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Ein Wetterbericht: Nach Daisy und Keziban kommt Miriam

Deutschland ist weiß, kalt und eingefroren. Längst kann sich der Winter mit dem extremen Schneejahr 1979 messen. Und ein Ende ist nicht in Sicht - am Dienstag kommt schon das nächste Tief.

Von Swantje Dake

Seit Mitte Dezember ist Deutschland weiß und kalt. In den südlichen Regionen durchaus nicht unüblich, aber der Norden des Landes befindet sich seit Wochen im Ausnahmezustand. Schneeräumdienste und Rettungswagen waren an vielen Tagen im Dauereinsatz. Inseln sind von der Außenwelt abgeschnitten, Binnenschiffe frieren fest, Flüge fallen aus, Züge kommen zu spät. Klobige Stiefel und dicke Pullover gehören zur Grundausrüstung. Und wenn man denkt: "Jetzt ist aber mal gut", kommt das nächste Schneegebiet angerauscht.

"Miriam" heißt das nächste Tief - und ist bereits am morgigen Dienstag über Deutschland. Bis zu 25 Zentimeter Neuschnee bringt es für die bergigen Regionen. Selbst die Meteorologen kapitulieren angesichts dieses Winters, althergebrachten Bauernregeln werden außer Kraft gesetzt. "Wenn es an Lichtmess (2. Februar) stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit", wird laut Deutschem Wetterdienst (DWD) in diesem Jahr wohl nicht zutreffen.

In Mecklenburg-Vorpommern mehr Schnee als in Bayern

Nicht nur gefühlt, sondern auch statistisch war der erste Monat des Jahres zu kalt und zu trüb. Mit minus 3,7 Grad war es im Durchschnitt 3,2 Grad kälter als sonst, die Sonne schien 37 statt durchschnittlich 44 Stunden, und statt 61 Litern Niederschlag pro Quadratmeter fielen nur 45 - meist als Schnee.

Nach Tief "Daisy" am zweiten Januarwochenende lag ganz Deutschland unter einer geschlossenen Schneedecke. Ausgerechnet im sonst eher schneereichen Alpenvorland war diese aber vergleichsweise dünn. Den Nordosten traf der Wintersturm am härtesten. Deiche drohten zu brechen, Züge und Autos blieben in meterhohen Schneeverwehungen stecken.

Auch das Tief "Keziban" am vergangenen Wochenende schüttete sich vor allem über dem Norden des Landes aus. Laut DWD liegt momentan in Mecklenburg-Vorpommern mehr Schnee als in Bayern. "Es ist ungewöhnlich für diese Region, dass fast flächendeckend an jedem Tag im Januar eine Schneedecke registriert wird", sagte DWD-Meteorologin Dorothea Paetzold. Allein die Nordseeinsel Helgoland meldete derzeit null Zentimeter Schnee.

Nur deutlich über 30 Jahre alte Menschen können sich an einen ähnlich schneereichen Winter wie diesen überhaupt erinnern. Die Situation ist eigentlich nur vergleichbar mit dem extrem schneereichen Januar 1979. Entsprechend wurden in einigen Orten Rekord-Schneehöhen gemessen: In Boitzenburg (Brandenburg) mit 50 Zentimetern der bisherige Rekord des Winters 1979 um 24 Zentimeter übertroffen. Damals war der Winter kälter, die Höchstwerte lagen mehrere Tage lang im zweistelligen Minusbereich. Insgesamt war der Januar 1979 vier bis fünf Grad zu kalt, 31 Jahre später sind die Temperaturen "nur" drei Grad zu niedrig. Von historischen Kälterekorden sind die meisten Orte jedoch weit entfernt. In extrem kalten Jahren wie 1987, 1963 oder den Kriegs- und Nachkriegswintern von 1939/40 und 1946/47 seien die Januar-Durchschnittswerte noch um etliche Grad niedriger gewesen.

Hiddensee vom Festland abgeschnitten

Dennoch, diese klirrende Kälte lässt selbst die Ostsee erstarren. Zwar friert das Meer auf Grund des Salzgehaltes erst bei etwa minus 0,5 Grad zu Eis - und derzeit hat das Wasser noch vier Grad -, aber der Schiffsverkehr wird an den Uferregionen stark behindert. Einige Fähren zu den nord- und ostfriesischen Inseln fahren unregelmäßig oder gar nicht. Die Ostseeinsel Hiddensee ist bereits seit vergangener Woche komplett abgeschnitten. Die Fähre "Vitte", einzige Verbindung zur Außenwelt, liegt seit Freitag mit einem Maschinenschaden im Hafen von Schaprode auf Rügen fest. Die Insel mit vier Dörfern, rund 1050 Hiddenseern und ihren Urlaubern ist seitdem nicht mehr erreichbar. Kartoffeln, Obst, Gemüse, Butter und Eier sind aus. Inzwischen ist der Eispanzer zwischen Hiddensee und Rügen bis zu 30 Zentimeter dick. Einige Touristen und Einheimische wagen sich über die gefrorenen Gewässer. Bürgermeister Manfred Gau hat eine Versorgung aus der Luft beantragt.

Neuschnee bei steigenden Temperaturen

Die könnte allerdings am nächsten Tief scheitern. Für Dienstag sind erneute Sturmböen und starke Schneefälle angesagt. Nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia könnte der Sturm an der Ostseeküste in Spitzen Stärke acht, teilweise neun erreichen. Dann dürfte es selbst für Hubschrauber problematisch werden, die Insel zu erreichen.

Auch im Westen und in der Mitte Deutschlands kann es dann wieder ungemütlich werden. Die Temperaturen steigen, der Niederschlag geht in Regen oder Schneeregen über, oder es fällt sehr nasser Schnee. Als Folge könnten Bäume unter der schweren Last umstürzen. Trifft Regen auf den gefrorenen Boden, kann Glatteis entstehen. Bereits in der Nacht zu Montag gab es in Nordrhein-Westfalen mehr als 500 Unfälle. Der Straßen- und Schienenverkehr in Mecklenburg-Vorpommern war weiterhin stark durch Schnee und Eis behindert. Dort bleibt es frostig, auch tagsüber steigen die Temperaturen dort kaum über Null.

Klimawandel nicht ausgehebelt

Wer angesichts der Schnee und Eismassen den drohenden Klimawandel für hinfällig erklärt, wird jäh von Experten gestoppt. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif sieht keinen Widerspruch zwischen der Kältewelle und einer vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Wer die Erderwärmung bestreite, zeige nur, dass er nichts von der Dynamik des Klimas verstehe, sagte der Meteorologe der Universität Kiel. Um den Einfluss des Menschen auf das Wetter festzustellen, müssten sehr lange Zeiträume beobachtet werden. Er verwies auf den November, der als außergewöhnlich warm beschrieben worden war: "Insofern macht es wirklich überhaupt keinen Sinn, jetzt kurze Zeiträume zu betrachten und schon gar nicht einen Monat, denn das kann einen ganz schnell in die Irre führen", sagte Latif.

Kurzfristig gesehen, können aber auch die Wetter- und Klimaexperten nicht sagen, wie lange der Winter 2010 noch dauern wird. Ein Ende ist laut DWD nicht abzusehen, er scheint sich zur "Never ending Story" zu entwickeln.

mit APN/DPA/AFP / DPA

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