HOME

Tropen-Aquarium Hagenbeck: Auge in Auge mit der Grünen Mamba

Im neuen Tropen-Aquarium des Hamburger Tierpark Hagenbeck kommen sich Mensch und Tier so nah wie nie zuvor. Nicht einmal eine Glasscheibe trennt die Besucher von Haien und Krokodilen - ein Gefühl wie im Dschungel oder unter Wasser.

Von Stephanie Souron

Die erste Begegnung mit einem Hai findet in drei Meter Tiefe statt. Es ist dunkel wie in einer Höhle, Tageslicht dringt längst nicht mehr an diesen Ort. Auch die Geräusche von außen sind verstummt. Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts fünf Hammerhaie auf. Mit eleganten Bewegungen gleiten sie durchs Wasser. Und keine schützende Glasscheibe zwischen Mensch und Tier.

Schon seit 100 Jahren, als der Hamburger Carl Hagenbeck den modernsten Tierpark der Welt eröffnete, trennen bei Hagenbecks nur Wassergräben und andere natürliche Hindernisse die Tiere von den Besuchern. Das Konzept hat der Tierpark bis heute beibehalten. Auch im neu eröffneten Tropen-Aquarium ist die Distanz zwischen Mensch und den 13.000 exotischen Tieren so gering wie möglich.

Wer die Hand ausstreckt, könnte die Haie streicheln

Die Haie im türkisblau schimmernden Bassin sind noch jung und nicht länger als 40 Zentimeter. Sie sehen aus wie Miniaturen ihrer erwachsenen Verwandten, die bis zu 1,20 Meter lang werden: schmaler Körper, breites Maul - das Tier trägt seinen Heimwerkernamen zu Recht! Faszinierend: Weil das Bassin nur bis zum Bauchnabel der Besucher reicht, erlebt man die Tiere in nie da gewesener Nähe. Ohne Plexiglas zwischen Betrachter und Hai fühlt man sich wie in den Weiten des Ozeans. Nicht einmal eine Armlänge vom Betrachter entfernt zerschneidet die Rückenflosse der Haie die Wasseroberfläche. Wer die Hand ausstreckt, könnte die Raubtiere streicheln.

"Aber es ist nicht so, dass sie einfach eine Hand reinstecken sollen", sagt Andrea Sassenberg, 28. Die Besucher sind Gäste im Lebensraum der Tiere. Die Leiterin des Aquariums glaubt, dass die Besucher so vernünftig sind, die Tiere in Ruhe zu lassen. "Wenn da jeder ins Wasser patscht, würden wir auch schnell ein Problem mit den Bakterien kriegen", sagt Sassenberg. Aber wer vor dem Bassin mit den Babyhaien ankommt, hat schon genügend Respekt gewonnen beim Rundgang durch das Tropen-Aquarium.

Direkt am Eingang, lange bevor man zu der Unterwasserwelt gelangt, führt ein Weg über Holzplanken durch einen subtropischen Regenwald. Zwischen Palmen und moosigen Felswänden räkeln sich Nil-Krokodile auf den Steinen. Faul blinzeln sie die Besucher an - aber ist all das nicht nur Tarnung? Weil auch hier die Gitter fehlen, ist die gefühlte Gefahr größer als anderswo. Außerdem zwitschert und zirpt es überall, die Luft ist feucht und wer seine Nase in eine Riechstation steckt, bekommt eine Ahnung davon, wie reich der Urwald auch an Düften ist. Die süßliche Vanille, das faulige Aroma der Aasblume und die fruchtige Mango sind ein Erlebnis für die Nase.

Vogelspinnen im Bauernschrank

Das Tropen-Aquarium besteht aus drei Themenbereichen, die hintereinander immer weiter in die Tiefe führen. Wer die Holzplanken des Urwaldes verlässt, betritt die Unterwelt. Das Licht wird dämmerig, die meisten Tiere leben hier in Höhlen. Gleich am Eingang flattern Fledermäuse an den Felswänden entlang und hinter der nächsten Ecke lauert eine Königskobra.

Zum ersten Mal ist man wirklich über eine Trennglasscheibe glücklich, denn die größte Giftschlange der Welt macht nicht den Eindruck, als sei sie zu Scherzen aufgelegt. Ihr Gift kann immerhin einen Elefantenbullen umhauen. Angriffslustig starrt das drei Meter lange Tier die Besucher an, ihre Augen verfolgen jede Bewegung. Auch die Flucht vor die nächste Höhle bringt keine wirkliche Erleichterung: Dort haust die Grüne Mamba. Ihre Nachbarn sind Kaiserskorpione und eine Gruppe Geißelspinnen.

Wem es jetzt noch nicht kalt den Rücken herunter läuft, der braucht nur einen Blick in die Bauernschränke zu werfen. Was haben die hell gebeizten Massivholzmöbel in einem Tierpark zu suchen? Schnell wird klar, dass in ihrem Inneren nicht Tassen und Teller vor Staub geschützt auf ihren Einsatz warten, sondern Fauchschaben, Vogelspinnen und Riesentausendfüßler einen neuen Lebensraum erschlossen haben. "Wenn der Schrank nicht in Deutschland, sondern in einem tropischen Land stehen würde, könnten diese Tiere durchaus darin unterkriechen", sagt die Tierpflegerin, die das Mittagessen für die Vogelspinne serviert: Maden und andere Krabbeltiere mit sehr vielen Beinen. "Das ist alles real."

Im künstlichen U-Boot hinunter in die Tiefe

Kurz dahinter ändert sich Untergrund zum zweiten Mal. Statt auf felsigen Gestein wie in der Höhlenwelt läuft der Besucher jetzt auf einem Metallgitter, taucht ein in die Tiefen des Meeres, sicher geschützt im Bauch eines U-Bootes - so zumindest suggeriert es das Dekor. Das Boot scheint zu schwimmen, vorbei an bunten Rotfeuerfischen, deren Spitzen bei Berührung zur Bewusstlosigkeit führen können. In Wahrheit schwimmen die Kaiserfische, Muränen, Guppys an den Bullaugen vorbei.

Hinter der nächsten Tür weicht das Gitter unter den Füßen einem Teppich, der die Geräusche schluckt. Von nun an ist man draußen im Meer. Die Verwandten von "Nemo", dem animierten Clownfisch aus dem Kino, schwimmen in einer zwei Meter hohen Wassersäule herum - hunderte orangefarbener Fische mit schwarzen Streifen, die aus den Anemonen herausschießen und ihre Runden drehen. "Und in dem ganzen Schwarm nur ein einziges Weibchen", sagt Andrea Sassenberg. Das Ungleichgewicht der Geschlechter ist gewollt: "Wenn mehr da wäre, gäbe es Zickenkrieg."

Live-Kino mit Haien und Rochen

Dann öffnet sich die letzte Tür und man betritt eine Art Live-Kino mit gepolsterten Sitzreihen. Der einzige Unterschied: Dort, wo man die Leinwand vermutet, steht ein sechs Meter hohes Aquarium mit 1,8 Millionen Litern Wasser. Rochen und ausgewachsene Haie ziehen hinter der gebogenen Scheibe ihre Runden, Auge in Auge mit dem Besucher. Obwohl 22 Zentimeter dickes Glas die Wassermassen zurückhält, hat man das Gefühl, mitten im Ozean zu schwimmen. Kein Kinofilm kann solche Szenen bringen.

Themen in diesem Artikel
  • Stephanie Souron