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Bornholm: Ohne Hering läuft hier gar nichts

Sie ist die östlichste Insel unserer Nachbarn und der wärmste Fleck, den Dänemark zu bieten hat. Und dann ist da noch der geräucherte Fisch: Ihm kann auf Bornholm keiner entkommen.

Von Wolfgang Röhl

Ein Hering ist ein Hering ist ein Hering. Hängt man ihn lange genug in den Räucherofen, entsteht ein Räucherhering. Vorausgesetzt, der Hering ist frisch und es wurden keine alten Regale verfeuert, wird er lecker schmecken, auf Spiekeroog genauso wie auf Sylt, Rügen oder anderswo. Nicht wahr?

Nej! Den wahren Räucherhering gibt es nur auf Bornholm. Sagen die Leute von Bornholm. Sie servieren ihn beispielsweise mit Schwarzbrot, Eigelb, Salatblättern und grobem Salz, nennen das Ganze "Sonne über Gudhjem". Und je öfter der Gast den Hering isst, in einer der ungezählten Räuchereien und Fischlokale, desto fester glaubt er an den Bornholmer, den Pontifex maximus der Heringe. Ob daran ein Salzkorn Wahres ist oder man Opfer von Bornholms kollektiver Räucherheringsobsession wurde - wer weiß.

Der Hering ist Bornholms Schicksalsfisch. Als wir die Insel vor knapp einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal besuchten - Kohl war gerade Kanzler geworden, Romy Schneider unerwartet verschieden und die Arbeitslosenzahl in Deutschland auf zwei Millionen gestie-gen -, blühte schon der Kult um Clupea harengus harengus. Da gab es bereits Bustouren zu den Räuchereien, Heringspostkarten, Heringsdöntjes und Heringsrezepte ohne Ende. Schon damals waren Bornholm und der Hering ein Kopf und ein Schwanz, sozusagen.

Es hat sich nicht viel verändert

Auch sonst, was für ein Glück, hat sich nicht viel verändert. Dänemarks östlichster, wärmster, sonnenreichster Vorposten pflegt seinen Bestand. Gäbe es nicht die allgegenwärtige Handymania und neue Automodelle, man würde auf älteren Straßenfotos nicht viele Unterschiede zum Heute entdecken. Die Hauptstadt Rønne, ein 15.000-Seelen-Städtchen, wirkt mit Kopfsteingassen und mit Stockrosen dekorierten Fachwerkhäusern wie einem Andersen-Märchen entsprungen. Feigen-, Nuss- und Birnbäume, Hibiskusblüten, Clematis, Weinreben und Lavendelsträucher gedeihen in den durch Mauern geschützten Hinterhöfen. Die Häfen mit den hellblauen Kuttern, die Weiler mit den ochsenblutrot gestrichenen Stallungen und die gedrungenen, wehrhaften Rundkirchen wirken zeitlos, auch wenn die Touristen mit ihren hochgehaltenen Digitalkameras sie gleichsam datieren. Im Kro (Gasthof), Dänemarks Hochgemütlichkeitstrakt, blubbert die berühmte Hyggeligheit leise vor sich hin, etwa beim Nachmittagskaffee mit einem Gläschen Gammel-Dansk-Bitterlikör. An derlei nestwarmen Plätzen inszenieren aufmüpfige Jungregisseure mit Vorliebe Familienfeiern, auf deren Höhepunkt der Patriarch von seinen Kindern grässlicher Untaten bezichtigt wird ("Das Fest", Regie: Thomas Vinterberg).

Der Tourismus auf Bornholm begann schon vor mehr als hundert Jahren, auch mit Badegästen aus Berlin. Heute ist die Insel Dänemarks drittgrößtes Feriengebiet, nach Kopenhagen und Skagen, gibt sich aber viel betulicher. "Schick und feierwütig sind wir hier nicht gerade", sagt Niels Feerup, langjähriger Mitarbeiter von der Bornholminfo, "das würde unsere Stammgäste vergrämen." Nämlich Familien mit kleinen Kindern und Ältere, die flach abfallende Küsten, sanfte Hügel, wogende Getreidefelder und die Abwesenheit jedweden Schickimickis schätzen. Im Frühjahr und im Herbst kommen auch Urlauber aus der Dreißig-plus-Altersgruppe. Aber die sind gleichfalls weder hip noch hop. "Eher von der Art, die sämtliche Kuschelrock-CDs im Regal hat", grinst Niels, "Bornholm ist ja sehr romantisch."

Räucherhering an Fritten

In der Tat. Statt in die Disco geht man ins gut bestückte Kunstmuseum, statt in den Designer-Store auf den Loppemarked, wie der Flohmarkt mit seinem Krempel aus alten Bügeleisen und Omas Kaffeemühlen heißt. Der Leuchtturm am breiten Dünengürtel von Dueodde macht Stimmung in der Dämmerung. Und abends gibt es statt Loup de mer mit Kapern-Zitronen-Butter auf Kartoffel-Fenchel-Gemüse, na was? Erraten: Räucherhering an Fritten.

Der Hering, einst eine begehrte Fastenspeise, sicherte jahrhundertelang den Wohlstand der Insulaner. Wie wichtig er war, zeigte sich, als er im 16. Jahrhundert plötzlich ausblieb. Von da an ging es bergab mit der Ökonomie. Er kehrte aber zurück, der schuppige Gesell, und bescherte Bornholm noch ein paar Hoch-Zeiten. Zum Beispiel Ende des 19. Jahrhunderts und in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

So fixiert sind sie bis heute auf ihn, dass in der Räucherei von Svaneke - erkennbar an ihren enormen, kalkweißen Schornsteinen, die wie umgedrehte Trichter aussehen - eine Art Heringsfiletierordnung aushängt. Und die geht so:

1. Kopf ab 2. Schwanz ab 3. Rückengräte raus 4. Seitengräten weg

Der Hering scheint tatsächlich einen Tick besser zu schmecken, wenn man ihn auf diese Weise zerlegt. Bis er einem irgendwann zum Halse raushängt. Und man sich schwört: nie wieder dieses fetttriefende Flossenvieh, bei dessen Verzehr unvermeidlich eine Riesensauerei auf dem Tisch entsteht. Dessen Geruch man kaum noch von den Fingern kriegt. Das einem noch den halben Tag lang "Skål!" sagt.

Was hat sich nicht alles abgespielt!

Was Bornholm sonst noch ausmacht, jenseits allen Herings, schildert anekdotenreich die Rostockerin Brigitte Krähmer auf einer Stadtführung, die bei Rønnes Kirche Sct. Nicolai beginnt, dem allerersten Siedlungspunkt. Was hat sich nicht alles hinter den Fassaden der schnuckeligen Häuschen und prächtigen Höfe abgespielt! Die untypische Karriere des Freibeuters Kaspar etwa, der 1814 Bornholms erstes Theater gründete. Oder der Liebeskampf der Maler Zartmann und Drachmann um die schöne Vilhelmine, eine Dreiecksgeschichte wie aus dem Lore-Roman.

Auf Bornholm wohnen tolerante Menschen. Kaum einer hupt, wenn Christines Stadtwanderer Rønnes Hutzelhäuser bestaunen und dabei den Verkehr blockieren. Aber Bornholmer sind auch stolz. "Es gab nie Großbauern auf der Insel, und auch nicht viele reiche Clans", sagt Niels Feerup. "Das merkt man den Leuten irgendwie an."

Zum Beispiel Bornholms berühmtestem Künstler, dem Schriftsteller Martin Andersen Nexø (1869 - 1954), für den ein Museum in seinem Elternhaus am Südrand von Nexø eingerichtet ist. Der Arbeitersohn, der seine herbe Jugend in dem Roman "Pelle der Eroberer" verarbeitete, ist der meistübersetzte dänische Dichter nach Hans Christian Andersen. Als "unermüdlichen Kämpfer für Frieden und Wohlstand" feierte ihn die DDR, in die er 1951 übersiedelte. Sein Ruhm wird überstrahlt von einem älteren Rebellen namens Villum Clausen. Der Haudegen befreite 1658, im Schicksalsjahr von Bornholm, die von den Schweden besetzte Insel durch verwegene Aktionen. Der neue, pfeilschnelle Katamaran auf der Strecke Ystad-Rønne ist nach ihm benannt.

"Es kann nur einer siegen, und das sind wir."

Nexø wurde in den letzten Kriegstagen von den Russen furchtbar zusammengebombt, weil der deutsche Inselkommandeur nicht kapitulieren wollte. Ein Besuch lohnt sich trotzdem, schon wegen des Museums. Das gelbe Sandsteingebäude am Hafen enthält eine Fotoausstellung, die das ganze Ausmaß des Infernos zeigt. Und eine Sammlung deutscher Waffen, Uniformen und anderer Militaria, darunter eine Feldpostkarte mit dem "Führermotto": "Es kann nur einer siegen, und das sind wir."

Aus der ehemaligen Reichshauptstadt kommt das Ehepaar Gertrude und Manfred Richter-Reichhelm - er pensionierter Arzt und begabter Hobbykoch, sie gebürtige Dänin. Vor neun Jahren haben sie im Flecken Bølshavn ein Haus am Meer gekauft und zu einer behaglichen Pension ausgebaut. Die beiden beherbergen oft interessante Gäste und haben Spaß bei den zahlreichen Insel-Events, die sogar bekannte Opernsänger oder Jazzer wie Gitte Haenning vom Festland locken. Die wohnt dann in der Pension der Berliner, ein Durchgang ist nach ihr benannt. Reichtümer sind in der kurzen Saison nicht zu verdienen, aber es langt für den Unterhalt.

"Im Winter flüchten wir nach Berlin", sagt Manfred Richter-Reichhelm. "Nachmittags ist es hier ab vier Uhr dunkel und totenstill, nichts für uns. Aber im Sommer gibt es nichts Schöneres als Bornholm."

Dann schmeckt auch der Bornholmer wieder. Ist ja wohl Ehrensache.

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