Dänemark mit Kindern Das Traumhaus in den Dünen


Ein Ferienhaus direkt am Meer, nah am Wasser gebaut. Vor dem Fenster nur Himmel und Wellen – schöner können Ferien nicht sein.
Von Nathalie Schwaiger

Wir sind allein an einem riesigen Strand. Links Dünen, Meer, Himmel. Rechts Dünen, Meer, Himmel. Wir vier stehen an der Nordseeküste bei Grønhøj, Dänemark. Weit und breit kein Mensch. Es ist 21.37 Uhr, die Sonne steht noch hoch am Himmel. Das Meer glänzt. "Walblau", findet Victor, 9. "Steinblau", widerspricht Annina, 7.

Morgens sind wir in Hamburg Altona vom Autozug gerollt und in Richtung Norden gefahren. Je weiter wir kamen, desto höher wurde der Horizont. Am Autobahnrand blaue und weiße Lupinen und rosafarbener Rittersporn, Windräder und Shetlandponys, darüber Schäfchenwolken im Himmelblau. "Ich seh das Meer, ich seh das Meer", schrie Victor an jeder Kurve seit Flensburg. "Ich seh das Haus, ich seh das Haus", schrie Annina schon drei Kilometer vor dem Ziel. Endlich war es da, das Meer, es glitzerte in der Ferne. Davor unser Ferienhaus, in einer Kuhle zwischen Dünen, reetgedeckt, mit umlaufender Holzveranda, auf die sich alle Türen öffnen. Die Kinder flitzten aus der einen Tür raus, durch die andere wieder rein.

Nur fünf Minuten hat der Marsch durch die Dünen zum Strand gedauert, barfuß, die Schuhe in der Hand. Ein paar Vögel rufen, das Rauschen der Wellen kommt näher. Und jetzt stehen wir hier, überwältigt. Der Sand zwischen den Zehen ist kühl, die Weite fast beängstigend. Bis zum Wasser sind es mindestens 100 Meter flacher, fester, skandinavisch-blonder Strand. Victor rennt los, die Düne hinunter zum Meer. Bald ist er nur ein kleiner Punkt, der übermütig Haken schlägt. Annina sitzt und schaut: "Ist das Wasser weit weg hier!" Als wir zurück ins Haus kommen, ist es fast elf Uhr abends und immer noch hell. Ein orangeroter Streifen zieht sich über den Horizont von Nordjütland.

Kleben Dänen Pappe vor die Fenster?

Vormittags scheint die Sonne auf die Terrasse vor der Küche. Das Schönste aber ist der Blick auf Dünengras und Meer. Beim Brotschneiden, beim Zähneputzen und vor allem von der Aussichtsbank oben auf der Düne, mit einer Kaffeetasse in den Händen. Fast jedes Haus hier hat so einen Ausguck. Unsere Bank ist schon etwas morsch, wir müssen ganz still sitzen, während wir andächtig auf die See blicken. Heute ist die Jammerbucht blau und glatt. Nur wenige Dänemark-Flaggen wehen bei den Nachbarn müde in der Brise: Wer da ist, hisst Rot-Weiß, und jetzt im Juni sind noch nicht viele Ferienhäuser belegt.

Für uns kündigt sich ein prima Strandtag an. Drachen steigen lassen, Kanäle graben, durch Priele rennen, Dünen runtersurfen, in Wellen planschen. Abends sitzt Victor auf unserer Bank und telefoniert mit Omi: "In den Dünen kann man super springen und rumstreunen." Annina ruft: "Ich war auch schon schwimmen. Es war gar nicht kalt. Nur ein bisschen."

Jeden Abend gehen wir etwas später ins Bett, morgens kriechen wir entsprechend später aus den Kojen. "Ferien sind eine tolle Erfindung!" Victor ist glücklich. Ich frage mich, wie die Eltern von dänischen Schulkindern die Kinder im Sommer rechtzeitig ins Bett kriegen. Kleben sie Pappe vor die Fenster?

Sandkörner in den Ohren

Am vierten Morgen sagt der Blick nach draußen: Der Wind hat gedreht, pfeift jetzt von Norden ums Haus, die Wäsche flattert laut an der Leine. Das Meer ist dunkelgrau und trägt weiße Schaumkronen. Zeit für einen Ausflug. Wir klettern auf Rubjerg Knude, eine riesige Wanderdüne, die einen alten Leuchtturm allmählich auffrisst. Auf allen Vieren krabbeln wir hoch, so stark bläst der Wind. Die Sandkörner werden wir noch tagelang in Ohren, Augen, Nase und Mund spüren. Aber oben ist es ein Gefühl wie Fliegen. Mit Sicht bis Amerika - mindestens.

Mittags essen wir im Kinocafé des Fischerortes Lønstrup, im Windschatten wird es sonnenbrandverdächtig warm. Wir bestellen Stjerneskud, Sternschnuppe, den traditionellen Teller voll Fisch, Krabben, Kaviar, Brot und Salat. Danach holen wir uns Eis mit süßem Eischnee drauf und bestaunen im lokalen Supermarkt das Lakritzangebot. Auf dem Heimweg philosophiert Victor: "Schade, dass ich im Supermarkt nicht einfach eine Tüte Dänisch kaufen kann, dann könnte ich den Verkäufer verstehen."

Zurück in unserem Haus: Annina ist ungeduldig. Sie will los, und wir kommen nicht in die Flipflops. "Ich geh dann schon mal zum Strand", sagt sie. Ich sehe ihr nach, wie sie mit Strandmatte unterm Arm, mit Plüschhund und Eimer den Weg entlanghüpft, ohne sich umzudrehen. Das würde sie zu Hause in der Stadt nie tun. Vielleicht würde ich sie aber auch nur nicht lassen.

Unsere Straße ist der Strand

Wir genießen Zeit und Raum jeden Tag mehr. Wie die Einheimischen fahren wir nach Løkken, um fangfrische Schollen bei den Fischern zu kaufen. Unsere Straße ist der Strand. Das darf man hier! Eine Weile haben wir es nur beobachtet, dann wagen wir uns auch auf die Sandpiste. Mein Mann Michael sitzt am Steuer, er nimmt Victor auf den Schoß und lässt ihn lenken. Annina traut sich erst nicht, findet es aber dann um so aufregender. Ab da muss jede Strandstrecke gerecht geteilt werden.

Michael macht abends Feuer im Kamin, ich schaue den Wolken zu. Zu Hause haben wir eine Wohnung, hier haben wir Platz. Die Kinder balancieren auf dem Zaun, jagen um das Haus, hocken zusammen auf der Empore, verschwinden in die Dünen. "Nur eins ist doof", sagt Victor, "dass mein bester Freund nicht da ist. Das nächste Mal nehme ich ihn einfach mit!"

Die Kinder protestieren nicht einmal, als wir Eltern allein zum Sonnenuntergang spazieren. Unterwegs linsen wir in die Nachbarhäuser - welches uns gefallen würde, welches nicht. Welches den besten Blick hat und welches die schönste Terrasse. "Was vermisst du hier?" - "Nicht viel."

Am letzten Abend breitet Victor die Arme aus, lässt sich ins Dünengras fallen und atmet tief durch: "Hier könnte ich es aushalten. Ich kann so weit laufen, wie ich will, so lange aufbleiben, wie ich will, keine Lehrer, keine Schule." Zu Hause, in einer Hausaufgabe nach den Ferien, wird er ein paar Tage später die Sehnsucht beschreiben, mit der wir fortan alle leben:
"Ich träume mir ein Land,
das mitten in einer Düne liegt,
wo man das Meer morgens und abends hört,
da sind die Tage lang,
und die Wolken sehen wie Delfine aus".


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