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Grönland-Kreuzfahrt: Sommer im Eis

Das Kreuzfahrtschiff "MS Ocean Nova" steuert an der Westküste Grönlands Fischerdörfer an, die nur vom Meer aus zu erreichen sind. Wider Erwarten treffen die Passagiere nicht nur auf Eis und Kälte.

Von Mirco Lomoth

Das kann doch nicht Grönland sein. Auf der Terrasse des Hotel Uummannaq sitzen Gäste in kurzärmeligen Hemden in der Sonne. Es ist fast der nördlichste Punkt der Reise, knapp 600 Kilometer oberhalb des Polarkreises. West-Grönland im August entspricht nicht gerade dem Bild, das viele von der größten Insel der Erde haben - das Klima ist mild, die Tage sind lang, die Schlittenhunde arbeitslos.

Im Hafenbecken von Uummannaq schmelzen Eisberge zwischen Fischerbooten. Und am Pier liegt die "MS Ocean Nova", ein kleines Kreuzfahrtschiff mit 44 Doppelkabinen, komfortabel aber ohne übermäßigen Luxus. Eine Woche lang fährt das Schiff an der Westküste Grönlands von Kangerlussuaq knapp oberhalb des Polarkreises bis nach Uummannaq auf etwa 70 Grad nördlicher Breite und wieder gen Süden durch die Disko-Bucht zurück nach Kangerlussuaq. Unterwegs Eisberge, Gletscher und blühende Wiesen.

Landgänge und Moschusochsenköpfe

Auf der Brücke halten die Offiziere nachts in zwei Schichten Ausschau nach Eisbergen, damit die "Ocean Nova" nach dem Frühstück im nächsten Hafen liegt und die Gäste den Tag an Land verbringen können. Zum Beispiel in Qeqertarsuaq, wo grönländische Familien zum "kaffemik" mit Schwarzbeer-Biscuit-Torte einladen. Anne Hansen hat im Wohnzimmer die traditionelle Tracht ihrer Tochter auf dem Sofa ausgebreitet: Robbenfellschuhe, Stickmuster und bunte Plastikperlen auf der Bluse. Oder in Ilulissat, wo die Passagiere zu Fuß bis an den Eisfjord wandern und beobachten können, wie riesige Eisberge in die Disko-Bucht hinaus treiben.

In Niaqornat landen sie mit dem Schlauchboot am schwarzen Strand. Ein kleines Fischerdorf, in das sonst keine Touristen kommen. Vor den Häusern hängt die Wäsche auf der Leine, daneben Trophäen der Jagd. Moschusochsenköpfe, Rentiergeweihe, Eisbärenfelle. An Holzgestellen trocknet Haifischfleisch in der Sonne, für die Schlittenhunde. Die Männer sind zur Rentierjagd im Hinterland, die Frauen verkaufen Schmuck aus Walzähnen und Rentiergeweih.

Ständige Begleiter während der Reise sind immer wieder Eisberge. Der erste taucht bei 68 Grad nördlicher Breite an Steuerbord auf. Wie ein riesiges weißes Schiff ankert er in einer Bucht und sorgt für Aufregung unter den Passagieren. Der Eisberg, der die Titanic zum Untergang brachte, soll aus der Disko-Bucht gekommen sein, erzählt man sich an Deck. Nur hier gibt es Eisberge so groß wie Hochhäuser, auch mitten im Sommer.

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