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Sprechstunde: Mit Glaubersalz vom Glauben abfallen

Zehn Tage fastete unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Er suchte die Einheit mit dem Universum und fand den Saft glücklicher Mohrrüben.

Techniken, um auf dem Pfad der Erleuchtung abzukürzen, gibt es in allen Kulturen der Welt. Schweigen, Beten - oder Fasten. Den Körper auszuhungern, soll die Seele nähren. Ich habe gefastet. Um meine übelsten Ernährungsgewohnheiten zu unterbrechen. Um meinen Fast-Food-vergräzten Darmzotten einen Neustart zu gönnen. Am meisten interessierte mich dabei: Was passiert mental? Denn beim Fasten stellt das Hirn seinen Stoffwechsel auf eine andere Basis. Und das soll einerseits den Hunger stillen, aber dank des Botenstoffs Serotonin andererseits für Hochgefühle, Glückseligkeit, ja sogar zur erlebten Einheit mit dem Universum führen.

Die rituelle Vorbereitung des Fastens ähnelt der vor einer größeren Bauchoperation. Dafür hätte ich aus rein praktischen Gründen zwischenzeitlich gern eine Krankenschwester dabeigehabt. Aber es musste auch so gehen. Also Glaubersalz, ein orales Abführmittel, das die Passage der verbliebenen Nahrung erleichtern soll. Mein weiser Körper dachte darüber anders, merkte, dass er hier wertvolle Nahrungsbestandteile leichtfertig wieder hergeben sollte, die er schon mühevoll bearbeitet hatte, und entschied: Da trenne ich mich doch lieber wieder vom Glaubersalz. Diese Entscheidung wurde mir auch unmissverständlich mitgeteilt. Ich hätte es wissen können: Wie eklig Glaubersalz ist, merkst du schon beim Anrühren. Nicht mal das Wasser will mit dem Zeug was zu tun haben und verweigert dem Salz, sich in ihm aufzulösen. Nach dem "Glaubern" war mein Appetit auf alle Fälle für längere Zeit vom Glauben abgefallen. Jetzt musste nur noch ich vom Fleische fallen.

Säfte für die ganze Woche

Fasten heißt ja nicht gar nichts essen. Nur nichts Festes. Auf dass, wenn man erst mal eine Woche lang nur Flüssiges zu sich genommen hat, jeder schlichte Apfel automatisch zu einer Fest-Speise werde. Im Reformhaus erstand ich Säfte für die ganze Woche: Sauerkrautsaft, Gemüsesaft von glücklichen Mohrrüben und Mischgetränke von ansonsten unverdaulichen Knollen, die sich in grober Verkennung ihrer lustfeindlichen Bestimmung "Cocktails" nannten. Als ich an der Kasse die Summe erblickte, die mich diese abgepressten Lebensmittelreste kosten sollten, leuchtete mein Gesicht, als hätte ich den Sauerkrautsaft schon intus. Mein Portemonnaie und ich fühlten uns wie frisch erpresst.

Die erste große Überraschung beim Fasten war: Es geht. Es ist wirklich gar nicht so schwer. Ab und an knurrt der Magen, aber das Gefühl der Freiheit kann ich nur bestätigen: Nach den ersten drei Tagen ist der Hunger tatsächlich weg. Und dann gehst du mit einem an Verachtung grenzenden Stolz an allen sich noch im Stadium des Essens Gefangenen vorbei. Du siehst, welchen völlig unangemessenen Platz wir der Nahrung gewöhnlich einräumen: Erwerb, Zubereitung, Verzehr und Verdauung. Die Freiheit vom Körper wird zu einer Freiheit im Geiste, und für jedes Gramm, das du verlierst, gewinnst du eine Stunde gefühlter und eben nicht mehr mit gefülltem Magen nur verdöster Lebenszeit. Am Tag fünf bist du schon so gefestigt, dass du auch durch einen Supermarkt schlendern kannst, mit dem Philosophensatz auf den Lippen: "Sieh nur, was ich alles nicht brauche!"

Die große Erleuchtung lässt auf sich warten

Okay, ab und an musst du noch einen knappen Liter Speichel pro Minute heimlich herunterschlucken. Aber - es geht. Die zweite Überraschung: Die große Erleuchtung lässt auf sich warten. Ich wartete praktisch täglich auf sie, aber sie kam nicht. Die dritte Überraschung: Auch wenn man oben nichts Nennenswertes mehr hineingibt, kommt unten immer noch etwas heraus. Und zwar die ganzen zehn Tage! Wir sind randvoll mit Verdauungszwischenstufen und Nahrungsendprodukten. Die reichen für viele Wochen! Einheit mit dem Universum? Im wahrsten Sinne: Geschissen! Und vielleicht besteht genau darin die eigentliche tiefe spirituelle Erfahrung.

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