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Trauma-Experte: Chance auf ein normales Leben

Natascha Kampusch hat eine Chance auf ein normales Leben, sagt Trauma-Experte Georg Pieper. Das Schicksal des Mädchens aus Wien, das nach acht Jahren freigekommen ist, sei jedoch außergewöhnlich.

Die entführte Natascha Kampusch hat nach Ansicht des Trauma-Experten Georg Pieper trotz des erlittenen Martyriums Chancen auf ein normales Leben. "Die Psyche ist sehr erfinderisch und findet immer wieder Möglichkeiten, um mit Dramen umzugehen", sagte Pieper am Donnerstag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA. Natürlich stehe die Frage im Raum: Wie soll das Leben dieses Opfers weiter gehen? "Ich würde aber nicht sagen, das Mädchen ist verloren."

Die Traumatisierung Nataschas sei mit anderen Traumata kaum zu vergleichen. "Normalerweise erleben die Menschen einen kurzen Moment der großen Gefahr und übertragen die Todesangst auf eine Vielzahl von Situationen", schilderte Pieper. In der Therapie könne man aufzeigen, dass diese Übertragung unbegründet ist. "Bei diesem Mädchen war die traumatische Situation jedoch nicht die Ausnahme, sondern wurde ein Dauerzustand."

Es gibt kein Patentrezept

Zu dem Schicksal von Natascha gebe es kaum vergleichbare Fälle. "Kein Therapeut dürfte deshalb ein Patentrezept haben", sagte Pieper. Er fühle sich an ein Labyrinth erinnert, wo der Therapeut zunächst nur sagen könnte, welches der falsche Weg ist. "Sinnvoll dürfte aber in jedem Fall eine therapeutische Langzeithilfe für die 18-Jährige und ihre Familie sein."

Erschwerend für die Verarbeitung sei, dass der Entführer Selbstmord begangen hat. "Dadurch gibt es nur die psychologische Realität des Mädchens - diese muss nicht den objektiven Gegebenheiten entsprechen", betonte der Psychologe. In den acht Jahren der Geiselhaft müsse zwischen dem Täter und seinem Opfer eine Beziehung entstanden sein. "Die Frage ist, ob diese von Gewalt geprägt war oder in irgendeiner Form menschliche Züge hatte."

Der 53 Jahre alte Psychologe aus dem hessischen Gladenbach betreut seit den 80er Jahren Opfer schwerer Unglücke wie der ICE-Katastrophe von Eschede. Zudem hat er sich um deutsche Geiselopfer im Libanon gekümmert und die Betreuung der Schüler des Erfurter Gutenberg- Gymnasiums nach dem Amoklauf 2002 organisiert.

DPA / DPA
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