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EM-Stadt Innsbruck: Zwischen Gämsen und Geschäften

Innsbruck nutzt seine Höhenunterschiede für die Europameisterschaft. Vom Feiern unterm Goldenen Dachl über die Skisprungschanze Bergisel bis zum gläsernen VIP-Zelt auf 1900 Metern Höhe.

Von Marina Kramper

Trainingsvormittag auf der Skisprungschanze Bergisel. Eine Mannschaft junger Russen trainiert auf Kunstrasen. Der Untergrund ist mehr "Kunst" als Rasen, die grünen Matten sind aus dem gleichen Material wie Muttis Tupperware. Die Skispringer sind zaundürr, blass und lang aufgeschossen. Einige haben noch Pickel in den jugendlichen Gesichtern. In ihren übergroßen, bunten Schutzanzügen und auf den noch längeren Skiern wirken sie irgendwie verloren.

Die Perspektive der Absprungzone ist atemraubend. Von hier aus können sich die Springer in Richtung Häuserschluchten stürzen. Nach dem Absprung fliegen sie direkt auf symmetrisch angelegte Grabreihen zu. Denn hinter den leeren Zuschauerrängen und dem Grün der Matten liegt unterhalb des Schanzenberges ein Friedhof. Auch der Hauptbahnhof mit seinen gleichförmig angelegten Gleisanlagen schiebt sich ins Bild. Nach einer Weile stürzt einer der Springer bei der Landung und prellt sich Rippen. Ohne einen Laut des Schmerzes erhebt er sich und schleppt seine riesigen Skier zurück in den Fahrstuhl. Unterhalb des Schanzentisches liegt ein Funkgerät auf einer Balustrade. Plötzlich ist das Donnerwetter des russischen Trainers, wie er seine Anweisungen brüllt, auch ohne jeglichen Blickkontakt gut zu verstehen.

Hexenkessel für 15.000 Fans

Die Skisprungschanze Bergisel, von der Architektin Zaha Hadid mit kühnem Schwung 2001 entworfen, ist zu einem der Wahrzeichen der Stadt Innsbruck geworden. Zum Jahreswechsel steht sie für einen Tag regelmäßig im Mittelpunkt des Medieninteresses: Die Vierschanzentournee gehört zu den bekanntesten Skisprungwettbewerben der Welt. Die Tiroler lieben ihre Schanze. Busladungen mit älteren Herrschaften sind aus dem Umland zum sonntäglichen Frühschoppen angereist und schauen beim Übungsspringen zu. Aus dem Panoramarestaurant hat man einen guten Blick über die Stadt, die vorbeiführende Autobahn und die gegenüberliegenden Berge, die Nordkette des Karwendelgebirges. Während der drei Fußball-EM-Spiele, am 10., 14. und 18. Juni 2008, wird Bergisel zur gigantischen Public Viewing Zone werden. 15.000 Fans können bei freiem Eintritt den unteren Zuschauerraum und die Landezone als Amphitheater nutzen. Eine 80 Quadratmeter große Leinwand verhängt dann den Schanzentisch. Der eigentliche Ort des Geschehens, das Fußballstadion, liegt unterhalb der Schanze, aber akustisch in Reichweite. Der Ton kommt fast in Echtzeit herübergeweht.

Die Innsbrucker, die ihre Stadt zur Hauptstadt der Alpen gekrönt wissen wollen, haben mit Massenspektakeln Erfahrung: zwei Olympische Spiele, Skispringen, Abfahrtsrennen, alles vor Ort. Überall in der Stadt wird irgendwo gefeiert. Mit und ohne Touristen. Die wollen vor allem das Goldene Dachl sehen. Rund um den spätgotischen Prunkerker erzählen Wandfresken und geschnitzte Reliefs die Stadtgeschichte im späten Mittelalter. Das Museum im Haus wurde kürzlich umgebaut und vergrößert. Zur EM wird die Altstadt, eine Fußgängerzone, komplett zur Fanmeile erklärt. Vom Ufer des Inns, wo sich die jungen Leute auch ohne EM am Lagerfeuer treffen, bis zur Maria-Theresien-Straße soll die Nacht zum Tag werden.

Von Murmeltieren und Gämsen zu Dolce & Gabbana

Innsbruck ist eine sportliche Stadt. Rings um die City kann man wandern, bergsteigen, mountainbiken, eislaufen, Eishockey spielen, Ski springen und Ski laufen. Seit Dezember 2007 startet man sogar mitten in der Stadt mit Skikleidung, Stiefeln und Skiern unter dem Arm in das alpine Vergnügen. Die Seilbahn, die zur Nordkettenskipiste hinaufführt, beginnt jetzt unten am Ufer des Inns, am Kongresszentrum. Damit ist Innsbruck die einzige Großstadt in Europa, in der man während der Mittagspause mal kurz Ski fahren oder wandern kann.

Die Hauptstadt Tirols bietet ihren Besuchern die Innsbruck Card an, die die Besonderheiten der Natur und Kultur verbindet und vergünstigt. Alle Berg - und Talbahnen, öffentliche Verkehrsmittel, Museen und Sehenswürdigkeiten sowie die Swarowski Kristallwelten sind im Kartenpreis inbegriffen.

Will man nach der Feier in der Fanmeile morgens etwas anderes sehen, so klärt eine Sonnenaufgangswanderung mit Bergführer hinauf zum Rangger Köpfl den übernächtigten Schädel. Allerdings sollte der Gleichgewichtssinn wieder funktionieren. Tägliche geführte Bergwanderungen mit dem Wanderbus sind auch tagsüber eine Möglichkeit, dem Trubel der Großstadt zu entkommen. Auch sie sind kostenlos, wenn man im Besitz der Karte ist.

Die höchstgelegene VIP-Zone der EM

Von der Seegrube hat man einen grandiosen Blick über die Stadt. Fast bis zum Brenner sieht man in die Seitentäler hinein. Das Seegrubenrestaurant kocht echte Tiroler Küche und nicht nur das übliche Hütten-Fastfood. Während der EM werden hier oben die Promis Hof halten. Ein gläsernes VIP-Zelt wird mit und ohne Leinwand zur Public Viewing Zone - die alpine High Society feiert hier oben unter sich.

Sollten die russischen Nachwuchsspringer, die an diesem verregneten Sonntag auf Bergisel trainieren, zur EM nach Innsbruck zurückkehren, so werden sie wahrscheinlich keinen Platz auf dem VIP-Olymp, der fast 2000 Meter hohen Seegrube, ergattern. Sie werden unten bleiben müssen. Es sei denn, sie springen noch vorher in die unsterblichen Höhen der Medaillenränge. Vielleicht würden sie es ohnehin vorziehen, auf bekanntem Terrain zu feiern.

Das Amphitheater der Sprungschanze mit seiner riesigen Leinwand ist an das ehrfurchtsvolle Geraune der Zuschauer bei Sportveranstaltungen gewöhnt. Bergisel wird eine eindrucksvolle Kulisse für die Live-Übertragungen abgeben. Und so ein Fußballspiel verbindet. Einer der jungen Russen könnte seinen Nachbarn vorsichtig in die Rippen stupsen, in die Mitte des Rundes zeigen und sagen: "Da habe ich mir schon mal die Rippen geprellt". Versonnen würde er dann nach oben in den Nachthimmel zum Schanzenkopf blicken und sagen: "Von da springe ich runter!"

Infos

Innsbruck Tourismus
Burggraben 3, 6021 Innsbruck, Tel. +43 0512 598 50
www.innsbruck.info
www.tirol08.at
Austria Trend Hotel Congress Innsbruck
Rennweg 12a, 6020 Innsbruck, Tel. +43 512 2115
www.austria-trend.at/chi
Hotel Dollinger
Haller Str. 7, 6020 Innsbruck, Tel. +43 512 26 75 06
www.tiscover.at/dollinger
Bergisel Sprungschanze
Tel. +43 512 589 289-0
www.bergisel.info

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