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Budapest: Alte Pracht und frischer Wind

Wer Ungarns Metropole entdecken will, sollte sie erlaufen. Denn dann findet man ihre verborgenen Schätze - und erlebt das bezaubernde Miteinander von Tradition und Moderne.

Von Jan-Philipp Sendker

Die Freunde dachten, sie mache einen Scherz. Sie wollte zurück nach Budapest? Hatte Erika Deák nicht alles, wovon sie früher träumte? Sie lebte seit zehn Jahren in Amerika. War stolze Besitzerin der begehrten Green Card, einer unbegrenzten Arbeitserlaubnis. Managte erfolgreich eine Galerie in New York. Weshalb, um alles in der Welt, zog es sie zurück nach Ungarn? "Ich bin eines Morgens aufgewacht und wusste, dass ich genug hatte von Amerika", sagt sie.

Die 39-Jährige steht in ihrer Galerie im Zentrum Budapests und strahlt. Nein, der Schritt vor sieben Jahren heim ins alte Europa kann unmöglich ein Fehler gewesen sein, das spürt der Besucher sofort. Dazu versprüht sie zu viel Energie und Optimismus. Lacht zu viel. Erzählt voller Begeisterung von den Möglichkeiten, die sich hier bieten. Manchmal kann ein Schritt zurück auch einer nach vorn sein.

Aufbruchstimmung, die ansteckt

Erika Deák gehört heute die führende Galerie für zeitgenössische ungarische Kunst in Budapest. Sie liegt in einer schön renovierten Altbauwohnung in einem Hinterhof. Hohe Decken, große Fenster, von draußen ist das Gitarrenspiel eines Straßenmusikanten zu hören. Auf ihren Vernissagen drängeln sich die Sammler. "Es ist eine unglaublich aufregende, kreative Zeit", sagt sie. "Wir Ungarn fragen uns, wer wir sind. Was in Zukunft unsere Rolle in Europa sein wird. Es herrscht eine Aufbruchstimmung, die ansteckt. Ich möchte im Augenblick in keiner anderen Stadt der Welt leben."

Ein Reisender muss nur wenige Tage in Budapest verbringen, um zu verstehen, was sie meint. Die Metropole mit ihren 1,8 Millionen Einwohnern ist das Zentrum Ungarns. Sie zieht die Begabten und die Neugierigen, die Unzufriedenen und Kreativen aus dem ganzen Land an. Die Energie macht Budapest zu einer jungen Stadt voller Leben und Abwechslung - und zu einem schönen Ziel für einen Kurzurlaub.

Da gibt es all die traditionellen touristischen Sehenswürdigkeiten, wie die Kettenbrücke oder die Fischerbastei. Es locken die Kaffeehäuser und die jahrhundertealten, aus der türkischen Besatzungszeit stammenden Thermalbäder. Das Burgviertel mit seinen barocken Gassen und Häusern. Fast jedes Gebäude ist sorgsam restauriert, in den Straßen liegt noch das alte Kopfsteinpflaster. Von der Burg geht der Blick über die Stadt bis zum berühmten, im neogotischen Stil erbauten, größten Parlamentsgebäude Europas. Wie eine Kathedrale der Demokratie liegt es am Ufer der Donau. Lächerlich groß für eine Institution, die die meiste Zeit ihres Bestehens in Ungarn nahezu machtlos war.

Wer Budapest entdecken will, muss bequeme Schuhe tragen. Tagelang kann der Gast in Pest, dem Stadtteil auf dem linken Ufer der Donau, durch die Straßen streifen. Sich treiben lassen. Die Nase in Hauseingänge und Toreinfahrten stecken. Hier liegen Budapests verborgene Schätze. In den Hinterhöfen schlägt das Herz der Stadt. Aus den Wohnungen klingen Kinderstimmen, Klaviermusik oder das Klappern von Töpfen und Pfannen. Es riecht nach gebratenem Knoblauch und Zwiebeln. Nach Leben.

Mit wenigen Schritten ein Jahrhundert hinter sich lassen

Manche der Höfe sind liebevoll restauriert, die Fassaden ausgebessert und gestrichen; Balkone und Treppenhäuser mit ihren Art-déco- und Jugendstil-Geländern erstrahlen in altem Glanz. Andere wurden bisher gar nicht oder nur notdürftig ausgebessert. Von ihren Mauern bröckelt der Putz, in ihnen hängt Wäsche zum Trocknen. Oder die Bewohner haben den Innenhof umgepflügt und bauen, wie früher im Kommunismus, mitten in der Stadt Tomaten, Gurken und Salat an. Da hat der Fremde das Gefühl, mit wenigen Schritten ein ganzes Jahrhundert hinter sich zu lassen.

György Konrád trinkt einen Schluck von seinem Whisky, schaut sich um und schüttelt den Kopf. Als könne er nicht glauben, was er sieht. "Früher war das hier eine richtige Kaschemme. Völlig verqualmt, es roch nach Bier, Wein und Schnaps", sagt er, und über sein Gesicht huscht ein sanftes Lächeln. "Damals habe ich da abends die Kinder der Betrunkenen rausgeholt und nach Hause gebracht."

Schicke Bars statt düsterer Eckkneipen

Damals, das muss eine Ewigkeit her sein. Damals war György Konrád Sozialarbeiter in der Altstadt von Budapest. Heute ist der 72-Jährige ein international preisgekrönter Schriftsteller und der bedeutendste Intellektuelle Ungarns. Aus der düsteren Eckkneipe ist eine helle, schicke Bar geworden. Warhol-ähnliche Porträts, bunt und überlebensgroß, zieren die Wände. Aus den Lautsprechern klingt ungarischer HipHop.

An der Straße gegenüber der Kneipe liegt der Klauzál tér, ein schöner, offener Platz mit Bäumen, Bänken, Schaukeln, Rutschen und Klettergerüsten in der Mitte. Das aufgeregte Jauchzen spielender Kinder schallt herüber. Konrád biegt um die Ecke, geht die Király utca entlang, die Hauptstraße der Elisabethstadt, des VII. Bezirks und ehemaligen jüdischen Viertels.

Nebeneinander von Alt und Neu

Es ist eine der schönsten und interessantesten Gegenden für ausgedehnte Spaziergänge, mit Gassen und Höfen, vielen kleinen Bäckereien, Handwerksbetrieben und Läden, an denen sämtliche Innovationen in der Kunst des Dekorierens spurlos vorübergegangen sind. In einem Modegeschäft liegt dichter Staub auf Hüten und Jacken, der Schaufensterpuppe ist die Perücke tief ins Gesicht gerutscht.

Nur ein paar Meter weiter hat eine junge Modedesignerin ihren kleinen Laden. Nebenan verkauft ein Geschäft deutsche Luxuseinbauküchen. Es sind die Kontraste, das Nebeneinander von Alt und Neu, die dieses Viertel so lebendig und reizvoll machen. Budapest empfiehlt sich nicht als Reiseziel für Liebhaber homogener Stadtbilder und Freunde pittoresker Straßenzüge. Budapest ist kein Puppenhaus. Es ist eine Stadt, gemeißelt und gezeichnet von ihrer wechselvollen Geschichte, eine Stadt, in der sich im Laufe der Jahrhunderte Türken, Deutsche, Italiener, Serben und Juden niederließen. Die einen kamen als Siedler, andere als Besatzer. Sie alle prägten ihre neue Heimat. Budapest lebte multikulti, bevor es das Wort überhaupt gab.

Spuren der Triumphe und Niederlagen

Spuren der Geschichte, der Triumphe und Niederlagen, sind noch deutlich sichtbar. Budapest trägt seine Narben und Wunden nicht zur Schau, aber versteckt sie auch nicht hinter glänzenden Fassaden. Konrád zeigt auf eine dunkle, fast schwarze Hauswand. Das Mauerwerk ist übersät von Einschusslöchern. "Man weiß nicht genau, ob die Einschläge aus dem Zweiten Weltkrieg stammen oder von den Straßenkämpfen im Oktober 1956", sagt er lakonisch. "Zu sehen sind die Schatten der Vergangenheit noch überall."

Gleich daneben wird gebaut. Es entstehen luxuriöse Eigentumswohnungen. Eine Plane am Gerüst zeigt, wie das Haus bald aussehen wird: ein gesichtsloser gelber Klinkerbau, einfallslos, austauschbar, eine Bausünde, wie man sie aus deutschen Innenstädten kennt. Viele Budapester befürchten, dass ihre Stadt, und vor allem der VII. Bezirk, ein Opfer von Baulöwen und Spekulanten wird. Dass er seinen Charme und seinen Charakter verliert, dass gut verdienende Yuppies die Mieten hochtreiben und die alten Bewohner das Viertel verlassen müssen.

"Unser Budapest macht, was es will"

Konrád dagegen ist optimistisch. "Unser Budapest macht, was es will. Es ist ein starkes Individuum", sagt er. "Spekulanten und das Großkapital kommen und gehen, aber die Stadt bleibt." Der alte Dichter hätte während des Kalten Krieges in den Westen gehen können. Damals, als er 15 Jahre lang Publikationsverbot hatte, sein Haus beschattet, die Telefone abgehört, die Wohnung regelmäßig durchsucht wurde. Konrád reiste ins Ausland, besuchte Berlin, Paris, New York - und kehrte immer wieder nach Budapest zurück.

Wer als Gast ein paar Tage in seiner Stadt verbringt, wer sich aufmacht, sie zu entdecken, bekommt eine leise Ahnung, warum. "Ich mag Schönheit, die gute Augen braucht", sagt Konrád zum Abschied. Von der gibt es in Budapest mehr als in vielen anderen Metropolen Europas. Der Reisende muss die Augen nur aufmachen.

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