Schnecken Mein Haus, mein Garten, mein Kohldampf

Schneckentempo? Von wegen. In feuchten Sommern wie diesem erobern Schnecken hiesige Gemüsegärten verblüffend schnell. Mit Hilfe von Tricks, die sie auch in Wüste und Schnee gedeihen lassen.

Am besten an Ort und Stelle zerschneiden oder zerstechen! Überbrühen mit kochendem Wasser. Ersäufen in Alkohol oder vergiften mit kommerziellen Ködern! Auf alle Fälle kurzen Prozess mit den Biestern machen und möglichst viele von ihnen ins Jenseits befördern!

Brutal und gnadenlos sind die Vernichtungstipps, die unter Hobbygärtnern und Bauern kursieren. Der Feind heißt Schnecke. Sobald es geregnet hat, ziehen die Schleimer scharenweise glitzernde Spuren über Weg und Wiese, Beet und Acker. Mampfen Blätter, Stängel und Früchte vom Grünzeug, rauben selbst dem geduldigsten Pflanzenfreund den Nerv: "Viele unserer Mitglieder sind verzweifelt, die Tiere machen ganze Gemüsegärten nieder", sagt Wolfgang Moritz vom Landesverband Braunschweig der Kleingärtner e.V. Ein Albtraum, fast so gruselig wie Patricia Highsmiths Erzählung "Der Schneckenforscher". Da züchtet ein argloser Büromensch glitschige Geschöpfe in Gläsern; die Brut gerät außer Kontrolle, überwältigt den Geschäftsmann und erstickt ihn.

Keine pauschale Verdammung, bitte

Bei aller Wut auf die gierigen Fresser gibt es keinen Grund zur pauschalen Verdammung von allem, was glibbert. Nur eine klitzekleine Minderheit im gewaltigen Artenspektrum der Kriecher vollbringt das zerstörerische Werk. Spanische Wegschnecke und Ackerschnecke heißen die Hauptübeltäter. Zwar knabbern auch Weinberg- und Gartenschnirkelschnecke an den umhegten Pflänzchen, doch fallen sie nicht en masse in die Beete ein.

Bauchfüßer

Die "Gastropoden", wie Biologen die Bauchfüßer nennen, sind Erfolgstypen der Natur. Als nahe Verwandte von Muschel und Tintenfisch krochen sie schon durchs Erdaltertum vor Hunderten Millionen Jahren, wie Versteinerungen beweisen. Sie haben die Dinosaurier überlebt und den Untergang der Schachtelhalmwälder.

Fast alle Lebensräume eroberten die Viecher. Es gibt sie unterm Alpenschnee, im Regenwald und in den Wüsten. Auch in den Ozeanen, in Flüssen und unter der Erde, tief im Kies und Sand des Grundwassers sind sie zu Hause. "Ursprünglich lebten die Tiere im Meer und eroberten dann das Land", sagt Vollrath Wiese, Vorsitzender der Deutschen Malakozoologischen (weichtierkundlichen) Gesellschaft und Besitzer einer der größten privaten Schneckensammlungen im "Haus der Natur" im schleswig-holsteinischen Cismar. "Einige Arten sind später wieder ins Meer zurückgegangen."

Verwirrende Formenvielfalt

An die 100.000 Spezies kennt die Zoologie. Der Reichtum der Formen ist verwirrend. Da kriechen weniger als einen Millimeter kurze und 60 Zentimeter lange Sorten. Es gibt sowohl Kiemen- als auch Lungenatmer. Die meisten tragen ein Gehäuse; sie bauen sich Mützen- und Kegel-, Birnen- und Schrauben-, Spindel- und Keulenformen. Das transportable, fest angewachsene Eigenheim ist der Clou der Gastropodenevolution. Bei Gefahren, die von Fressfeinden wie Vögeln, Schlangen, Kröten oder der dörrenden Sonne drohen, verschwindet der Besitzer in der harten Kalkschale. Kürzer kann ein Fluchtweg nicht sein.

Nur wenige Arten leben ohne Heim - zirka ein Zehntel aller Spezies. Die Nacktschnecken haben dunkle Tarnfarben oder strahlen - wie viele Meeresgastropoden - grellbunt und in auffälligen Mustern. Diese Tiere haben im Laufe der Stammesgeschichte den Panzer verloren. "Das hat den Vorteil, dass sie bis in kleinste Ritzen vordringen können", sagt Schneckenforscher Jürgen Jungbluth vom Naturhistorischen Museum in Mainz, "da finden sie dann auch den nötigen Schutz."

Glanzstücke der Evolution

Spezialisten sind sie alle, bestens angepasst an die jeweiligen Öko-Nischen und zu raffinierten Tricks befähigt. Die Blasse Lastträgerschnecke der philippinischen Gewässer etwa sammelt alle erreichbaren Fremdkörper ihrer Umgebung - Steine, Glasscherben, Zivilisationsmüll - und baut sie in ihr Gehäuse ein, offenbar, um sich perfekt zu tarnen. Selbst ein "Känguru" gibt es unter den Weichtieren: die Kronenschnecke. Der afrikanische Tümpelbewohner, dessen Haus mehr als zehn Zentimeter lang wird, hat einen Brutbeutel. In dieser Hauttasche am Nacken trägt das Weibchen seine Jungen. Ein weiteres exotisches Exemplar ist der Seehase. Die 15 bis 40 Zentimeter lange Schnecke, die meist in warmen Meeren vorkommt, kann einen tintenartigen Saft ausstoßen, der Angreifer verwirrt und abwehrt.

Schnecken "reißen" ihre Beute

Die meisten Gastropoden sind Vegetarier, manche auf Moose spezialisiert, andere auf Pilze. Wieder andere goutieren nur Welkes. Es gibt auch Aasfresser und Räuber, die Muscheln und Gehäuse anderer Schnecken anbohren. Ihre Beute reißen sie mit einer Raspelzunge voll winziger Zähne - bis zu acht Millionen sind es bei manchen Arten. Futter finden die Tiere vor allem dank chemischer Sensoren, Sinneszellen in ihrer Haut nehmen "Witterung" auf. Die optische Orientierung hingegen ist schwach entwickelt. Viele Landlungenschnecken blicken mit winzigen Augen an der Spitze ihrer Tentakel.

Gastropoden sind lernfähig, können sich etwa merken, was lecker schmeckt und wo Gefahren drohen. Weil sie ein simples Nervensystem mit großen Zellen besitzen, nutzten Neurowissenschaftler sie, um zu ergründen, wie das Lernen auf zellulärer Ebene funktioniert. Die Entschlüsselung dieses komplizierten biochemischen Vorgangs am Modell der Nacktschnecke "Aplysia californica" brachte im Jahre 2000 dem US-Neurobiologen Eric Kandel gar einen Nobelpreis ein.

Auf geht's - mit ein paar Metern pro Stunde

Alles entscheidend im Schneckenleben ist Feuchtigkeit. "Die Weichtiere bestehen zu 95 Prozent aus Wasser", sagt Jungbluth, "sie brauchen diese Menge, damit ihr Organismus einwandfrei funktioniert." Um sich vor Austrocknung zu schützen, hüllen sie sich in Schleim ein, den sie mit Drüsen in der Haut produzieren. Zudem sind Landschnecken vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit und Regenwetter aktiv, bei Trockenheit und Hitze verkriechen sie sich im Gehäuse, Nacktschnecken in Ritzen und unter Steinen. Dort können sie wochenlang auf Niederschlag warten. Auch gegen Kälte hilft der Rückzug ins Haus - sofern vorhanden. "Einige Nacktschnecken leben nicht mal ein Jahr, Tiere mit Gehäuse hingegen können sehr viel älter werden", sagt Experte Wiese. "So bringen es Weinbergschnecken beispielsweise auf 35 Jahre und mehr."

Gemächlich geht es zu im Reich der Gastropoden. Schließlich läuft das Futter nicht weg. Für das Vorwärtskommen sorgt der Fuß, auf dem der Korpus ruht. Elastisch und muskulös ist der Fortbewegungsapparat, Kontraktionswellen schieben ihn nach vorn, einige Meter pro Stunde - mehr ist mit dieser Technik zu Lande nicht drin.

Doch die ist ziemlich ausgefeilt. Beim Kriechen passt sich der Bauchfuß - hydraulisch durch das Einpumpen von Blut gesteuert - größeren Unebenheiten an. Gleichzeitig arbeitet sich die Sohle auf einer Schleimspur voran. Sie gleicht kleinere Bodenrauheiten aus und verfüllt Spalten im Untergrund. So lässt es sich fast reibungslos gleiten. Außerdem bleibt das Tier selbst bei steilstem Anstieg und sogar kopfüber haften. Nachteil: Je unebener der Weg, desto mehr Schleim ist nötig. Das macht die Schnecke noch langsamer. Auf Sand kann sie regelrecht liegen bleiben.

Langwieriges Liebesspiel

Sonderbar ist das Liebesspiel der schlüpfrigen Wesen, vor allem das der zwittrigen Landlungen-Sorten. Sie befruchten sich gegenseitig und steigern so den Vermehrungserfolg, denn nach der Kopulation können beide Partner Eier legen. Liebestechniken gibt es dabei fast ebenso viele wie Arten. Meist ist zur sexuellen Synchronisation ein langes Vorspiel nötig. Bei der Weinbergschnecke etwa kann es drei Stunden dauern.

Von chemischen Lockstoffen angezogen, betasten sich die Partner immer wieder. Manchmal, wenn sie dazu ihre Mundlappen einsetzen, sieht es aus, als würden sie sich küssen. Dann kommt der "Liebespfeil" zum Einsatz: Jede der Schnecken hat in einem Körpersack eine Kalkspitze produziert, die sie plötzlich herauskatapultiert und dem Gegenüber in die Flanke rammt. "Damit stimulieren sich die Tiere gegenseitig", sagt Schneckenforscher Wiese. Anschließend stülpen sie ihre Penisse aus und in die Vagina des anderen, übergeben jeweils ein Samenpaket.

Ungeliebter Spanien-Import

Fast alle Gastropoden legen Eier, einige wenige sind lebendgebärend. Die Größe des Geleges schwankt stark. Extrem ist es bei "Arion lusitanicus", der Spanischen Wegschnecke - und entsprechend groß der Hass der Gärtner. 400 Eier kann das bis zu 15 Zentimeter lange, umbrabraune oder ziegelrote Tier produzieren - bei günstigen klimatischen Bedingungen zweimal im Jahr. Theoretisch kann ein Pärchen 640 000 Nachkommen haben.

In den 60er Jahren wanderte die Spanische Wegschnecke, zuvor nur im Westen der Iberischen Halbinsel heimisch, per Grüntransport durch Europa bis hinauf nach Schweden. Längs des Weges verdrängte sie lokale Arten, bei uns die Schwarze und Rote Wegschnecke, die äußerlich kaum von ihr zu unterscheiden sind. Der Eiserne Vorhang stoppte einst den Zug nach Osten; jetzt erobert Arion lusitanicus auch die bislang verschonten Gebiete.

Wegschnecke ist leider nicht gleich Weinbergschnecke

Weil die Viecher kaum natürliche Feinde haben, wuchsen sie sich zur Plage aus und versetzen in feuchten Sommern wie derzeit die Gärtner in Panik. Alle Feldzüge reduzieren ihre Zahl immer nur vorübergehend. Überlegungen, ob sich die Ekelpakete kommerziell nutzen lassen, führten zu keinem Ergebnis. Als Nahrungsmittel, gar als Delikatesse wie die Weinbergschnecke, taugen Wegschnecken keinesfalls. Das stellte schon Anfang des 20. Jahrhunderts Hermann Löns fest, Dichter der Lüneburger Heide und leidenschaftlicher Schneckenforscher. "Ich strich mit dem Zeigefinger über eine Schnecke und kostete ein wenig von dem Schleime", notierte er. Löns spuckte und spie, selbst diverse Schnäpse brachten ihn nicht wieder ins Lot. Dann "verlor ich für drei Tage den Appetit", schrieb er - und "die Zuneigung eines sehr hübschen Mädchens, dem ich in meiner unglaublichen Torheit von meinem Versuche Mitteilung machte".

Horst Güntheroth print

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