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stern-Kolumne Winnemuth: Bilder des Lebens

Wie viele Momente unseres Alltags sind es wert, festgehalten zu werden? Und wenn wir sie dann festhalten wollen - muss es immer mit einer Kamera sein?

Von Meike Winnemuth

Da gibt es so ein neues Ding, den Narrative Clip: eine streichholzschachtelkleine Kamera zum Anklippen an die Kleidung, die alle 30 Sekunden automatisch ein Foto macht. Was immer man tut, wo immer man ist: klick, klick, klick (nur lautlos, ohne das Klick). Die Idee dahinter: all die alltäglichen Momente einfangen, von denen man erst viel später merken wird, wie wichtig sie waren. Eben nicht klassische Fotogelegenheiten wie Urlaube & andere Auszeiten, Hochzeiten & andere Feiern, sondern der Waldspaziergang, das Spielen mit dem Hund, das Abhängen mit Freunden. Das sogenannte Leben, das ansonsten randlos im ewigen Vergessen verdampft - bis man sich eines Tages fragt, was man eigentlich zwischen 2002 und 2006 gemacht hat.

Für Menschen mit einem so grottenschlechten Gedächtnis wie meinem klingt das erst mal verführerisch. Ein fotografisches Tagebuch, ein ausgelagerter Erinnerungsspeicher! Man könnte einfach so durch die Welt schlendern und sie genießen, ohne alle naselang das Smartphone zu zücken - wird ja alles festgehalten. Und bestimmt auch vieles, das ich in meiner Halbanwesenheit gar nicht richtig mitbekommen habe, weil ich mit meinem Kopf mal wieder woanders war. Da wird mir mein Tag bestimmt noch mal ganz neu gezeigt. Aufregend! Toll!

Jede Minute zwei Bilder? Jede?

Andererseits - jede Minute zwei Bilder? Jede? Auch die vielen Minuten, in denen man stumpf vor dem Laptop hockt oder in der U-Bahn sitzt oder in der Kassenschlange steht? Wird einem mit so einem Ding nicht deprimierend deutlich gemacht, wie unfassbar öde und repetitiv das Leben ist? Wie wenige Momente es gibt, die es verdienen, aufbewahrt zu werden? Ist es nicht eine Gnade, dass all das schreilangweilige, redundante Zeug nur mal kurz in die Erinnerung hinein- und sofort wieder hinaushuscht, ohne es sich dort gemütlich zu machen?

Und nähme man all das trotzdem auf: Wann hätte man je Zeit, es anzusehen? Ich würde gern noch mal den 14. bis 16. Juli im Schnelldurchlauf vorgeführt bekommen, und damit verbringe ich dann den Nachmittag des 2. August? Nö. Überhaupt: Wie muss man eigentlich drauf sein, um das eigene Leben für so interessant zu halten, dass man jeden Moment für dokumentationswürdig hält? Dass man eine Überwachungskamera auf sich und die Umgebung richtet, dass man sich selbst ausspioniert?

Die innere Kamera

Es könnte allerdings auch passieren, dass so eine Kamera einen lehrt, besser zu leben. Ernährungspsychologen raten ja, eine Woche lang jeden Bissen aufzuschreiben, und spätestens in der zweiten Woche beginnt man tatsächlich, besser zu essen - aus reiner Scham vor Dauereinträgen wie "19 Uhr: 1 Salade Niçoise, 3 Glas Wein, 200 Gramm kalte Pommes vom Nebenteller" und "23 Uhr: 1 Familienbecher Ben & Jerry’s New York Super Fudge Chunk, im Stehen vor dem Kühlschrank". Einen ähnlichen Rückkoppelungseffekt könnte so eine unbestechliche Kamera haben: Statt immer denselben Weg zur Arbeit zu nehmen und mit immer denselben Kollegen in die Kantine zu gehen, würde man sich vielleicht bemühen, ihr hin und wieder ein paar interessante neue Bilder zu gönnen - und sich selbst gleich mit. Für Erinnerungen kann man sorgen, indem man mehr Erinnernswertes tut.

Doch selbst wenn man sein Leben genau so lässt, wie es ist: Es genügt, einfach nur mal wieder hinzugucken, was so los ist um einen herum. Schau mal, der Nachbarsgarten, wie schön! War mir gar nicht aufgefallen, wie hoch der Lavendel schon steht. Und die Wolken. Und die lächelnde Frau da drüben. Und … Klick, klick, klick, macht die innere Kamera (nur lautlos).

Die Kolumne ...

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Themen in diesem Artikel
kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(