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Alpin-Wellness: In Heubad und Klangbett

Was passiert, wenn sich ein Wellness-Skeptiker auf esoterische Pfade begibt? Im italienischen Trentino hat stern.de-Autor Roland Brockmann zwei Wohlfühl-Hotels besucht und ungewöhnliche Anwendungen über sich ergehen lassen. Ein Selbstversuch.

Von Roland Brockmann

Draußen ist es kalt. Hinter der verglasten Front des Wellness-Bereichs ragen die schneebedeckten Berge des Trentino auf. Wie gut, dass ich drinnen bleiben darf. Denn mein Urlaub findet diesmal abseits der Piste statt - wohltemperiert und ganz ohne Unfallgefahr. Während die anderen auf ihren Skiern über die Abfahrten schlittern, wartet auf mich ein Bad im Heu. „Nova Vita“, neues Leben, nennt sich das Wohlfühlprogramm mehrerer Hotels im alpinen Trentino. Das gemähte Heu von den Hängen des Stilserjochs soll mich laut Prospekt in „Tip-Top-Kondition“ bringen. Ich bin skeptisch, Wellness ist nicht meine Welt.

Sanfte Musik, Tee, gedämpftes Licht - die Abteilung für Körperkultur des Hotel Kristiana in Cogolo di Pejo empfängt mich schon fast esoterisch. Swimmingpool, Sauna und Dampfbad sind selbstverständlich. In Kompressen mit Heu gepackt werde ich in eine 38 Grad warme Wanne abgesenkt: meine Arme eng an mich geschmiegt, schwimmend in einer Art Orgontank und umgeben von der Energie des letzten Sommers, als das Gras noch auf den Almen stand. Ich versuche mich zu bewegen, etwa wie eine Kaulquappe. Das gelingt mir, aber ich fühle mich beengt. Statt zu entspannen, denke ich an Wilhelm Reich und seine Idee der Orgonenergie. Er glaubte an eine erstarrte Sonnenenergie, gewonnen aus Sand. In seinem Orgontank sollte man physisch wie psychisch auftanken.

Weite Welt der Wellness

Aufgeladen durch die Sommerenergie des Trentiner Heus werde ich anschließend zur „Prima Oxygen Regenerationszone“ geleitet. Denn „Oxygen ist Leben“. Auf einer automatischen Liege, gut gepolstert, werde ich flach gelegt und per Plexiglaskuppel wie ein Kosmonaut mit reinem Sauerstoff versorgt. Das eigentliche Leben aber steckt in den Polstern der Liege, denn plötzlich kommt eine Bewegung von unten: Eine ausgeklügelte Mechanik massiert mich von unsichtbarer Hand. Die „Kiro Kiro Massage“ ist sehr wohltuend, aber sicher keine Spezialität des Trentino. Überhaupt scheint die lokale Wellness-Welt asiatisch unterwandert zu sein: Ayurveda in allen Varianten von Abhyanga bis Shirodhara, dazu alte Orienttechniken, Massagen à la Marrakesch oder einfache „Fruchttherapien“ und die „Süße Erwartung“ für werdende Mütter. Weite Welt der Wellness. Jeder Klang eine Verheißung. Und manchmal muss man schon eine gewisse Bereitschaft mitbringen, die Versprechung selbst zur Erfüllung zu bringen.

Vielleicht aber kommt meine angenehme Urlaubstimmung ja auch von der ausgezeichneten Marzemino-Rebe, die schon Goethe rühmte. Auch in Mozarts Zauberflöte soll dieser Wein aus dem Trentino seine Wirkung tun. Oder euphorisiert mich schlicht die frische Bergluft, als ich am nächsten Tag selber aktiv werde? Auf Schneeschuhen wohlgemerkt, abseits der Abfahrten in der Stille des verschneiten Waldes. Fern von Budenzauber und grölenden Pistenhelden. Leise knirscht der Schnee. Zwischen den Zweigen funkelt echtes Sonnenlicht. Das ist dann doch eine ganz eigene Magie. Lässt sich das durch Wellness noch steigern? Etwa durch eine Handmassage mit Trentiner Butter? Natürlich mit alpinen Kräutern. Draußen fallen Schneeflocken, drinnen zerfließe ich unter der Butter. Längst habe ich aufgehört, an irgendetwas zu denken.

Kräuter und Quarze

Im "La dolce Vita-Bereich" des Sporthotels Panorama wird mir ein Bad eingelassen, das seine Kraft neben Kräutern auch aus Quarzsteinen bezieht: darunter solche, die der Energie von Viagra angeblich in nichts nachstehen; doch die hat Lorenza, die lächelnde Meisterin der Körperkultur aus Paganella, für mich nicht ausgewählt. Schließlich reise ich als Single. Für mich sind die „Quarzo Ialio“ bestimmt - gut für alle Chakren, wie Lorenza meint. An diese Energiezentren glaube ich nicht, aber ich hätte mich ja auch zu einer Kneippkur anmelden können.

Gleich nebenan wartet anschließend eine schmale Kammer auf mich, darin nur eine harte Bahre aus massivem Holz - das sonorische Bett, ein monoakkordisches Musikinstrument als Möbelstück. Darauf soll ich mich legen, die Augen schließen. Keine Ahnung, was mich erwartet. Dann ertönen plötzlich Saitenklänge, das Holz beginnt zu vibrieren und dann auch ich. Therapeutin Lorenza kniet unterhalb des sonorischen Betts und zupft Drähte, die dort gespannt sind. Der Sound strömt über mich hin, meine Gedanken gleiten zurück zum Schnee. Gleißendes Weiß, reines Licht. So soll der Geist der Wahrheit sein, hat mir ein Buddhist einmal erklärt.

Doch Lorenzas Hände werden müde, die Session endet. Ich schlappe im weißen Bademantel zurück auf meine Zimmer, öffne die Balkontür - am Himmel funkeln die Sterne, unten im Tal glitzern die Lichter von Trient, nur 20 Autominuten entfernt. Ich spüre die Verheißung von Latte macchiato auf der Piazza. Und dazu eine Zigarette.

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