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Kanarische Inseln: El Hierro – wild, schön und wunderbar abgeschieden

Der kleinen Atlantikinsel El Hierro fehlt alles für den Massentourismus – Sandstrände, Hotels und Direktflüge. Das ist ein großes Glück für die, die trotzdem hinfahren.

Atlantikinsel El Hierro – wild, schön und wunderbar abgeschieden

Gut geschützt in den Bergen liegt Valverde, das Zentrum der Insel El Hierro

Wild und laut schlagen die Wellen von drei Seiten gegen die Mauern des Punta Grande. Oben auf dem Balkon des winzigen Hotels steht Christoph Baader; der Schweizer und seine Frau Anita können nicht genug kriegen von dem Schauspiel. Von der Demonstration der Machtverhältnisse auf diesem Planeten, der anderswo in Menschenhand zu sein scheint. Auf El Hierro, der Kanareninsel, die so anders ist als die anderen, zeigt sich, wie die Verhältnisse wirklich sind. "Man fühlt sich schon sehr klein", sagt der 66-Jährige, ein ehemaliger Lehrer mit offenen Sandalen und wachem Blick, der das dritte Mal in diesem Jahr hier ist.

Wer vom Punta Grande aus nach Südwesten fährt, der versteht, was Christophs Frau Anita meint, wenn sie von der "Nähe des Göttlichen" spricht. Die Straße führt unter hohen Klippen entlang, mit gelben Halteverbotsstreifen am Rand. Die Schutzzäune neben dem Asphalt sind verbeult von herabgestürzten Brocken. Dann eine Lavawüste, Marslandschaft; und irgendwann weiter oben der erste Wacholderbaum, dessen Krone vom Wind tief herabgedrückt wurde. "Eine Stunde in so einem Baum", sagt Anita, "und alles ist wieder im Lot, alle Probleme vergessen." Moos wächst auf dem knorrigen Holz, das Grimassen zu schneiden scheint. In noch größerer Höhe steht der Nebelwald, dunkel und gespenstisch, den Hang ziehen Schwaden herauf, als brenne das Meer in der Tiefe.

Gestresste Großstädter versetzt El Hierro in Euphorie

Was ist das? Das 21. Jahrhundert? Besucher aus dem Norden ergreift das Gefühl, sie hätten nicht nur geografisch die Heimat verlassen, sondern seien auch aus der Zeit gefallen. Wanderer bewegen sich wie in einem Freiluftmuseum, immer in Sorge, etwas kaputt machen zu können. Die ganze Insel ist durchzogen von Wegen, auf denen sich Kargheit und Überfluss, Wind und Sonne, Steinwüste und frisches Grün abwechseln.

Vor allem gestresste Großstädter versetzt El Hierro in Euphorie. Das liegt auch an dem Zauber, der entsteht, wenn niemand sein Haus oder Auto abschließt, weil das Verbrechen hier so unbekannt ist wie der Permafrost. Und wenn niemand über die Straße gehen kann, ohne einen Plausch zu halten.

"Auf Teneriffa sind die Fremden Nummern, hier sind sie Menschen", sagt Miguel Torres, der das Punta Grande bewirtschaftet, das einst im Guinness-Buch der Rekorde geführt wurde als das kleinste Hotel der Welt. Große Hotels gibt es nicht, Spitzenrestaurants auch nicht. "Alles ist ein wenig handgestrickt", sagt Christoph Baader. Touristen wie die Baaders stört das nicht. Wie die meisten, die die etwas mühsame Anreise mit Fähre oder Propellermaschine von Teneriffa auf sich nehmen, suchen sie eher das Einfache als das Raffinierte, Kontemplation statt Trubel.

Zwischen Meer und Bergen: Blick über die Kirche Nuestra Señora de la Candelaria

Zwischen Meer und Bergen: Blick über die Kirche Nuestra Señora de la Candelaria

Offiziell hat die knapp 270 Quadratkilometer große Insel rund 11.000 Bewohner, aber wohl nur zwei Drittel von ihnen leben dauerhaft hier. Subventionen aus Brüssel und Madrid machen es möglich, dass die Kräfte des Markts im Gegensatz zu denen der Natur sorgsam gebändigt werden. Gepflegte Straßen führen noch durch die abgelegensten Gegenden. Die überdimensionierte Mole des Puerto de la Estaca und der Flughafen erwachen nur ein paarmal am Tag zum Leben, wenn ein Schiff oder Flugzeug kommt. Aber alle Hilfe kann nicht ausgleichen, dass El Hierro nicht genug eigene Einnahmequellen hat.

Miguel Torres an seinem Arbeitsplatz im Hotel Punta Grande

Miguel Torres an seinem Arbeitsplatz im Hotel Punta Grande

Eduardo Pulido, der Star des regionalen Fernsehprogramms, klagt: "Es gibt keine Jobs für die jungen Leute, meine Freunde sind fast alle weggezogen." Sein bester Kumpel ist geblieben, er arbeitet jetzt als sein Kameramann. Selbsthilfe sozusagen. Der fitte Enddreißiger Eduardo hängt kopfüber an den Seilen im öffentlichen Gym von Valverde, neben ihm steht – mit den Füßen auf dem Boden – Erse Reboso, sein Personal Trainer. Dass der Eintritt hier frei ist, hält Erse für die Kehrseite der sozialen Kontrolle in der Insel-Gesellschaft. "Sie versorgen dich, und sie beobachten dich", sagt er. Wenn er morgens nackt baden gehe, werde seine Mutter darauf mittags im Supermarkt angesprochen.

Ananasplantagen gelten als Zukunftsprojekte

Eine Freundin von Erse hatte einen kleinen Laden. Nach einer Parlamentswahl habe er sie gefragt, für wen sie denn gestimmt habe. "Sie hat gesagt, dass keiner in ihrer Familie wählen geht oder gar über Politik spricht. Sie hätten Angst, die Andersdenkenden würden dann nicht mehr bei ihnen einkaufen." Auch das mittlerweile allgegenwärtige Internet scheint eher alte Strukturen und Regeln zu fördern, als die Gesellschaft auseinanderzutreiben. Als einem Touristen sein Portemonnaie abhandengekommen war, erzählt Erse, da teilten das alle bei Facebook. "Zwei Stunden später war es wieder da."

Am Hotel Punta Grande rütteln die Wellen

Am Hotel Punta Grande rütteln die Wellen

Auf dem Berg neben dem Sportcenter drehen sich Windräder, mit der Energie wird Meerwasser in Speicher hoch oben gepumpt, sodass bei Windstille Turbinen angetrieben werden können. Noch ist der Traum, so den Strombedarf komplett zu decken, nicht wahr geworden. Es gab sogar Pläne, die Insel zu einem leuchtenden Beispiel für die Energiewirtschaft zu machen. Wind, Wasser, dazu Elektroautos. Alles ohne Emissionen und wunderbar rein. Visionäre sahen El Hierro auf dem direkten Weg von der Vergangenheit in die Zukunft. Aber vorerst sind eher praktische Lösungen gefragt. Möglichkeiten, die Schönheit zu erhalten und trotzdem Geld zu verdienen. Selbst Eduardo, der Fernsehmann, will keinen Tourismus wie auf den Nachbarinseln. Langsam müsse es gehen, organisch. Ananasplantagen gelten als Zukunftsprojekte. All-inclusive sollen die anderen machen. "Diesen Mist gibt es bei uns nicht", sagt Erse. Glücklich ist er, dass El Hierro keine ernst zu nehmenden Sandstrände hat, die Touristenscharen mit großem Bierdurst und sonnenempfindlicher Haut anziehen.

Gespenstisch wirkt der Nebelwald in den Bergen

Gespenstisch wirkt der Nebelwald in den Bergen

Ganz im Süden der Insel boomt das Tauchen, aber sonst ist vieles, wie es immer war. Miguel vom Punta Grande, der bald 65 wird, will seinen Ruhestand auf Gran Canaria verbringen, damit eine Intensivstation in der Nähe ist, falls sein launisches Herz mal aussetzt. Das Paradies gibt es hier eben nur für die Teilzeitnutzer aus der Fremde. Wenn die für immer herkommen wie die Yogalehrerin Aminata, die eigentlich Gerda heißt, aus Deutschland stammt und seit über 30 Jahren hier ist, dann erfahren sie, dass das Leben in einer anderen Zeit auch weniger lichte Seiten hat. Ihre vier Töchter, alle erwachsen, haben die Insel auf der Suche nach dem 21. Jahrhundert verlassen. Sie kommen immer wieder zu Besuch. Wie die meisten Hierrenos, die über die Welt oder doch zumindest über die Kanaren verstreut sind. Denn ein Sehnsuchtsort bleibt El Hierro auch für jene, die sich abgewandt haben.


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