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Libellen: Flugkünstler für kurze Zeit

Sie sind die Apache-Hubschrauber unter den Fluginsekten: Libellen. Obwohl sie äußerlich regelrechte Brummer sein können, sind Libellen exzellente Flieger. Und Kampfmaschinen obendrein.

Das typische Summen, Brummen oder Schwirren anderer Fluginsekten kennt man von ihnen nicht. Wie an unsichtbaren Fäden gezogen scheinen Libellen eher lautlos durch die Luft zu schwimmen. Den einstmals größten Insekten der Erde stehen dafür vier riesige Flügel zur Verfügung. Doch es ist vor allem der ausgeklügelte Flügelapparat, der ihnen selbst kompliziertesteFlugmanöver erlaubt: Abrupte Richtungswechsel, plötzliches Verharren im Flug, sogar Rückwärtsfliegen, das einige Libellen beherrschen, ist nur möglich, weil sie beide Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen können.

Alles im Blick

Wer gut fliegen kann, der muss auch gut sehen - deshalb sind bei Libellen nicht nur die Flügel üppig bemessen, sondern auch die Augen. Die riesigen Halbkugeln machen fast den größten Teil des Kopfes einer Libelle aus. Wie alle anderen aus ihrer Insektenverwandtschaft haben auch Libellen ein Facettenauge, das sich aus vielen tausend Einzelaugen (Ommatidien) zusammensetzt.

Wieder halten die Libellen einen Rekord: 30.000 Ommatidien pro Riesenauge (bei anderen Insekten sind es durchschnittlich nur 2.500) sorgen dafür, dass sie so gut wie Rundumsicht haben. Wer schon einmal versucht hat, eine Libelle zu fangen, spürt diese Eigenschaft sehr schnell - denn das ist ein fast aussichtsloses Unterfangen. Selbst was hinter ihnen passiert, können die Tiere sehen. Insofern gilt Humphrey Bogarts "Casablanca"-Spruch "Ich schau dir in die Augen, Kleines" für einen Menschen fast immer, der sich einer Libelle nähert.

Ob hingegegen auch die Libelle einem in die Augen schaut, kann man leicht herausfinden: Wenn man den kleinen beweglichen dunklen Fleck in ihrem Facettenauge sehen kann (die sogenannte Pseudopupille), blickt sie einen gerade direkt an.

Mit seinem Tun muss ein menschlicher Libellen-Möchtegernfänger für die Flugkünstler ohnehin unglaublich behäbig und plump wirken. Libellenaugen besitzen nämlich eine zeitliche Auflösung von fast 200 Bildern pro Sekunde. Bei einem Menschen ist da mit 24 Bildern pro Sekunde schon Schicht im Schacht. Im Kino hätten Libellen daher auch relativ wenig Spaß: zu langweilig wäre diese bizarre Diashow für die Insekten.

Die große Zeit ist seit 300 Millionen Jahren vorbei

Als würde ihr dieses Superauge nicht schon reichen, hat eine Libelle an der Kopfoberseite zusätzlich noch drei Miniaugen. Was die machen, weiß man zwar noch nicht so genau, aber wahrscheinlich sind sie ausschließlich dazu da, die Helligkeit zu messen. Die kurzen Fühler fungieren hingegen als Tacho: schließlich muss ein Flugkünstler immer wissen, wie schnell er fliegt.

Diese Luxusausstattung macht eine Libelle zu einem Kampfhubschrauber, der auf andere Insekten Jagd machen kann wie kein anderer. Ihre Beute schnappt sie sich bevorzugt im Flug, wobei andere Fluginsekten gegen ihre Flugkünste den Kürzeren ziehen müssen. Dabei ist sie nicht wählerisch: Eine Libelle frisst alles, was ihr zwischen die Beine kommt. Solange es kleiner ist als sie. Kannibalismus kommt übrigens auch bei ihnen vor.

Libellen hatten ihre wortwörtlich größte Zeit vor vielen Millionen Jahren, zur Zeit des Karbon (355 Millionen - 290 Millionen Jahre v. Chr.). Weite Gebiete, die sich damals in den Tropen befanden, boten ihnen ein warmes und feuchtes Klima. Die Pflanzenwelt bestand vorwiegend aus riesigen Farnen und an Land war noch nicht viel los: nur ein paar Amphibien krochen über die Erde. Von den mächtigen Dinosauriern war noch weit und breit keine Spur.

So überdimensioniert wie die Farne waren auch die Urahnen der Libellen: Flügelspannweiten von über 70 Zentimetern machten sie zu den Königen der ansonsten unbevölkerten Lüfte. Die Libellen des Karbon waren die größten Insekten, die diese Welt je gesehen hat - bis heute ist dieser Rekord ungebrochen.

Zwar erreichen die modernen Libellenarten immer noch stattliche 20 Zentimeter. Die großen Zeiten sind jedoch ein für allemal vorbei, seitdem sie das Monopol über die Lüfte abgeben mussten. Zu groß war wohl die Konkurrenz durch Flugsaurier. Und 100 Millionen Jahre später traten dann auch noch die neuen Herrscher die Lüfte auf den Plan: die Vögel.

Lange zu Wasser, kurz in der Luft

Erstaunlich ist, dass solch ein Flugkünstler wie die Libelle den größten Teil ihres Lebens eigentlich ein Wassertier ist. Im Schnitt stehen ein bis zwei Jahre Larvenleben wenigen Wochen Libelle gegenüber. Am Anfang steht das Ei, das im Wasser abgelegt wurde. Die Larven, die daraus schlüpfen, leben räuberisch und haben Kiemen. Ihre Nahrung beinhaltet - je nach Größe der Libellenart - kleine Krebse, Mückenlarven oder auch Kaulquappen (im "Erwachsenenalter" wird der Spieß allerdings umgedreht: Libellen sind eine begehrte Froschmahlzeit).

Anders als viele Insekten durchläuft die Libelle keine Metamorphose, das heißt, sie verpuppt sich nicht. Stattdessen häuten sich die Libellenlarven mehrmals, wobei sie stetig größer werden. Erst gegen Ende des letzten Larvenstadiums verlässt die sie das Wasser, um schließlich zur eigentlichen Libelle zu werden: Sie hängt sich dafür meist senkrecht an eine Wasserpflanze und dort schlüpft dann das ausgewachsene Insekt aus der Larvenhülle.

Jens Lubbadeh

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