsnacht, so erinnert sich Geeta, habe sie ein paar Meter von Herrn Mahor entfernt geschlafen. In der Luft hing der Gestank des Schnapses, bitter und sauer.

Natürlich hatte sich Geeta im Laufe der Zeit an den Geruch gewöhnt, an die Pöbeleien jedoch nicht. Wenn Herr Mahor nachts in die Hütte gewankt kam, machte sie ihm Vorwürfe. Warum trinkst du, was bist du für ein Mann?, rief Geeta.

Neetu kann nur Schatten erkennen; dem Geschehen auf dem alten Fernseher versucht sie dennoch zu folgen

Neetu kann nur Schatten erkennen; dem Geschehen auf dem alten Fernseher versucht sie dennoch zu folgen

An einem Abend, sie waren knapp ein Jahr verheiratet, versuchte Herr Mahor, heimlich Geld aus einer Schatulle zu klauen. Geeta packte ihn am Arm und versuchte ihn wegzuzerren. Da nahm Herr Mahor eine Kelle aus der Küche und schlug ihr damit ins Gesicht. So habe es angefangen, sagt Geeta. Mit einem Geräusch wie zerbrechende Zweige.

Dass in Indien Ehefrauen von ihren Männern geschlagen werden, ist nichts Ungewöhnliches. Vor allem nicht im Viertel der Mahors, wo Armut und Tradition das Leben bestimmen. Frauen gelten in dieser archaischen Welt als minderwertig. Pro Jahr sterben etwa zwei Millionen Mädchen durch Abtreibung, Tötung oder Vernachlässigung. Ein Mann, der seine Gattin schlägt, fiel also nicht besonders auf.

Toilettenreiniger und Schwefelsäure

Doch Herr Mahor schlug nicht nur zu, er vergewaltigte und prügelte. Im Laufe der Jahre wurde er immer brutaler. Erst benutzte er Stöcke, dann Gürtel, dann Stangen. Manchmal zerrte er Geeta an den Haaren aus der Hütte, sodass die Nachbarn alles mit ansehen konnten. Am nächsten Tag allerdings, wenn das Blut getrocknet und Herr Mahor wieder nüchtern war, bettelte er um Verzeihung.

Geeta verstand schnell, dass sie zwei Männer hatte. Einen, der trank. Und einen, der sich entschuldigte. Zur Polizei lief sie nie, weil sie Angst vor den Uniformen hatte und davor, dass man sie auch dort schlagen würde. So vergingen die Jahre. Geeta gebar drei Kinder, alles Mädchen. Die Jüngste, das Baby, benannte sie nach Krishna, dem Gott, der im Gefängnis zur Welt kam.

Herr Mahor war wütend wegen der Mädchen, er wollte einen Sohn. Mädchen waren teuer. Die Mitgift. Die fehlende Arbeitskraft. Du ruinierst mich, schrie er.

Er habe sich immer weiter hineingesteigert, sagt Geeta. Bis zu diesem 16. Juli im Jahr 1992. Dem Tag, der alles veränderte.

Am Abend zuvor hatte es wieder Streit gegeben. Zusammen mit Neetu und Krishna war Geeta deshalb zu ihrer Mutter geflohen, an den Stadtrand von Agra. Die älteste Tochter war bei den Eltern von Herrn Mahor.

Herr Mahor bläst Trompete bei Hochzeiten. Einen weiteren Job hat er nicht

Herr Mahor bläst Trompete bei Hochzeiten. Einen weiteren Job hat er nicht

Geeta war müde, weil sie den ganzen Tag in einer Fabrik Teppiche geknüpft hatte, Reihe um Reihe, bis ihre Fingerspitzen taub waren und die Knie schmerzten. Es war ein sehr warmer Abend, und Geeta hatte entschieden, dass sie unter freiem Himmel schlafen wollte. Sie legte sich auf einen Wagen vor dem Haus, Neetu und Krishna neben ihr. Die Nacht hing über ihnen wie eine warme Decke.

Gegen ein Uhr, es war alles ganz still, taumelte Herr Mahor betrunken zwischen den Häusern entlang. In der Hand hielt er ein Gemisch aus Toilettenreiniger und Schwefelsäure, knapp 80 Cent teuer.

Kurz danach begann der Schmerz.

Geeta sagt heute, es sei gewesen, als hätte man sie gehäutet und über glühende Kohlen gewälzt, überall waren Schreie. Die Kinder. Die Nacht. Alles brannte.

Als sie wieder zu sich kam, ein paar Tage später, lag sie in einem Krankenhausbett, ihre beiden Töchter neben ihr, einbandagiert wie Mumien. In den ersten Monaten schwankte Geeta zwischen Leben und Tod. Am schlimmsten war das Wechseln der Verbände. Immer wieder wurde sie dabei bewusstlos.

Ohne Kläger kein Verbrechen

Als sie nach ein paar Wochen wieder einmal aufwachte und neben sich griff, konnte sie dort nur Neetus warmen Arm spüren. Wo ist Krishna?, fragte Geeta den Onkel, der neben dem Bett stand. Der Onkel schaute zu Boden. Sie habe es nicht geschafft, sagte er. Weil die Ärzte den kleinen, leblosen Körper auf den Boden gelegt hätten, sei er voller Ameisen gewesen. Er habe die Leiche deshalb in ein Handtuch eingewickelt und in den heiligen Fluss Ganges gelegt. In Geeta zog sich alles zusammen. Lasst mich sterben, flehte sie. Bitte, bitte, lasst mich sterben.

Verlassen konnten sie und Neetu das Krankenhaus erst 14 Monate später. Die Verwandten erzählten Geeta, dass Herr Mahor für eine kurze Zeit im Gefängnis gesessen hatte, aber schon bald für eine kleine Summe wieder freigekommen war. Danach sei er im Krankenhaus gewesen, um sich zu entschuldigen, doch man hätte ihn fortgejagt.

Geeta wohnte zu dieser Zeit bei ihrem Bruder, der für die Behandlungen, die Operationen und die Medikamente aufkam. Sie fühlte sich schuldig, weil der Bruder selbst kaum etwas hatte. Um Geld für einen Anwalt traute sie sich nicht zu bitten. Denn Geeta wusste, dass Strafrechtsprozesse teuer sind.

Eine Augen-OP brachte Neetu keine Besserung. Am Krankenbett ihre jüngere Schwester Poonam

Eine Augen-OP brachte Neetu keine Besserung. Am Krankenbett ihre jüngere Schwester Poonam

Ein Verwandter hatte ihr erzählt, dass bei Fällen innerhalb von Familien eine Anzeige nicht reichte. Damals galt: ohne Kläger kein Verbrechen. Außerdem hatte Geeta Angst, noch mehr Schande über ihre Familie zu bringen. Was würden die Leute sagen, wenn sie ihren eigenen Mann verklagte? Würde man sie verstoßen? Und was würde dann aus Neetu werden? Geeta traute sich nicht, daran zu denken.

Doch dann hatte ein Zufall die Sache ins Rollen gebracht. Knapp zwei Monate nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte ein Taxifahrer Geeta auf dem Markt angesprochen. Mutter, was ist mit deinem Gesicht? Geeta erzählte dem Taxifahrer, was geschehen war, und sah, wie dem Mann Tränen über sein Gesicht liefen. Der Taxifahrer überredete Geeta, mit ihm zu einem Anwalt zu fahren, der umsonst arbeitete. Der Anwalt schenkte Neetu Bonbons und schrieb der Staatsanwaltschaft mehrere Briefe. Ein paar Wochen später nahm die Polizei Herrn Mahor erneut fest. Geeta weinte, diesmal vor Erleichterung.

In den nächsten Monaten allerdings wurde das Gerede im Viertel lauter. Geeta konnte es hören, das Tuscheln war überall.

Ein Unglück sei sie. Ein Monster, das den eigenen Mann verrate und nun auch noch das Leben des Bruders zerstören wolle. Schließlich müsse der Bruder endlich heiraten. Nur wie ohne Geld?

"Ich hatte keine Wahl."

Geeta versuchte nicht hinzuhören, aber das schlechte Gewissen machte sie krank. Und irgendwann war dann diese Karte gekommen. Von Herrn Mahor. In krakeligen Buchstaben stand dort, dass es ihm leidtue und dass er für alles bezahlen wolle, die Behandlungen, die Medikamente – sie müsse nur die Anzeige zurückziehen. Tue sie es aber nicht, schrieb Herr Mahor, werde er alle umbringen. Dahinter hatte Herr Mahor drei Ausrufezeichen gemalt.

Wer Geeta heute fragt, wie sie es über sich bringen konnte, die Anzeige zurückzuziehen, der glaubt, das erste Mal so etwas wie Hilflosigkeit in ihren Augen zu erkennen.

"Ich war damals eine andere Frau. Alle haben mich dazu gedrängt. Ich hatte keine Wahl."

Am Anfang, als Herr Mahor zurückgekehrt war, dachte Geeta noch, dass sie ihm vielleicht verzeihen könnte – irgendwann. Nachts wurde ihr übel, wenn er sich über sie beugte. Nach einem Jahr wurde Geeta wieder schwanger, sie bekam noch ein Mädchen, Poonam, schön und heil war sie, doch mit ihr war es wieder losgegangen. Der Alkohol und die Schläge.

Geeta ist eine strenggläubige Hinduistin. Das Dasein auf Erden ist für sie nur eine mühsame Etappe in einem ewigen Kreislauf. Auf Gerechtigkeit hofft Geeta im nächsten Leben. "Die Götter werden ihn bestrafen", sagt sie. "Sie haben schon damit angefangen."

An einem hellen Morgen im Winter 2017 biegt Herr Mahor in einen Hauseingang ein, steigt eine schmale Treppe hinauf und betritt einen Raum, in dem sechs Männer im Kreis sitzen. Der Geruch von Schweiß liegt in der Luft, eine Neonröhre flackert an der Decke.

Als Herr Mahor ins Zimmer kommt, zaghaft wie ein Schuljunge, schaut keiner der Männern auf, ganz so, als sei Herr Mahor unsichtbar. Als sei er gar nicht da.

Obwohl Herr Mahor älter ist als viele der Männer, muss er in der Ecke auf einem harten Schemel Platz nehmen; über ihm hängt, mattgolden und glanzlos, die Trompete, die er meistens spielt.

"Heute keine Hochzeit", brummt der Chef irgendwann. "Kannst dich besaufen gehen." Herr Mahor zuckt zusammen, als hätte man ihn geschlagen.

Herr Mahor, der Tagelöhner, der Unberührbare, der Alkoholiker, ist einiges gewöhnt an Erniedrigung, doch eine Sache macht ihn verrückt: Und das sind die Sticheleien der Männer. Die anderen lachen nämlich über ihn. Sie machen Witze über den Mann, der es noch nicht einmal geschafft hat, seine eigene Familie umzubringen. Der Winzling mit der Trompete.

Vergeben ist nicht leicht

Das Lachen der Männer wird in Herrn Mahors Kopf zu einem Rasen laut und immer lauter. Auch an diesem Tag. Ohne ein weiteres Wort verschwindet er in einer der kleinen Hinterhofkneipen, wo es den Stoff gibt, der Herrn Mahor vergessen lässt. Umgerechnet einen Euro kostet er, ein Gebräu aus verrottetem Reis.

Am nächsten Tag, die Sonne verschwimmt in einer Wolke aus Smog, sitzt Geeta an ihrem Arbeitsplatz, einem Café im Herzen von Agra, und blickt düster aus dem Fenster. Auch Neetu ist da. Sie hat sich in der hintersten Ecke verkrochen, das Gesicht abgewendet, die Arme verschränkt. Am Morgen haben sich die Frauen gestritten. Natürlich ging es um Herrn Mahor.

Der war gestern nach der Kneipe aufgetaucht, das Hemd fleckig vom Schnaps, und hatte wieder randaliert. Erst beschimpfte er Neetu, die allein zu Hause war, dann stürmte er aus dem Haus und ließ sich ein paar Straßen weiter von einem Motorrad anfahren. Ein paar Stunden lang lag Herr Mahor schreiend im Schlamm, bis ein Polizist kam und ihn nach Hause schleppte.

"Papa hat schlimme Schmerzen, wir müssen ihn anrufen, uns um ihn kümmern", sagt Neetu. Geeta schaut sie ungläubig an. "Wie kannst du dir Sorgen machen, Neetu? Er wird sich nie ändern, nie."

Hinter ihnen trägt eine Frau mit weggeätztem Auge eine Schüssel Huhn an den Tisch mit englischen Touristen. Zusammen mit Geeta und Neetu arbeiten acht Säureopfer in dem NGO-Cafe; nur zwei der Männer, die sie angegriffen haben, sitzen im Gefängnis. Fragt man Neetu nach den Tätern im Falle ihrer Kolleginnen, ballen sich ihre kleinen Hände zu Fäusten: Tiere seien das, ohne Menschlichkeit. Man sollte sie in Ketten legen, aufhängen, irgendwas.

Aber was ist dann mit ihrem Vater, dem Mann, der ihrer Schwester das Leben nahm und ihr das Gesicht? Das sei etwas anderes, sagt Neetu, ihre Stimme klingt jetzt ganz fremd. Eine Tochter müsse ihren Vater ehren, er habe einen Fehler gemacht, doch sie liebe ihn. Während sie spricht, massieren ihre Finger ihre Schläfen, dort, wo sich die Säure in das Gesicht geätzt hat.

Wer Neetu zuhört, wie sie über Herrn Mahor spricht, erlebt eine Frau, die verzweifelt versucht, das Verbrechen an ihr hinter sich zu lassen. Neetu will mehr sein als das Unrecht, das man ihr angetan hat. Aus dem Vater, der zum Täter wurde, muss Neetu dazu wieder einen Vater machen. Vergeben ist nicht leicht. Neetu tut seit 25 Jahren nichts anderes.

Blauer Geist

Am Abend, über dem kleinen Haus kreist ein Schwarm aus Mücken, steht sie am Bett von Herrn Mahor und betrachtet das einbandagierte Knie, das mittlerweile stark geschwollen ist. Papa, du musst aufhören zu trinken, sagt Neetu und stellt ihm eine Tasse Tee neben das Bett.

Herr Mahor schaut seine Tochter nicht an, doch er greift nach der dampfenden Tasse. Dann zieht er eine Zigarette aus der Schachtel und zündet sie an. Der Zigarettendunst umhüllt ihn wie ein blauer Geist.

Für gewöhnlich passiert immer das Gleiche, fragt man Herrn Mahor nach jener Nacht vor einem Vierteljahrhundert: Er schweigt oder läuft davon. Doch an diesem Tag, vielleicht sind es die Schmerzen, vielleicht die Tatsache, dass er nicht davonlaufen kann, da antwortet er. Misstrauisch, in kurzen Sätzen.

An den Moment selbst, sagt Herr Mahor, könne er sich kaum noch erinnern. Nur, dass er danach zu einem Tempel gerannt sei, um zu beten. Er habe die Götter um Vergebung bitten wollen.

Aber warum hat er es getan?

Herr Mahor zögert. Seine Verwandten hätten ihn angestachelt. Sie hätten gesagt, er müsse seiner Frau eine Lektion erteilen.

Und heute, bereut er, was passiert ist? Bei dieser Frage schweigt Herr Mahor eine Weile. Als er nach ein paar Augenblicken zu sprechen beginnt, klingt er heiser. Niemand wolle sein Kind umbringen, sagt Herr Mahor. Aber jedem sei das Schicksal vorbestimmt.

Was empfindet er, wenn er Geeta und Neetu sieht?

Manchmal, sagt Herr Mahor, mache es ihn schon traurig, Neetu zu sehen. Doch was immer passiert ist, ist passiert. Keiner könne es rückgängig machen. Er wünsche sich nur, dass sie einen guten Mann findet. Einen, der für sie sorgt. Mehr wolle er gar nicht.

Aus dem Haus geschubst

Später am Abend sitzen Neetu und Geeta auf den Stufen vor dem Haus, ganz friedlich ist es nun, nur das Kreischen der Affen ist zu hören. Neetu hat ihren Kopf auf die Schultern ihrer Mutter gelegt. Geeta schaut über ihre Haare hinweg ins Innere des Hauses, wo Herr Mahor unter einer blauen Wolldecke wieder eingeschlafen ist. Sie werde bestimmt nicht die Krankenschwester spielen, sagt Geeta grimmig. Seit sie und Neetu im Café arbeiten und regelmäßig Geld nach Hause bringen, hätten sich dann noch ein paar wichtige Dinge geändert. Denn nicht nur die Nachbarn würden sie jetzt wieder wie Menschen behandeln, auch Herr Mahor traue sich nicht mehr, sie zu schlagen. Vor ein paar Monaten habe er es noch einmal versucht. Doch da hätten sie ihn aus dem Haus geschubst – sie und Neetu zusammen. Geeta lächelt bei dem Gedanken. Es habe sich gut angefühlt.

Der Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:




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