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Vennbahn-Radweg: Magische Tour durchs Eifel-Hochmoor

Hier geblieben! Auf einer alten Bahntrasse durchs Hochmoor radeln und grüne Grenzen zwischen Deutschland und Belgien überwinden - ein perfektes Ausflugsziel für Aktive im Spätsommer.

Von Klaus Simon

Als wir den Vennbahn-Radweg im deutschen Grenzdorf Kalterherberg verlassen, kommen wir ins Keuchen. Die Piste, die hier zum Aussichtsturm "Signal de Botrange" abzweigt, ist steiler als die kommode Zwei-Prozent-Steigung, die der Radweg aufweist. Für ein paar Kilometer geht es stramm bergauf durch einen Grimm'schen Märchenwald. Weidenröschen säumen den Weg. Einsame Quarzitfelsen machen sich zwischen Buchen und himmelstürmenden Fichten wichtig. Die Mühe lohnt sich, schon bevor man den mit 694 Metern höchsten Punkt Belgiens erreicht.

Vom "Signal de Botrange" schweift der Blick im Freiflug über das Hohe Venn, ein karges, menschenleeres Hochplateau mit purpur flackernden Heidekrautwiesen. Dazu gibt's ein Chimay-Trappistenbier, bevor wir wieder hinunter zum offiziellen Vennbahn-Radweg rollen.

2001 wurde die Vennbahn stillgelegt

Mehr als ein Jahrhundert lang, von der Inbetriebnahme 1889 bis zu ihrer endgültigen Aufgabe 2001, kamen die Menschen mit der Vennbahn sicher über das Hochmoor. Die 125 Kilometer lange Trasse von Aachen über das Fachwerkstädtchen Monschau und das belgische Sankt Vith bis ins luxemburgische Troisvierges führt durch tiefe Eifelwälder, wagt sich in die Weite des Hohen Venns vor und quert wilde Bachtäler.

Immer wieder wird die grüne Grenze überschritten, ohne dass man sagen könnte, wo Belgien beginnt oder Deutschland endet. Straßen berühren die Trasse nur selten. Die Steigung pendelt sich bei durchschnittlich zwei Prozent ein. Noch ein Grund mehr, die stillgelegte Bahnstrecke zum grenzübergreifenden Radweg auszubauen, fand man vor ein paar Jahren von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens bis zur Städteregion Aachen. Gemeinsam ging man ans Werk. Im Sommer 2013 feierte der Vennbahn-Radweg seine Eröffnung.

Gang übers Hochmoor

Seither brummt es bei Patricia Frebel. Die vergnügte Lütticherin hat am Bahnhof Kalterherberg einen Eisenbahnwaggon, Baujahr 1936, zum Café umgestaltet. Gleisbett und Bahnhof liegen bereits in Belgien, was für Patricia Frebel kulinarische Verpflichtung ist. Auf der Karte von "Waffle Time" stehen urbelgische Waffeln, hausgemacht, mit Kirschen, mit Sahne oder nur mit Puderzucker. Die Waffelbäckerin bedauert nur eins: "Isch spreschö nischt gutt Deutsch". Mon dieu, wenn's mehr nicht ist.

Nach zwei weiteren Tagen Strampeltour muss das Rad mal kurz stehenbleiben. Wir sind mit Rita Braun zu einer Führung durch das Polleur-Venn verabredet - dieses Naturschutzgebiet westlich von Monschau ist für Fahrräder gesperrt. Die diplomierte Naturführerin, 82 Jahre jung und seit 1961 aktives Mitglied im wanderfreudigen Eifelverein, geht schnellen Schrittes voraus.

Pfeifengräser stecken ihre Pilzkopfbüschel zusammen. Flatterbinsen wogen im Wind. Auf einem Tümpel schimmert ein öliger Film in Regenbogenfarben. "Völlig natürlich, die Färbung kommt von Schwefel, Eisen und den Huminsäuren im Boden", beruhigt Rita Braun. Und hüpft hinab vom sicheren Holzbohlensteg, der den Gang übers Hochmoor erst möglich macht.

Die nächste Waffelbude kommt bestimmt

Ein, zwei Schritte, und der Boden unter ihren Wanderschuhen beginnt erst zu schunkeln, dann bedenklich zu schwanken. Bis zu acht Meter tief reicht die Torfschicht im Polleur- Venn, einer von wenigen Zonen des Hohen Venns, die ganzjährig zugänglich sind. Rita Braun drückt einen Ballen Torfmoos in der Hand zusammen, und Wasser läuft in dicken Rinnsalen durch ihre Finger. Das Hochmoor ist ein gewaltiger Schwamm und bedeutet für Ortsunkundige im harmlosesten Fall nasse Füße, im schlimmsten Fall eine tödliche Gefahr.

Wir haben unsere Führung im Naturparkzentrum von Botrange gebucht, auf der belgischen Seite des deutsch-belgischen Naturparks Hohes Venn-Eifel also. Dass Rita Braun, die jenseits der Grenze im Eifelstädtchen Simmerath wohnt, uns an diesem Tag begleitet, ist reiner Zufall. Und zugleich Alltag zwischen Deutschen in der Eifel und deutschsprachigen Belgiern im Osten des Beneluxlandes. Denn der kleine Grenzverkehr hat im Hohen Venn Tradition.

Als wir wieder aufbrechen, brummelt am Ortsrand ein Traktor in der Wiese. Noch ein paar kräftige Tritte in die Pedale, und wir rollen schon wieder in Belgien, was Anlass zur schönsten aller Radlerhoffnungen gibt: Die nächste Waffelbude kommt bestimmt.

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