Babysimulatoren Eltern auf Probe


Selbst noch fast Kinder, werden Jahr für Jahr Tausende Teenager schwanger. Babysimulatoren sollen Schülern zeigen, was es heißt, ein Kind zu versorgen.

Luise hat Hunger, das ist nicht zu überhören: Das etwa acht Wochen alte Baby in dem bunten Strampelanzug plärrt sich durch die oberen Oktaven. "Ruhig Luise, ich komm ja schon", sagt Vater Marcell und nimmt sein Töchterchen auf den Arm. Als er ihr das Fläschchen gibt, verstummt das Geschrei. Luise nuckelt zufrieden an dem Plastiksauger. "Na, da haben wir aber ordentlich Durst gehabt, was?", sagt Marcell und legt seine Tochter in die Trage zurück.

Marcell ist 16 Jahre alt und der Vater einer 50 Zentimeter großen Plastikpuppe: Luise schreit, wenn sie Hunger hat, wenn die Windeln voll sind und wenn man ihr Köpfchen zu weit nach hinten fallen lässt. Sie macht ein Bäuerchen nach dem Trinken und jauchzt zufrieden, wenn man sie im Arm schaukelt. Luise ist einer von neun so genannten Babysimulatoren, mit denen Marcell und seine Mitschülerinnen lernen sollen, wie ein Kind ihr Leben verändern würde.

"Wissen, was auf euch zukommt"

"Babybedenkzeit" heißt das Projekt, das derzeit in Deutschland von über 200 meist karitativen Einrichtungen angeboten wird. "Könnt ihr euch vorstellen, weshalb wir das machen?", fragt Iris Schöning die Neuntklässler im Bremer Schulzentrum Drebberstraße, die sich im Sitzkreis auf ihren Stühlen lümmeln. Schöning ist Familienpädagogin im "Casa Luna" und kümmert sich um junge Mütter. Etwa zehnmal im Jahr zeigt sie Siebt- bis Neuntklässlern mit Hilfe der Babysimulatoren die möglichen Folgen eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs.

"Damit sich junge Frauen das mit dem Kinderkriegen noch mal überlegen", sagt Anastasia, 16, die eine knallenge Jeans trägt und darunter einen gut sichtbaren Stringtanga. "Vielleicht, damit man nicht so früh ein Baby kriegt", überlegt Alexandra, 15. "Um uns abzuschrecken", fasst Janina, 15, zusammen. Schöning legt die Stirn in Falten. "Nein, abschrecken wollen wir sicher nicht. Wenn ihr früh schwanger werden wollt, ist das eure Entscheidung. Aber ihr sollt wissen, was dann als Eltern auf euch zukommt."

Das Plastikbaby schreit alle 60 Minuten

Und das ist einiges: Die Simulatoren funktionieren im 24-Stunden-Dauerbetrieb. Das Plastikbaby schreit tagsüber im Durchschnitt etwa alle 60 Minuten, nachts liegen zwischen den Plärrphasen zwischen zwei und sechs Stunden - je nach Schwierigkeitsstufe. 15 verschiedene Programme können auf dem Chip in Babys Bauch gespeichert werden: Wie im echten Leben gibt es Kinder, die mehr Schlaf brauchen, und andere, die mit weniger auskommen.

Für die Schüler ist die Teilnahme an dem Projekt freiwillig; wer sich für eine simulierte Elternschaft entscheidet, ist während des viertägigen Projekts vom Unterricht befreit. Trotz dieses Anreizes sind die Teilnehmer hauptsächlich weiblich. Marcell ist eine Ausnahme. "Ich wollte mal sehen, ob ich das geregelt kriege mit dem Kind", sagt er und schaukelt Luise im Arm.

Die Idee der "Babybedenkzeit" kommt aus Amerika. In Deutschland sind Teenieschwangerschaften zwar seltener - aber auch hier werden Jahr für Jahr rund 7000 Mädchen unter 18 Jahren Mutter. Die Zahl der Abtreibungen bei unter 18-Jährigen stieg von 1996 bis 2004 von 4724 auf 7854. "Viele junge Menschen denken bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr nicht an Verhütung", sagt Schöning.

Wie kommt man mit einem Kinderwagen die Treppe runter?

In dem hellen Klassenraum in Bremen sind die Säuglinge inzwischen "getauft" und mit einer Geburtsurkunde versehen. Die stolzen Mütter und der Vater haben mit Kind zum Gruppenbild posiert, doch als es zur Pause klingelt, gibt es erste Probleme mit der Elternschaft: "Dürfen wir die Babys hier lassen?", fragt Alexandra und zupft ihren Minirock zurecht. Schöning lacht. "Nein, als Mutter müsstest du dein Kind auch mit auf den Schulhof nehmen."

Alexandra legt den Kopf zur Seite. "Aber Sie könnten doch vielleicht aufpassen." Schönings Lachen verschwindet, ihr Blick wird ernst. "Nein, nur du hast das Identifikationsarmband, mit dem du das Baby versorgen kannst." Alexandra schmollt, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Marcell beschließt unter diesen Umständen, die Pause lieber im Klassenraum zu verbringen. Die anderen bereiten sich auf den ersten Ausflug vor, doch es gibt noch viele offene Fragen: Soll man bei 30 Grad Celsius das Baby zudecken oder genügt eine Mütze? Und wie kommt man mit einem Kinderwagen die Treppe runter?

Sie werden ausgelacht

In der Raucherecke haben sich schon die Klassenkameraden in Dunst gehüllt, nicht alle Neuntklässler der Schule nehmen an dem Projekt teil. Manche hatten keine Lust, bei anderen stellten sich die Eltern quer. "Meine Mutter fand es aber echt gut, dass ich da mitmache", sagt Nadine. Die hoch gewachsene 16-Jährige trägt ein Top, das ihren Sonnenbrand vom letzten Ausflug zum See nur spärlich verdeckt. Wie die meisten ihrer Mitschüler will auch sie "nur mal sehen, wie das so ist als Mutter".

Ihre Tochter Josie hatte sie schon nach einer Stunde fest ins Herz geschlossen. "Total süß" sei die Kleine, auch das Windelnwechseln war kein Problem. Denn: "Die sind ja nicht wirklich nass." Nur was ihr Exfreund Timo gerade auf dem Schulhof abgezogen hat, passte Nadine gar nicht. "Als ich ihm gesagt habe, dass ich jetzt ein Baby habe, war er erst erschrocken. Dann hat er mich ausgelacht."

"Die Nacht war grauenhaft"

Um die Elternarbeit noch realistischer zu machen, sind Marcell, Nadine und die anderen Jugendlichen vier Tage lang alleinerziehend. Geschwister und Großeltern dürfen zwar auch wickeln und füttern, aber nur, wenn auch die Eltern in der Nähe sind - geprüft wird das über das rote Identifikationsarmband, das den Jugendlichen mit ihrer Puppe zusammen ausgehändigt wurde. Schreit das Kind länger als zwei Minuten, ohne dass sich jemand darum kümmert, zeichnet der Chip "Vernachlässigung" auf.

Nicht alle halten das Projekt bis zum Ende durch. "Erfahrungsgemäß steigen ein bis zwei Schüler vorzeitig aus", sagt Schöning. Marcell bricht die "Babybedenkzeit" bereits nach 24 Stunden ab. "Die Nacht war grauenhaft, ich hab kein Auge zugedrückt", sagt er. Er habe sich von Luise getrennt, das sei besser, denn "sonst hätte ich das Ding aus dem Fenster geschmissen". Die Kleine habe die ganze Nacht genörgelt, wollte trinken und hatte die Windeln voll. "Ich habe höchstens drei Stunden geschlafen, ein Horror." Ein eigenes Baby will er frühestens in zehn Jahren. Viele Jugendliche sind froh, wenn sie am letzten Projekttag die Puppe wieder abgeben dürfen. Trotzdem fließen auch immer wieder Tränen.

Schreien in verschiedenen Lautstärken

Etwa 1500 Babybedenkzeit-Puppen sind derzeit in Deutschland im Umlauf. Es gibt sie in sechs verschiedenen Ausführungen, die werdenden Mütter und Väter dürfen sich zwar nicht das Geschlecht, aber zumindest ein Modell aussuchen. Europäisch, hispanisch, afrikanisch (hell), afrikanisch (dunkel), indianisch und japanisch stehen zur Wahl.

Die Nachfrage ist so groß, dass die Amerikaner bereits eine zweite Generation auf den Markt gebracht haben. "BabyCare II" kann im Gegensatz zu seinem Vorgänger den Kopf drehen, in verschiedenen Lautstärken schreien und im Schlaf atmen. Und das Modell ist ökonomischer geworden: Während "BabyCare I" bei völliger Vernachlässigung weiter geschrien hat bis zur Batterieentladung, schaltet sich die neue Version nach zwölf Stunden automatisch ab.

Stéphanie Souron print

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