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Zimtstern-Geschichten, Teil 10: Mit Blockflöte auf Weihnachtsmann-Fang

Ich war vier und zweifelte die Existenz des Weihnachtsmanns bereits ernsthaft an. Dann sah ich ihn beim Nachbarsjungen im Wohnzimmer und versuchte, ihn mit Flötenspiel zu locken.

Von Swantje Dake

Weihnachten - Zeit der großen und kleinen Geschichten fürs Herz. Die stern.de-Redaktion teilt mit Ihnen ganz persönliche Erlebnisse rund ums Fest. Und so betrübt schaut eine Vierjährige, wenn der Weihnachtsmann am Haus vorbeigeht. Da hilft auch der neue Kaufmannsladen nicht.

Weihnachten - Zeit der großen und kleinen Geschichten fürs Herz. Die stern.de-Redaktion teilt mit Ihnen ganz persönliche Erlebnisse rund ums Fest. Und so betrübt schaut eine Vierjährige, wenn der Weihnachtsmann am Haus vorbeigeht. Da hilft auch der neue Kaufmannsladen nicht.

Ich hatte massive Zweifel. Diese Sache mit dem Weihnachtsmann - war da wirklich was dran? In der Kindergartengruppe konnten wir uns nicht einigen. Einige Freundinnen hatten Informationen, dass es diesen Mann mit dem Rauschebart angeblich gar nicht gäbe. Eine Erfindung der Erwachsenen sollte er sein. Und hatte nicht Mama kürzlich ein riesiges Geschenk ins Schlafzimmer getragen? Aber Mama und Papa gaben sich redlich Mühe, den Mythos aufrecht zu erhalten. Meine Zweifel blieben.

Ich konnte mich an keine Begegnung mit dem Weihnachtsmann erinnern. Denn irgendwie war der alte Mann immer schon bei uns gewesen, wenn wir aus der Kirche kamen. Dann lagen die Geschenke bereits unterm Baum, die Spuren waren verwischt. So auch an diesem Heiligabend, meinem vierten - und dem ersten, der mir wirklich in Erinnerung blieb. Das lag nicht nur an dem Kaufmannsladen und dem schicken Kasperletheater, die ich geschenkt bekam. Sondern hauptsächlich am Weihnachtsmann.

Mit der Flöte am Fenster

Nachdem Laden und Theater ausgepackt, aufgebaut und eingeweiht worden waren, sollte es Essen geben. Ich saß am Tisch, guckte gelangweilt aus dem Fenster - und fiel vom Glauben ab. Zumindest von dem Glauben, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Denn drüben im Wohnzimmer meines Nachbar-Freundes Thorsten stand er: Rotgekleidet, mit dickem Bauch und weißem Rauschebart verteilte er Geschenke. Potzblitz! Meine Zweifel zerbröselten. "Siehste", sagte meine Mutter. Es klang ein wenig nach Triumph, auch wenn sie es heute abstreiten würde.

Ich rutschte vom Stuhl, rannte ins Wohnzimmer und kramte in der Schrankwandschublade nach der Blockflöte meines Vaters. Spielen konnte ich nicht. Aber das zählte jetzt nicht. Ich musste auf mich aufmerksam machen. Bewaffnet mit der Flöte ging ich ans Fenster. Sobald sich die Haustür im Nachbarhaus öffnete, fing ich an zu … naja, "spielen" konnte man es gewiss nicht nennen. Ich flötete inbrünstig.

Aber der Weihnachtsmann schien taub zu sein.

Er erhörte mich nicht. Er lenkte seine Schritte auch nicht in Richtung unseres Haus. Er verschwand in dem Haus auf der anderen Straßenseite. Ich ließ von der Flöte ab und war fürchterlich enttäuscht. Es gab ihn also wirklich, doch ich durfte ihn nicht treffen. Ich war untröstlich. Und weder Kaufmannsladen noch Kasper konnten mich aufmuntern.