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Erröten: Die Scham und das Rot

Leuchtend rot wie eine Ampel - diese Farbe nehmen viele Menschen an, wenn sie sich schämen. Der Körper verhält sich dabei wie bei einer Infektion. Aber die Schamesröte hat vor allem eine soziale Funktion.

Schamesröte gehört zu den Geißeln der Menschheit - finden zumindest diejenigen, die zum Rotwerden neigen. Und tatsächlich ist ein schamrotes Gesicht nicht nur in psychologischer, sondern auch in körperlicher Hinsicht sehr unangenehm: Der Kopf fühlt sich ganz heiß an, während überall sonst am Körper kalter Schweiß ausbricht und sich gleichzeitig die Muskeln weigern, ihren normalen Dienst zu verrichten. Kurz gesagt, man fühlt sich, als hätte man sich von einem Augenblick auf den anderen eine fiese Grippe eingefangen.

Diese Übereinstimmung ist kein Zufall, berichtet das Wissenschaftsmagazin "bild der wissenschaft": Die körperlichen Reaktionen beim Schämen gleichen tatsächlich denen bei einer Infektion. Das hat die amerikanische Psychologin Sally Dickerson beim tierischen Äquivalent der Scham, dem demütigen Niederkauern im Angesicht eines überlegenen Artgenossen, entdeckt. Das Blut des sichtbar Unterwürfigen wird in einer solchen Situation regelrecht mit entzündungsfördernden Botenstoffen überschwemmt. Die verrichten dann genau die Aufgaben, die sie auch beim Eindringen von Krankheitserregern ausführen - Durchblutung ankurbeln und eine Entzündungsreaktion auslösen.

Rotwerden fühlt sich an wie eine Krankheit

Etwas Ähnliches passiert auch beim Menschen, während er sich in seiner Demutshaltung befindet - mit anderen Worten: sich schämt. Auch dann werden mindestens zwei Immunbotenstoffe ausgesendet, konnte Dickerson zeigen. Sie bat dazu einige Freiwillige, ihr peinlichstes Erlebnis im Geiste noch einmal Revue passieren zu lassen, und analysierte währenddessen den Speichel der Probanden. Tatsächlich konnte sie auf diese Weise eine deutliche Immunantwort nachweisen.

Das erklärt auch, warum man in einer peinlichen Situation am liebsten im Boden versinken und dort seine Wunden lecken würde. Die Botenstoffe lassen nämlich nicht nur den Kopf heiß und das Gesicht rot werden, sondern vermitteln dem Bewusstsein auch das Gefühl, krank zu sein. Dieses allgemeine Unwohlsein soll wiederum den Organismus dazu bringen, sich zurückzuziehen und dem Immunsystem alle verfügbaren Ressourcen zu überlassen. Die Folge ist das für Scham typische Lähmungsgefühl in den Muskeln und der Drang, sich zu verkriechen.

Angst vor Imageverlust

Zuständig für die Schamgefühle und das dazugehörige Rotwerden ist eine winzige Gehirnregion direkt oberhalb der Augen, die den sperrigen Namen orbitofrontaler Cortex trägt. Sie ist Teil des Belohnungssystems im Hirn und versieht Dinge und Situationen mit emotionalen Etiketten. Im Fall von Scham sind das eher unangenehme Gefühle: Zieht man durch ein Missgeschick, eine unpassende Bemerkung oder eine offensichtliche Schwäche die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich, wird diese Situation unter anderem mit Angst vor dem Verlust des Images und Minderwertigkeitsgefühlen verknüpft.

In einem solchen Moment rächt sich, dass der Mensch ein soziales Wesen und auf die Anerkennung in der Gruppe angewiesen ist. Schamgefühle haben sich nach Ansicht von Wissenschaftlern nämlich im Lauf der Evolution entwickelt, um den Betreffenden vor einer Gefahrensituation zu warnen: der Verletzung der Gruppenregeln. Ein solcher Verstoß gegen allgemein akzeptierte Verhaltensweisen konnte im schlimmsten Fall zum Ausschluss aus der Gruppe führen, was wiederum Gefahr für Leib und Leben bedeutete.

Damit genau das nicht passiert und sich die Mitmenschen nicht vor den Kopf gestoßen fühlen, hat die Natur für einen solchen Fall das Rotwerden vorgesehen, glauben die Evolutionsbiologen. Schließlich ist Rot eine Warnfarbe und signalisiert: Achtung, hier stimmt etwas nicht! Wer also einen peinlichen Fauxpas begeht und anschließend einen leuchtend roten Kopf bekommt, signalisiert allen anderen "Schaut her, ich habe Mist gebaut und weiß es auch!".

Ein roter Kopf macht den Pechvogel sympathisch

Durch das öffentliche Erröten "räumen die Menschen einen Fehler ein, unterstreichen ihre Unterstützung für die Spielregeln, die sie übertreten haben, und bekunden implizit, dass ihr ungeschicktes, dummes oder unerwünschtes Verhalten keineswegs als Ausdruck ihrer Persönlichkeit missverstanden werden soll", bringt es der amerikanische Psychologe Mark Leary in "bild der wissenschaft" auf den Punkt.

Und diese Botschaft kommt praktisch immer an: Wer beobachtet, wie jemandem ein Missgeschick passiert, reagiert entweder mitfühlend oder sogar selbst peinlich berührt. Demnach hat ein schamrotes Gesicht trotz aller unangenehmen Nebenwirkungen auch sein Gutes: Wie eine britische Studie zeigt, macht das Rotwerden einen Pechvogel erst sympathisch - und sichert ihm beim nächsten Fehltritt die Hilfsbereitschaft seines Publikums.

Ilka Lehnen-Beyel/DDP / DDP
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