Römer-Schlachtfeld in Niedersachsen Jetzt wird Geschichte neu geschrieben


In Niedersachsen liegt ein Waldstück, das unser Geschichtsbild ins Wanken bringt. Auf dem Harzhorn entdeckten Archäologen ein Schlachtfeld, auf dem im 3. Jahrhundert Römer gegen Germanen kämpften. Dass sich Römer zu dieser Zeit noch so weit nördlich aufhielten, war bisher unbekannt. Wer die Schlacht bei Kalefeld gewann, ist noch unklar.
Von Tina Walsweer, Kalefeld

Altes Laub bedeckt den feuchten Waldboden. Nebel hängt zwischen den Bäumen, die an den steilen Hängen des Harzhornes wachsen. Auf diesem Höhenzug am Rand des Harzes fand vor 1800 Jahren eine Schlacht zwischen Römern und Germanen statt. Diese Erkenntnis verändert das bisherige Geschichtsbild grundlegend.

Im 3. Jahrhundert zog ein Tross von etwa 1000 römischen Legionären, Söldnern und orientalischen Bogenschützen über einen engen Pass entlang des Harzrandes. In Rom herrschte zur damaligen Zeit Kaiser Maximus Thrax, der erste sogenannte Soldatenkaiser. Die römische Truppe befand sich vermutlich auf dem Rückzug in Richtung Limes. Doch am Harzhorn im heutigen Südniedersachsen standen sie plötzlich einem Heer der Germanen gegenüber. Es folgte ein erbitterter Kampf, rund 200 Jahre nach der Varusschlacht. Bei dem Gefecht im Osnabrücker Land wurde im Jahre 9 n. Chr. etwa ein Achtel des damaligen römischen Gesamtheeres vernichtet. Bisher gingen Historiker davon aus, dass die Truppen Roms sich nach ihrer verheerenden Niederlage hinter den Limes-Grenzwall zurückzogen und nicht mehr so weit im Norden kämpften. Doch die Geschichtsschreibung muss nun wohl neu überdacht werden.

Zufallsfund im Jahr 2000

"Die Entdeckung ist eine wissenschaftliche Sensation", sagt Lutz Startmann, niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur. Dabei ist der Fund des Schlachtfeldes einzig einem Zufall zu verdanken. Bereits im Jahr 2000 machten die Hobby-Schatzsucher Winfried Schütte und Rolf Peter Dix einen erstaunlichen Fund in Form eines unförmigen, etwa handgroßen Metallobjektes. Das allerdings "illegalerweise", wie die zuständige Kreisarchäologin Petra Lönne zu bedenken gibt, denn es sei verboten, mit einem Metallsuchgerät archäologischen Bodendenkmälern nachzuspüren. Da den beiden geschichtlich interessierten Bürgern aber der Wert des Artefaktes nicht bewusst war, behielten sie ihre Entdeckung vorerst für sich. "Zunächst konnten wir das gar nicht einordnen", erzählt Dix. Schließlich erhielten sie aber den Tipp, es handele sich um eine Hipposandale, eine Art antikes Hufeisen für Pferde und Lasttiere.

Um das zu bestätigen, brachte Winfried Schütte das Metallstück im Sommer zu Kreisarchäologin Petra Lönne. Sie erkannte, was es mit dem Hufbeschlag auf sich hatte, obwohl dessen Fund im Widerspruch zur bisherigen Geschichtsschreibung steht. Sie sei zwar skeptisch gegenüber der Beschreibung der Fundstelle gewesen, berichtet Lönne. Trotzdem machte sie sich mit ihrem Team an der angegebenen Stelle auf die Suche nach weiteren Gegenständen, und die Metalldetektoren schlugen sofort Alarm.

Jetzt begann ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn seit der Entdeckung des Schlachtfeldes bei Kalkriese und eines Römerlagers bei Hedemünden sind immer wieder Raubgräber in Südniedersachsen aufgetaucht. Daher gruben die Archäologen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei mussten sie sich vor allem auf Stillschweigen aller Beteiligten und der Einwohner Kalefelds verlassen. Innerhalb von nur fünf Monaten untersuchte Archäologin Lönne mit Hilfe des niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und einer Gruppe zuverlässiger Metallsondengänger das 1,5 Kilometer lange und 500 Meter breite Areal.

Wo sind die Waffen der Germanen?

Dort entdeckten sie bislang etwa 600 Metallstücke. Neben etlichen häufig von orientalischen Kriegern gebrauchten Pfeilspitzen fanden die Archäologen Axtklingen, Speerspitzen, Eimerhenkel, Pferdegeschirr, metallene Verzierungen von Kleidung sowie eine große Anzahl von Sandalennägeln. An einigen der Fundstücke haftet sogar noch organisches Material, so dass sich die Gegenstände zeitlich einordnen lassen. Anhand der Verteilung der Sandalennägel könne sogar eine Aussage über die Abmarschwege der Römer gemacht werden, erklärt Lönne. Die Orientierung der Geschossspitzen in Richtung der Hügelkuppe gebe außerdem einen weiteren Hinweis auf die Richtung, in die sich die römischen Krieger durchschlugen.

Offen bleibt aber noch, wer als Sieger aus der Schlacht hervorgegangen ist. Auch gibt es noch keine Erkenntnisse darüber, warum keine Waffen der Germanen gefunden wurden. Doch die Wissenschaftler wollen diesen Fragen in Zukunft auf den Grund gehen. "Als nächstes wollen wir Schnitte machen und dann richtig großflächige archäologische Untersuchungen durchführen. Da erhoffen wir uns Reste von Verschanzungen, organische Reste oder auch Keramik", beschreibt Lönne die Pläne für die Untersuchung des Gebietes. Welche Schätze sie bei weiteren Grabungen zu Tage fördern wird, bleibt abzuwarten.


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