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Religion und Gesundheit: Sind fromme Menschen gesünder?

Ob Gläubigkeit die Gesundheit beeinflusst, wollen vor allem US-Wissenschaftler herausfinden. Bisher sind die Ergebnisse allerdings umstritten.

Vor einem Jahr kamen Forscher aus Philadelphia zu dem Schluss, dass ältere Kirchgänger eine bessere Lungenfunktion bewahren als nicht gläubige Senioren. Ihre Erklärung: Der Kirchbesuch gewähre emotionalen Rückhalt, verringere soziale Isolation und fördere damit das Wohlbefinden alter Menschen. Generell deuten vor allem US-Studien auf einen - wenn auch eher schwach ausgeprägten - gesundheitlichen Nutzen des Glaubens hin. Demnach sind fromme Menschen psychisch gesünder, weniger stressgeplagt, seltener depressiv und generell zufriedener mit ihrem Leben. Metaanalysen zeigen sogar, dass Religiosität vor körperlichen Problemen wie Bluthochdruck und Herzerkrankungen schützt.

"Der Einfluss von Religiosität wird überschätzt"

Solche Resultate bewertet Sebastian Murken von der Universität Trier skeptisch. „Die Qualität der Studien lässt sich kaum prüfen“, sagt der Religionspsychologe. „Und nach negativen Effekten wird meist nicht gefragt.“ Finanziert wird der Großteil solcher Untersuchungen von religiösen Gruppen wie der John Templeton Foundation. Sie wollen den Nutzen des Glaubens auf ein wissenschaftliches Fundament heben. Murken selbst schließt nicht aus, dass Religiosität die Gesundheit beeinflussen kann - allerdings eher indirekt durch Speise- und Hygienegebote oder den Rat zum Alkoholverzicht. Abgesehen davon gäben seriöse Studien kaum Hinweise auf eine grundsätzliche gesundheitsfördernde Wirkung des Glaubens. "Der Einfluss von Religiosität wird überschätzt", sagt Murken.

Dies gilt auch für den Umgang mit Krankheiten. "Dass Religiosität bei der Krankheitsbewältigung hilft, lässt sich in Studien nicht zeigen", sagt Murken. Zwar erleben viele Menschen, die plötzlich mit einer schweren Krankheit konfrontiert werden, ihren Glauben subjektiv als haltgebend. "Aber deshalb geht es anderen Kranken nicht schlechter", erläutert der Forscher. "Wer nicht gläubig ist, findet unter Umständen woanders Halt, etwa in der Familie oder in einer humanistischen Weltanschauung." Lediglich im Umgang mit schweren Schicksalsschlägen, die rational nicht erklärbar seien, biete es vielleicht Vorteile, im Glauben verankert zu sein, vermutet Murken.

Mögliche negative Effekte des Glaubens werden dagegen in den meisten Studien gar nicht erst thematisiert. Dabei deuten Murkens Untersuchungen darauf hin, dass manche, meist ältere Gläubige mit einem sehr negativen Gottesbild Schicksalsschläge oder Erkrankungen als Strafe Gottes für Verfehlungen und Sünden interpretieren. Das behindere eine selbstverantwortliche Entwicklung des Menschen und führe zu einem Gefühl der Hilflosigkeit. "Der Glaube sollte die Selbstverantwortung des Menschen nicht schmälern", betont der Psychologe.

Keine Fürbitte zur Genesung

In den USA treibt die Diskussion um Religion und Gesundheit mitunter seltsame Blüten. So ließen Forscher der Harvard-Universität drei christliche Gruppen zwei Wochen lang für die Genesung von insgesamt 1200 Patienten beten, die am Herzen operiert worden waren. Ein Teil der Patienten wusste, dass für sie gebetet wurde, für andere wurde gebetet, ohne dass sie es wussten. Für eine weitere Gruppe wurde nicht gebetet. Resultat der umgerechnet etwa 1,7 Millionen Euro teuren Untersuchung: Zumindest im Zeitraum von 30 Tagen förderten die Gebete die Genesung nicht. In der Gruppe, für die gebetet wurde und die von diesen Fürbitten wusste, kam es sogar öfter zu Komplikationen. Mögliche Erklärung: Vielleicht waren die Patienten besorgt darüber, dass ausgerechnet sie für die Gebete ausgewählt wurden, nach dem Motto: Ich bin so krank, dass sie für mich beten müssen.

AP / AP
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