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Prozessauftakt in Meiningen: Angeklagter gesteht Mord an Mary-Jane

Er ist kein Mann vieler Worte. Mit einem knappen Nicken bestätigt Tino L., die kleine Mary-Jane getötet zu haben. Er versteckt sich hinter einer verspiegelten Sonnenbrille - als er sie abnimmt, blickt Mary-Janes Mutter dem Peiniger ihres Kindes ruhig ins Gesicht.

Während Tino L. beschreibt, wie er die Schlinge des Bademantels um den zierlichen Kinderhals zuzog, wischt er sich heftig über die Augen. Der große blonde Mann spricht einsilbig, leise, oft nickt er nur. Den Mord an der siebenjährigen Mary-Jane bestätigt er mit einem Satz: "Das stimmt, tut mir auch ganz herzlich leid." Später antwortet er nur noch stoisch, wird beinahe aggressiv. Mary-Janes Mutter sieht dem Peiniger ihrer Tochter gefasst in die Augen.

Schon früh am Morgen stehen die Menschen Schlange vor dem Landgericht Meiningen. Im Publikum fließen Tränen - "Gib's zu!", ruft jemand laut. Tino L., selbst zweifacher Vater, würdigt die Zwischenrufer keines Blickes. Stattdessen erzählt der 38-Jährige widerwillig, wie er die Erstklässlerin auf dem Heimweg vom Schulhort abpasste, in der Badewanne missbrauchte, am nächsten Morgen mit dem Bademantel-Gürtel würgte und mit dem Gesicht nach unten in einem Bach ablegte. Mary-Jane ertrank.

Den Missbrauch habe er nicht geplant, sagt Tino L. "Zu der Zeit habe ich eigentlich nicht daran gedacht." Die Sache habe "sich halt so kurzfristig ergeben" und könne wohl damit zusammenhängen, dass er seit einem Gefängnisaufenthalt 2009 keinen Sex mehr hatte. In der Vernehmung im Sommer hatte Tino L. noch eingeräumt, den Missbrauch lange geplant zu haben.

Mary-Janes Mutter, deren Hände sich krampfartig um einen kleinen Stoffelch schließen, muss viele grausame Details über die letzten Stunden ihrer "Maja" erfahren. Mit Erleichterung mag sie erfahren, dass die Kleine zum Zeitpunkt ihres Todes noch Jungfrau war - über den Sex verwickelt sich der Angeklagte in Widersprüche.

Psychiater Peter Kudlacek bescheinigte Tino L. eine sekundäre pädophile Neigung, die dieser vermutlich lange nicht gespürt habe. Weiterer sexueller Missbrauch sei nicht ausgeschlossen. Das Leid des Kindes habe der Angeklagte in keinem Gespräch erwähnt. Besonders intelligent sei er nicht: IQ 84.

Bewusstlose Mary-Jane ertrank in einem Bach

Noch in der Nacht habe er kalte Füße bekommen, erzählt der Angeklagte, der bereits wegen Verkehrs- und Drogendelikten vorbestraft ist. Das zutrauliche Mädchen hätte ja vom Missbrauch erzählen können. Er habe sie aus dem Weg schaffen müssen. "Mir war klar: Ey, das musst du machen." Er sei mit ihr am frühen Morgen in den Wald gegangen. Als Mary-Jane Kühe auf einer Weide beobachtete, würgte er sie mit einem Bademantel-Gürtel - bis sie sich nicht mehr bewegte. Zur Sicherheit legte er das Mädchen mit dem Gesicht nach unten in einen eiskalten Bach und fuhr zur Arbeit.

Mary-Janes Mutter sieht ein Video der detailreichen Nachstellung des Mordes mit an. Ein Raunen geht durch den Sall, als Tino L. darauf einer Puppe die Schlinge um den Hals legt und zieht. "Wir haben die Rekonstruktion eines ganz schweren Verbrechens gesehen", sagte Richter Wolfgang Feld-Gerdes.

Wenige Tage nach diesen schrecklichen Stunden wäre Mary-Jane acht Jahre alt geworden, sie hätte ihr erstes Schulzeugnis bekommen, hatte sich auf die Sommerferien gefreut. Es erschreckt, was Tino L. über ihre Zutraulichkeit berichtet: Nie habe die Kleine Angst gezeigt, nicht geweint, sich nicht gewehrt. Freiwillig habe sie sich nach dem Missbrauch in der Wohnung des Täters zum Schlafen ins Doppelbett gelegt. Bis zum Schluss, so beschreibt es Tino L., habe die Siebenjährige nicht ein einziges Mal gesagt, dass sie nach Hause wolle.

Theresa Münch, dpa / DPA
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