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Grubendrama in Chile Mit Hightech aus der Tiefe

Die Rettung der verschütteten Bergleute in Chile steht unmittelbar bevor. Der Weg zurück ans Tageslicht ist in jedem Detail geplant - schiefgehen kann trotzdem eine ganze Menge.
Von Lea Wolz

Über zwei Monate, mehr als 600 Meter unter der Erde: Noch nie waren Menschen so lange Zeit in solcher Tiefe eingeschlossen. Nun hat das bange Warten ein Ende. Heute Abend gegen 20 Uhr Ortszeit (1 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit) und damit früher als ursprünglich geplant soll die Rettung der Bergleute aus der chilenischen Unglücksmine San José in der Atacama-Wüste beginnen. Doch eine große psychische und physische Herausforderung steht den 33 Bergleuten noch bevor: der Weg zurück ans Tageslicht.

Drei weiß-rot-blaue Rettungskapseln mit dem Namen "Phönix" haben Ingenieure der chilenischen Marine gebaut, mit unterschiedlicher Länge. Alle haben einen Durchmesser von 53 Zentimetern, die Bergleute können sich darin kaum bewegen. In diesen Röhren sollen sie einzeln durch den engen Schacht gezogen werden.

"Phönix" ist eine Weiterentwicklung der sogenannten Dahlbusch-Bombe, einer lebensrettenden Metallröhre, mit der verschüttete Bergmänner wieder an die Oberfläche geholt wurden. Ingenieure der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen hatten das Gerät 1955 entwickelt. Die spektakuläre Rettung von Kumpeln im niedersächsischen Lengede 1963 machte die Dahlbusch-Bombe weltweit bekannt. Ob das Drama in Chile ein ähnlich glückliches Ende nimmt, ist noch offen.

Bewegt wird die Kapsel von einem Kran an der Oberfläche. Für die Kumpel ist die Fahrt eine Nervenprobe: Hält der teilweise mit Metallrohren stabilisierte Schacht? Bleibt die Kapsel stecken? Kann sie abstürzen? Bei ihrem Weg durch den Berg dreht sich die Kapsel um die eigene Achse - in Kurven zehn bis zwölf Mal. Bevor der Aufstieg beginnt, bekommen die Bergleute daher ein sehr kalorienreiches Getränk, das von der US-Weltraumbehörde Nasa stammt und Übelkeit vorbeugen soll. Eine gute halbe Stunde soll die Fahrt aus 624 Metern Tiefe ans Tageslicht dauern. Bis die Kapsel wieder herabgelassen werden kann, vergeht in etwa dieselbe Zeit. Spätestens nach zwei Tagen sind alle Kumpel aus dem unterirdischen Verlies befreit, hoffen die Behörden.

Angst vor Panikattacken

Angst haben sie vor allem davor, dass es zu Panikattacken kommt. "Das ist eine Situation, in der das natürlich sehr leicht passieren kann", sagt der Traumaexperte Georg Pieper. "Durch eine entsprechende fachliche Begleitung ist die Panik allerdings zu managen." Der Psychotherapeut war 1988 bei dem Grubenunglück im hessischen Borken im Einsatz. Damals waren in einem Stollen sechs Bergleute drei Tage lang verschüttet.

Laut Pieper ist es wichtig, die Kumpel vorher im Detail zu informieren, wie die Kapsel aussieht, wie die Fahrt voraussichtlich abläuft und welche Geräusche es geben könne. "Wird jemand in der Kapsel nervös, kann der betreuende Psychologe zum Beispiel Denkaufgaben stellen oder sich das Lieblingsessen beschreiben lassen", sagt der Traumaexperte. Wichtig sei vor allem, dass immer mit offenen Karten gespielt werde. "Auch wenn es Störungen gibt." Passiere wirklich etwas Schlimmes, werde es allerdings schwer, weiterhin Hoffnung zu vermitteln und Ruhe zu bewahren.

Um genau zu verfolgen, wie es den Kumpel geht, ist eine Kamera in der Rettungskapsel installiert; sich mit den Rettern an der Oberfläche zu unterhalten, ist ebenfalls möglich. Daneben sind die Bergarbeiter mit einer Sauerstoffmaske und einem High-Tech-Gürtel ausgestattet, der umgeschnallt wird, sobald sie die Kapsel betreten. Herzfrequenz, Blutdruck, Puls, Sauerstoffzufuhr und Atmung sollen so überprüft werden.

Bevor sie aus ihrem Gefängnis befreit werden, bekommen die Bergleute aber erst einmal Besuch. Spezialisten sollen in den Schutzraum hinabfahren, um die 33 Männer vor Ort auf die Ausfahrt vorzubereiten. Schon seit einiger Zeit trainieren die Verschütteten, um für die Strapazen des Aufstieges körperlich gewappnet zu sein. Sie halten sich an eine spezielle salzreiche Diät, stemmen Gewichte und sprinten in den langen Gängen der Mine. Nun wurden ihnen erste Medikamente gegeben, um Blutgerinnseln vorzubeugen, berichtet Chiles Gesundheitsminister Jaime Manalich. Zudem sollen sie Kompressionsstrümpfe tragen.

Für Ihre Fahrt ans Tageslicht werden die Bergleute auch noch einmal neu eingekleidet - denn die Temperaturen sind extrem unterschiedlich. Im Stollen sind es über 30 Grad, über Tage ist es unter zehn Grad kühl. Unter grünen, hautengen und atmungsaktiven Maßanzügen mit Reflektoren werden die Männer schweißabsorbierende Shirts tragen. Dazu kommen warme Handschuhe, eine Mütze, Sicherheitsschuhe und ein Helm.

Trauma muss aufgearbeitet werden

Gerettet werden sollen die Kumpel in einer bestimmten Reihenfolge. Wie Gesundheitsminister Manalich sagte, sollen erst diejenigen herausgeholt werden, die noch fit sind und auf Rückschläge reagieren können. Danach sollen die Schwachen und Erkrankten transportiert werden. Ein Mann leidet unter Bluthochdruck, ein anderer an Diabetes, andere haben Zahn- und Atemwegsinfektionen oder Hautverletzungen. Am Ende werden die körperlich Stärksten ans Tageslicht gebracht.

"Die Reihenfolge muss gut ausgewählt sein", sagt Trauma-Experte Pieper. Zwar steige das Gefühl der Hoffnung, wenn ein Kumpel nach dem anderen in der Röhre verschwinde und die Kapsel wieder leer nach unten zurückkehre. Gleichzeitig würde der Druck für diejenigen immer größer, die bis zum Schluss unten bleiben müssen. "Sie müssen gegen den Gedanken ankämpfen, dass plötzlich alles nicht mehr klappen und sie alleine zurückbleiben könnten", sagt Pieper. "Das müssen daher starke Persönlichkeiten sein."

Experten warnen auch davor, dass der erste Kontakt mit der Außenwelt für die Kumpel überwältigend sein könne. Nach zwei Monaten im dunklen Gefängnis müssen sich nicht nur ihre Augen, die durch Sonnenbrillen geschützt sind, erst langsam wieder an das Tageslicht gewöhnen. "Wenn die Kumpel zum ersten Mal ihre Familie und ihre Freunde wieder sehen, ist das ein hoch emotionaler Moment", sagt Pieper. Zuerst folge auf den Druck eine ungeheure Erleichterung. "Doch dann ist die Luft erst einmal raus." Auch mit dem enormen Medienrummel müssten die Betroffenen erst einmal zurecht kommen.

Über Tage erwartet die Kumpel ein Betreuungsteam aus Ärzten und Psychologen. Ist es nötig, werden die Geretteten mit Vitamin D und Augentropfen versorgt, mögliche Hautkrankheiten und Zahnprobleme können vor Ort behandelt werden. Wer fit genug ist, kann in einer nahe gelegenen Ruhezone seine Verwandten treffen. Anschließend werden die Kumpel mit einem Rettungshubschrauber in das zwölf Flugminuten entfernte Krankenhaus der Stadt Copiapo gebracht. Dort erhalten sie Schlafanzüge mit dem aufgedruckten Stern der chilenischen Flagge und der Aufschrift "33".

Für den Psychotherapeuten Pieper ist eine gute psychologische Betreuung in der Zeit nach der Rettung entscheidend, damit durch das Trauma keine Folgestörungen wie Phobien oder Depressionen entstehen. Mit den Borkener Bergleuten hat Pieper über Jahre hinweg eng zusammengearbeitet. Besonders der Zusammenhalt in der Gruppe sei wichtig, sagt er. Denn in dem geschützten Rahmen könnten sich die Betroffenen über ihre Erlebnisse und Ängste austauschen. "Familie und Freunde haben relativ schnell wieder den Anspruch, dass der Alltag normal weitergeht", sagt Pieper. "Doch für die Bergleute ist die Erfahrung so einschneidend, dass sie diese ihr Leben lang nicht vergessen werden."

mit Agenturen

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