Geodaten Bergwelt im Chip


Klingeltöne und Dauergespräche am Handy begleiten schon heute das Naturerlebnis. In Zukunft wird man auch noch jeden Schritt im Fels am Bildschirm verfolgen, denn das GPS-Gerät kennt nicht nur den Weg bestens, es erklärt auch noch die Sehenswürdigkeiten.

"Natürlich wollen wir nicht, dass die Leute nur ins Handy starren und dabei die Natur vergessen", sagt Ingunn Bindhammer, Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Wilder Kaiser. Dennoch ist ihre Region einer der Vorreiter in der totalen Datenerfassung von Natur und Umwelt. Pünktlich zur Sommersaison 2007 zeigt die Web-Seite des Verbandes die "Dritte Dimension des Wanderns". Die ganze Region wurde vom Spezialisten Alpstein digitalisiert und für eine Internetapplikation aufbereitet. Mit Google Earth möchte Bernhard Wimmer von Alpstein diese Arbeit nicht verwechselt wissen, denn Google Earth ist im Alpenraum nicht genau, die Alpstein-Daten können dagegen auf Wunsch Objekte von nur 25 Zentimetern Kantenlänge darstellen.

Die dreidimensionale Zähmung des Wilden Kaisers bildet nur die Basis. Der Schlüssel zur ultimativen Wander- und Ferienapplikation ist die Befüllung mit möglichst attraktiven Daten. Rad- und Wanderwege, Hotels und Hütten etc. Noch sind nicht alle Datensätze verarbeiten, aber zwanzig Toptouren geben eine Eindruck von der digitalen Wanderzukunft. Die Wege können auf der Landkarte gesichtet werden. In der üblichen Trias von Karte, Luftbild und Hybrid werden sie dargestellt. Wer will, kann den Verlauf seiner Wanderung in einer 3D-Animation verfolgen, die Touren werden dann als GPS-Daten-Satz heruntergeladen oder aber ganz normal als PDF mit Tourenbeschreibung ausgegeben. Für besondere Attraktionen bietet die Seite neben den elektronischen Aufarbeitungen auch echte Flugvideos. "Dafür setzen wir Modell-Helikopter ein. Mit elektrischem Antrieb sind sie fast lautlos, die Kunst ist nur, trotz der Vibrationen ein gutes Bild zu bekommen", erklärt Wimmer. Bis sich die GPS-Wanderungen durchsetzen, ist für ihn nur eine Frage der Zeit. "Kartenlesen können doch heute immer weniger." Sobald GPS-fähige Handys in den Markt drängen, werde ihr Gebrauch sich durchsetzen. "Noch kann man sich das kaum vorstellen, aber wie schnell ist es mit der Navigation im Auto gegangen?"

Der "Bartl" Niedermühlbichl gehört mit 59 Jahren zum Urgestein der Führer in der Region. Viele der Touren am Wilden Kaiser hat er selbst entworfen. Als er mit sieben Jahren angefangen hat, in den Berg zu gehen, hat es so eine Technik nicht gegeben. Aber soll er darum dagegen sein? "Auch bei der Sicherheit haben wir einen ganz anderen Standard als in den 60ern. Da will auch keiner wieder hin, oder?" Wer möchte, könne seine Touren jetzt zu Hause genau planen. Man dürfe sich natürlich nicht überschätzen, nur weil alles auf dem Bildschirm so übersichtlich ausschaue. "Wetterumschwung und Verletzungen wird es auch mit Computer geben, der hilft dir da nichts."

Oder doch, denn Alpstein treibt das Sicherheitskonzept voran. "Über einen speziellen Kanal senden die Mobiltelefone ihre Kennung und ihre GPS-Daten alle zehn Minuten ans System zurück. Dabei benutzen wir keine SMS, die Übertragungskosten kann man damit vernachlässigen." Damit hätte man dann den "gläsernen" Wanderer. Wenn jemand überfällig ist, kann man schnell überprüfen, ob die Wandergruppe in der Hütte versackt ist oder im Gelände nicht weiterkommt. Selbst wenn nichts Schlimmes geschehen sei, sind Angehörige im Winter bei Skitouren doch viel ruhiger. "Im Ernstfall bringt das sehr viel. Früher musste immer jemand ins Tal, um den Notruf zu alarmieren. Heute hat jeder sein Handy dabei. Aber weiß er auch, wo er ist? Auf den Weg-Markierungen geben wir jetzt die GPS-Daten an, damit wir wissen, wo wir hin müssen. In Zukunft haben die Helfer automatisch eine absolut exakte Ortsangabe." Natürlich auch nachts, in Schneefall oder Nebel. So etwas solle man nicht unterschätzen, weiß der "Bartl". "Selbst erfahrene Bergführer können ohne Sicht vollkommen die Orientierung verlieren. Das ist mir auch schon passiert." Inzwischen hat der Bergführer ein wenig auf der Webseite herumgespielt. "Hier können sie alles aufrufen. Höhenprofile, durchschnittliche Zeiten, Steigungen." Ob man das braucht? Der "Bartl" lächelt: "Zu Hause können sie dann alles zusammenrechnen, was sie so geleistet haben und sich mit anderen vergleichen. Mir ist die Technik recht, weil so etwas die junge Leute wieder zum Wandern bringt."


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