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stern-Reportage: Planet Ibiza

Die Saison ist kurz, die Nächte sind hart, und neuerdings scheint auch am Tag nichts mehr unmöglich: Ibiza 2015 - eine Insel zwischen Schwerelosigkeit und Rausch.

Von Ulrike von Bülow und Andrea Ritter

Dieser Artikel erschien zuerst im stern Nr. 33/2015
Es ist ein Uhr mittags, und die Sonne brennt so heiß, dass über dem Meer ein Schleier liegt, weiß wie Dampf: Arbeitsbeginn für Mojitoman und seine Freundin, Mojitowoman. Sie steigen in ihre schwarzen Neoprenanzüge und verpacken die Zutaten in wasserdichte schwimmende Taschen: Rum, Limetten, Erdbeeren, Zucker, Soda, zerstoßenes Eis und büschelweise grüne Minze - alles, was sie für ihre Mojitos brauchen. Mit dem Schlauchboot geht es von Ibiza aus aufs Meer, Richtung Formentera, wo vor menschenleeren Sandstränden weiße Yachten auf den Wellen schaukeln.

Mojitoman heißt eigentlich Ariel, Mojitowoman Olga. Es ist der dritte Sommer, den sie auf dem Meer verbringen und dorthin fahren, wo das Geld ist: zu den Luxusbooten, auf deren Decks die Luxuskörper bräunen. Der Reichtum liegt in der Sonne und langweilt sich - eiskalte Cocktails und ein bisschen Abwechslung sind da genau richtig. "Mojitoman is coming", ruft Ariel, sobald sie sich einer Yacht nähern. Olga wirft die Tasche mit den Zutaten über Bord und springt hinterher. Schnell sind sie, konzentriert und auch bei dummen Sprüchen immer gut gelaunt.

"Mojitoman" alias Ariel und "Mojitowoman" alias Olga besuchen die Reichen von Ibiza auf ihren Yachten und mixen den Cocktail direkt an Bord.


"Why Ibiza?"

Die Menschen auf den Booten sind jung und hübsch, die Jeunesse dorée der Globalisierung: Aus Brasilien, aus Dubai oder Südafrika kommen sie, aus einer anderen Welt. Und wenn man sie fragt: "Why Ibiza?", dann sagen sie: "Because it’s fun. Because it’s save."

Spaß und Sicherheit: Das sind Ibizas Versprechen. Man kann seinen Reichtum entspannter genießen als auf mancher Karibikinsel oder in Saint-Tropez - hier sind wenig Diebe, kaum Paparazzi. Ariel hat Fotos auf seinem Handy, die ihn mit Liv Tyler zeigen, mit Ronaldo, Götze oder Schürrle. Und wenn die Saison auf Ibiza zu Ende ist, ziehen Olga und Ariel weiter. Auf die Luxusinsel St. Barth. Genau wie ihre Kunden.

Ibiza. Aus der Luft betrachtet liegt die Insel wie ein rostbrauner Klotz im Meer; 570 Quadratkilometer Fläche, kleiner als Hamburg. Lange Zeit galt sie als Spaßbad für Trance Engländer und Schnösel. Inzwischen jedoch ist aus Mallorcas durchgeknallter kleiner Schwester so etwas wie das St. Barth des Sommers geworden: ein Ort für Besserverdienende, die entspannen, aber auch feiern wollen. Düsseldorfer Zahnärzte und Londoner Banker kommen deswegen her, die Stars aus Hollywood und die vom FC Bayern München. Hippie-Paradies, Party-Mekka, Zurück-zur-Natur geht heute alles zusammen: Draufmachen und Runterkommen, Champagner und Ingwersaft. Die Insel erfindet sich immer wieder neu. Und ist zwischen all dem Geld, dem Krach und den Drogen auch ein Zuhause geworden. Für die, die sonst nirgendwo hinpassen. Für Glücksritter und Romantiker, die leben wollen, einfach so, ohne Netz.


"Danke, Gott"

Ariel ist aus Argentinien nach Spanien gekommen, seine Freundin Olga aus Russland. Beide sind 39, vor neun Jahren haben sie sich auf dem Festland kennengelernt, erzählt Olga, seitdem sind sie unzertrennlich. Sie hatten es mit einem Restaurant versucht, eine Weile funktionierte das auch ganz gut. Dann kam die Krise. "2011 waren wir pleite", sagt Olga. "Wir mussten unseren Laden abschließen und gehen. Wir hatten nichts mehr." Jemand schenkte ihnen ein Zelt, und sie zogen nach Ibiza, in den Wald, aßen jeden Tag Wassermelonen. Am Strand von Sant Antoni de Portmany verkauften sie Supermarktbier an britische Teenager, und immer, wenn Ariel aufs Meer schaute, sah er am Horizont die Luxusyachten. "Die Idee mit den Mojitos kam direkt von oben", sagt er. "Danke, Gott!"

Das Firmenimperium, das viel mit dem Wohlstand und dem neuen Rummel um die Insel zu tun hat, residiert auf fünf Stockwerken in der Avenida de Bartolomé de Roselló in Ibiza-Stadt: die Grupo Empresas Matutes. Immobilien, Baustoffe, Teile der Trinkwasserversorgung, Luxushotellerie - alles in den Händen der einflussreichsten Familie der Insel. "Tony Soprano von Ibiza" wird Oberhaupt Abel Matutes, 73, genannt. Er war unter Franco Bürgermeister, später Außenminister im Kabinett José Aznar. Bis heute ist er einer der wichtigsten Strippenzieher hinter allem, was die Geschicke der Insel bestimmt. Auch seine vier Kinder sind in die Geschäfte eingestiegen; Ibiza ist sozusagen ein Familienbetrieb in zweiter Generation.

Sohn Abel Matutes Prats, 38, kümmert sich unter anderem um die touristische Ausrichtung der Insel. "Ibiza Experience" nennt er die "Marke", die seine Matutes-Gruppe verkaufen will. Bisher habe das Ibiza-Feeling vor allem aus Nachtleben und Party bestanden, erklärt er. "Nun setzen wir auf Daytime Experience." Damit meint er zum Beispiel Segeln oder Hochseeangeln. "Und auf gehobene Restaurants. Für die Food Experience." Man habe erkannt, dass Ibiza im gehobenen Segment nicht wettbewerbsfähig sei. Und dieses Manko behoben, indem man gezielt Luxushotels und Promi-Gastronomie ansiedelte. "Die Investition in diesem Bereich war der Wendepunkt für das Image der Insel", sagt Matutes junior. "Ibiza gilt nun als cool und chic. Wir hoffen, dass dieser Trend anhält."

Recht neu sind auch die vielen Beach Clubs, bei denen man genau auf das Schild über dem Eingang gucken muss, damit man sie nicht verwechselt. Ob im "Blue Marlin" oder dem "Nassau" - überall Kellner in weißen Polohemden, die Tabletts mit Champagnerkübeln zu weißen Himmelbetten tragen, auf denen die Gäste liegen. Oder chillen, wie man hier sagt. Und alle leuchten hübsch in der Sonne.

Rundumbetreuung für Reiche

Damit sich die Schönen und Berühmten wohlfühlen, leistet Ibiza sich eine Branche, die in dieser Form sonst nirgendwo zu finden ist - die der Urlaubsorganisatoren, Nannys für Reiche. Über 300 solcher "Concierge Services" soll es geben, allerdings: "Man sollte vorsichtig sein, wen man auswählt: Steht nur eine Handynummer auf der Website und keine Steuernummer, ist das nicht seriös", sagt Serena Cook, eine Britin, die dieses Geschäft begründet hat. Zu ihren Kunden zählen Hugh Grant, Naomi Campbell oder Lady Gaga.

Serena Cook trägt ein Top in Neonorange, als sie an diesem Mittag in einem Restaurant in Ibiza-Stadt sitzt und die Insel erklärt. Sie kann das gut, sie lebt seit mehr als 15 Jahren hier. Zunächst bewirtschaftete sie drei Häuser, die ihre Freundin Jade Jagger, Micks Tochter, im Sommer vermietete. "Die Gäste fragten: Wie bekomme ich ein Boot? Wo sollen wir essen gehen? Wie komme ich am Türsteher vorbei ins Pacha?"

Cook hatte auf alles eine Antwort und machte daraus einen Beruf. Von der Villa über den Chauffeur bis zum Geburtstagsstrauß für die Gattin - ihre Firma ist Reisebüro und Sekretariat in einem und rund um die Uhr erreichbar. Sie hat 17 Angestellte, von denen zwei für Hotels zuständig sind, zwei für die Nachtclubs ("Die kennen alle Türsteher") und drei für spezielle Events. Sie beauftragt Köche, Butler, Fitnesstrainer, die für ihre Gäste da sind. Cook mietet Yachten und Villen, die bis zu 250.000 Euro die Woche kosten. "Der Durchschnittspreis liegt bei 17 000 Euro pro Woche", sagt sie. "Das ist viel, selbst für die, die sonst in der Karibik mieten. Ibiza ist teurer." Besorgt sie alles, was ihre Kunden wünschen? "Na ja", sagt Cook. "Einmal wollte jemand für eine Zirkus-Themenparty tigerförmige Tassen, da musste ich passen. Und Tanzbären, die habe ich auch abgelehnt."

Alles an einem Abend

Heiß gehandelt wird zurzeit ein Laden namens "Heart". Guy Laliberté, Erfinder des "Cirque du Soleil", tat sich mit dem spanischen Spitzenkoch Ferran Adrià und dessen Bruder Albert zusammen, um ein Konzept umzusetzen, das gerade besonders gut ankommt: Dinner, Cabaret, Party, alles an einem Abend. Das Lío ist ein weiterer Hotspot der Insel, das günstigste Couvert liegt hier über 1000 Euro. Und natürlich das Cipriani, das auch in New York City, Hongkong oder Abu Dhabi zu Hause ist. Das Cipriani Ibiza, weißes Tischtuch, sandfarbene Sessel, meerblaue Kissen, wurde im vergangenen Sommer berühmt, weil es die schönste Geschichte beherbergte, die sich auf dieser Insel abspielen konnte: Orlando Bloom saß an einer langen Tafel, als Justin Bieber vorbeikam. Vermutlich sagte Bieber ein falsches Wort, jedenfalls sprang Bloom auf und versuchte ihm ins Gesicht zu schlagen. Wer an jenem Abend dabei war, erzählt, dass Bloom für diesen Einsatz Szenenapplaus bekam – von seiner Tischgesellschaft, unter ihnen auch Leonardo DiCaprio.

Früher kam eigentlich nur europäische Prominenz nach Ibiza. Oder zog wieder weg. Wie Noel Gallagher, der hier jahrelang ein Haus besaß - bis James Blunt auch eins kaufte. Seit die Amerikaner kommen, geht es zu wie auf dem roten Teppich bei den Oscars. "Manche möchten gesehen werden, manche nicht", sagt Serena Cook. Möglich machen kann sie beides.

Wer möchte nicht gesehen werden? "Paul McCartney. Dem war es schon unangenehm, als ihn ein Restaurantbesitzer schüchtern nach einem Foto fragte." Jemandem wie McCartney mietet Serena Cook ein schönes Haus und organisiert ihm hübsche, aber ruhige Abende. Wer also möchte gesehen werden? "Paris Hilton. Sie ist dort, wo man fotografiert werden kann. Und sagt vorher Bescheid, wann."


Zwischen Döner und Detox

Zeigen, wo man ist. Zeigen, dass man Spaß hat: Auf Ibiza ist das wichtig. Selfie-Sticks ragen in den Himmel wie Antennen, jeder ist auf Sendung, überall. Auf der Tanzfläche des Ushuaïa gibt es sogar einen eigenen Mast fürs Wlan. Wie ein Monolith ragt der Laden mit dem bunten Kolibri an der Platja d’en Bossa empor. Die Anlage, die von der Matutes-Familie gebaut und 2011 eröffnet wurde, dominiert die Silhouette der Bucht: ein hochpreisiges All-inclusive-Hotel für Erwachsene, die sich ein paar Tage lang wie Kinder benehmen wollen. DJ-Pulte, Jacuzzis auf dem Balkon oder bunt leuchtende Regenduschen mitten im Raum - jedes Hotelzimmer ist anders. Alle haben eine Maxibar statt Minibar, und unter 18 Jahren hat niemand Zutritt. Das Ushuaïa ist eine bunt parfümierte Spaßwelt mit angeschlossener Disco, in der man schon am Frühstücksbüfett die Wahl hat zwischen Döner und Detox. Um zwölf Uhr fängt der erste DJ an, ab 16 Uhr ist Party, jeden Tag. Und irgendwann springen alle in den Pool. Bastian Schweinsteiger hat hier seinen 30. Geburtstag gefeiert, in einem dieser VIP-Bereiche, die Leute wie ihn von der Masse abzirkeln.

Gut essen, gut feiern, gut schlafen – der neue Typus des Ibiza-Urlaubers bleibt nur zwei bis drei Tage. Er schaut nicht aufs Geld, er kommt, um in kurzer Zeit viel zu erleben. Genau so ist es gewollt. Leider, finden die, die in der Insel auch noch etwas anderes sehen als eine touristische Hochleistungsmaschine.

"Ibiza war schon immer ein Ort, an dem die unangepassten Individualisten zusammenkamen, um Dinge auszuprobieren", sagt Martin Davies. Der britische Historiker lebt seit 1992 in Ibiza-Stadt und zählt zu jener Fraktion, die sich eher für die Natur der Insel interessiert, denn Ruhe, so Davies, gebe es schließlich auch. "Wer hier wohnt, wird irgendwann ein bisschen müde von der ewigen Glorifizierung des Lärms", sagt er. "Die Musik ist wie ein Parasit. Aber wir sind stark, wir werden ihn noch abschütteln."

Ibiza hat traumhafte Buchten und malerische Sonnenuntergänge. Felsen in allen Schattierungen von Orange. Und dann dieses Licht! Magisch sei die Insel, das behaupten nicht nur die Hippies, die jeden Sonntagabend am Strand von Benirràs die Sonne heruntertrommeln. An der Westküste kann jeder etwas von Ibizas Magie erspüren, beim Blick auf Es Vedrà. Eine Felsformation, die aussieht wie eine verzauberte Festung eines dämonischen Zauberers mitten im Meer. Ufos hat man hier schon gesehen, Aliens und Drachen, je nach Droge und Gemütszustand. Der Felsen sei der letzte sichtbare Teil des versunkenen Atlantis, heißt es. Ein Ort mit so magnetischer Konzentration, dass selbst Zugvögel die Orientierung verlören.


Auflösung, Schwerelosigkeit, Vergessen

Ibiza ist eine Insel, auf der Zeit keine Rolle spielt. Die Insel, auf der einem gesagt wird: Da kannst du gutes Koks kaufen, und da ist das Krankenhaus, viel Spaß. Es ist völlig egal, ob die Woche anfängt oder endet: Der Takt wird von den Clubs vorgegeben, von den DJs und Partys. Am Montag geht man ins DC-10, dienstags dann vielleicht ins Space, mittwochs ins Amnesia oder ins Eden. Die Namen der Clubs erinnern an Ibizas Versprechen: Auflösung, Schwerelosigkeit, Vergessen. In den Sechzigern kamen die Hippies auf die Insel, um sich selbst zu finden. Die Clubkinder von heute wollen sich verlieren.

"Es wird hier kein großer Wirbel um Drogen gemacht, jeder Barmann weiß, wo man etwas bekommt", sagt eine, die sich auskennt. "Das Gramm Koks kostet 80 bis 120 Euro. Am besten für eine Party ist es natürlich, wenn alle auf demselben Stoff sind, wegen des Flows." Da gibt es die MDMA-Leute, die alles schön finden; die euphorischen Kokser oder die auf Ketamin, die mit stumpfem Blick vor sich hin stampfen, stundenlang. "Ein guter Barkeeper erkennt sofort, auf welchem Zeug jemand ist. Und er weiß, welcher Drink dazu passt. Ibiza ist aber auch Testlabor für neue Pillen. Die werden hier billig auf den Markt gebracht. Was gut ankommt, funktioniert später auch in Berlin oder London."

Rechnet man die offiziellen Besucherkapazitäten der größten Clubs zusammen, können in Ibiza jede Nacht etwa 40.000 Menschen in Discos feiern gehen – so viele, wie in einer kleineren Stadt wohnen, in Lemgo zum Beispiel oder in Aurich. Überall an Straßen und Häuserwänden ragen gigantische Werbetafeln empor, darauf die Namen der Clubs und die Gesichter der DJs. Wer auf Ibiza nach einer Wegbeschreibung fragt, hört: "Du fährst am Privilege vorbei, und dann die nächste links." Oder: "Ich wohne hinter dem Amnesia rechts rein."

"F**k Me I'm Famous"

Die Clubs sind immer noch einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Insel. Und die Gagen für die DJs fantastisch: 90.000 Euro verdient beispielsweise David Guetta pro Auftritt, heißt es. Donnerstags legt er im Pacha auf, "F**k Me I’m Famous", die billigste Eintrittskarte kostet 75 Euro. Die Mädchen auf der Tanzfläche haben ihre Brüste in Push-up-Körbchen gequetscht und die Füße in hochhackige Sandalen, die Jungs zeigen Oberarme, die nach harter Arbeit aussehen. David Guetta strahlt auf der DJ-Empore. Ab und zu legt er Zeigefinger und Daumen aneinander und formt ein Herz; die Tänzer herzen dann zurück. Und alle filmen sich mit ihren Handys.

In solchen Momenten wirkt Ibiza wie eine Insel auf Viagra. In anderen wie ein Ort jenseits von Raum oder Zeit. Ein Ort, an dem alles möglich ist. Dieses Gefühl dazwischen - vielleicht ist das die "Ibiza Experience", von der die Eingeweihten reden.




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