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Antike Souvenirs im Reisegepäck Touristen plündern das alte Rom


Besucher der Ewigen Stadt lassen immer häufiger alte Römersteine als Souvenirs mitgehen. Eine Gesetzeslücke hilft ihnen sogar dabei. Ordnungshüter haben jetzt Kontrollen am Flughafen eingeführt.
Von Luisa Brandl, Rom

Die schönsten Andenken, das weiß jeder, der schon mal verreist war, das sind nicht jene, die man in einem Souvenir-Shop kauft. Es sind nicht die Tassen mit dem Namen der Stadt, die man besichtigt hat, oder die zahllosen Miniatur-Monumente, die sich in den Regalen drängen. Selbst der Trash unter den Mitbringseln zieht nicht mehr so richtig: die Kochschürze mit dem David von Michelangelo oder die Unterhose, bedruckt mit dem schiefen Turm von Pisa als erigiertem Penis. Nein, es soll schon etwas Ausgefallenes sein - und soll nichts kosten.

Nun sind die meisten Urlauber zwar mit Handy-Kameras und Videogeräten bewaffnet, mit denen sie wie besessen alles einfangen, was ihnen in die Quere kommt. Doch für manche Rom-Besucher ist das alles nicht genug. Statt ihre Erinnerung an die Ewige Stadt im Herzen zu tragen, versenkten sie mitunter mehrere Kilo schweres Diebesgut als Souvenirs in ihren Taschen. Gemeint sind die römischen Pflastersteine.

Bricht das Kolosseum bald zusammen?

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Doch mit der Geduld der römischen Polizei gegenüber plündernden Touristen ist es nun vorbei, die Ordnungshüter schlagen Alarm: Das Klauen von Pflaster- und Mosaiksteinen aus der Römerzeit hat dermaßen zugenommen, dass die Behörden um das antike Erbe fürchten: An die fünfzig sogenannte Sanpietrini beschlagnahmte die Grenzpolizei allein in dieser Saison bei Kontrollen am Flughafen der Hauptstadt in Fiumicino. Einige darunter sind mehr als 2000 Jahre alt.

"Das ist ein merkwürdiges Phänomen, und die Fälle nehmen zu", sagt der Chef der Grenzpolizei Antonio Del Greco. Es hatte damit begonnen, dass Fremde meist aus Nordeuropa lose Steine und Mosaikteilchen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert vor Christus einsteckten, während sie durch die Stadt wanderten, und schließlich als Souvenir mit nach Hause nahmen. "Nun haben wir sogar einen marmornen Meilenstein von der Römerstraße Via Appia in einem Koffer gefunden", sagt Del Greco. Auffallend sei, dass die Touristen mit den kostenlosen Souvenirs in der Regel mit Billigfliegern reisen. Werden sie bei der Ausreise erwischt, schämten sich die meisten ihrer Tat, denn sie würden gemeinhin nicht stehlen, so Del Greco.

Unter den unlängst am Flughafen beschlagnahmten Steinbrocken befindet sich vor allem weiß-grauer Leucit, ein Mineral vulkanischen Ursprungs, das beim Abkühlen von flüssigen Gesteinschmelzen entstanden und heute im Tuffstein zu finden ist. Dieses für die Vulkangegenden in der Umgebung Roms typische Gestein wurde einst für die Bepflasterung von Plätzen und Straßen im alten Rom verwendet. Das Problem sei, dass die Steine in Wäsche eingewickelt im Koffer eingepackt seien und bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen von Röntgengeräten und Metalldetektoren nicht erfasst würden, so Del Greco.

Steineklau als Kavaliersdelikt

Mit scharfen Worten verurteilte der Chef der römischen Kulturbehörde, Umberto Broccoli, die sich mehrenden Diebstahlfälle: "Sie entspringen der abscheulichsten Ignoranz." Broccoli warnte eindringlich davor, das reiche Kulturerbe der Stadt anzurühren. Hat das Konsequenzen? Kaum, denn wer mit archäologischen Fundstücken bei einer Kontrolle am Flughafen erwischt wird, kommt in Italien ungeschoren davon. Ohne dass es die Touristen wissen, hilft den Stein-Exporteuren eine Gesetzeslücke.

Wer erwischt wird, dem drohen weder eine Anzeige noch eine Geldbuße. Die Fundstücke werden lediglich konfisziert und der Stadt Rom zurückgegeben. "Hier liegt eine Gesetzeslücke vor, denn das Kulturgut hat keinen monetären Wert", sagt Del Greco.

Anders in Griechenland, wo ausländische Souvenirjäger archäologischer Fundstücke mit einer maximal zehnjährigen Haftstrafe rechnen müssen. Noch härter geht die Türkei vor: Der Diebstahl von Kulturgut kann mit bis zu zwölf Jahren Haft bestraft werden. Bei Verstößen sind auch für Touristen mehrere Monate Untersuchungshaft und hohe Kautionszahlungen von rund 9000 Euro gängige Praxis. Nach einer Verurteilung dürfen ausländische Touristen nicht in die Türkei zurückkehren.


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