Istanbul Mit besten Aussichten


Eintauchen in die Metropole Istanbul und gleichzeitig den Überblick behalten? Klingt illusorisch, geht aber. In modernen Apartments fühlt man sich nach einem Stadtbummel wie einst ein Sultan - nur ohne jeden Orient-Klimbim.
Von Stefanie Rosenkranz

Es gibt tatsächlich Menschen, die Istanbul besuchen und danach entsetzt wieder nach Hause fahren. Fragt man sie nach den Gründen, blubbert einem eine Litanei des Schreckens entgegen: geneppt worden im Grand Bazar, gelinkt worden in einem Fischrestaurant in Kumkapi, genervt worden von Zigeunerkindern bei der Chora-Kirche. Und der Verkehr! Und der Lärm! Und vor allem das Hotel! Von außen sah es aus wie ein Schuhkarton, innen roch das Klo nach Klo und das Personal nach Schweiß. Der Duschvorhang war kurz und klebrig, die Klimaanlage entweder zu heiß oder zu kalt und der einzige Zahn des Zimmermädchens grünlich. Nächtens toste Disco-Lärm; kaum war der verklungen, folgte die scheppernde Erinnerung des Muezzins daran, dass Gott wirklich groß ist. Und der Blick! Auf Mülltonnen! Auf Dauerstau! Kurz: Die Megametropole präsentierte sich wirr wie ein schlecht aufgerolltes Wollknäuel. So kann man Bergheim- Niederaußem richtig lieb gewinnen.

Nichts von alledem kann einem passieren, wenn man sich in die kundigen Hände des Teams von "Manzara Istanbul" begibt. Dessen türkisch-deutscher Chef Erdogan Altindis (sprich: Erdohan Altindisch) bringt einen nicht in Hotels unter, sondern in Wohnungen, die einem buchstäblich den Atem rauben und die er zumeist selbst ausgestattet hat. Manche gleichen wunderschönen Wolkenkuckucksheimen hoch über Bosporus und Goldenem Horn, mit aberwitzigen Blicken, so fantastisch, dass man vor lauter Begeisterung fast über die Brüstung der Terrassen kippt. Von anderen hat man Aussicht auf den 660 Jahre alten Galata-Turm. Und dann gibt es auch einige, die zwar keinen spektakulären "Manzara" haben - das bedeutet "Ausblick" auf Türkisch -, aber trotzdem so schön sind, dass man am liebsten nicht mehr wegwill. Denn sämtliche Apartments sind bar jeden Orient-Kitsches so eingerichtet, dass man ganz automatisch in die Prosa von Einrichtungsmagazinen verfällt.

Sehnsucht nach der Heimat

Das Fenster genau überm Bett in der Wohnung "Topkapi" etwa, das einem erlaubt, des Nachts bäuchlings die hell erleuchteten Kreuzschiffe im Goldenen Horn zu betrachten, ist einfach ein "hinreißendes Detail". Angesichts der Bilder und Fotos, die an den Wänden der "Manzara"-Wohnungen hängen - und die man zumeist kaufen kann, denn die Herbergen sind zugleich Ausstellungsräume-, schießen einem Begriffe wie "erlesen" sowie "spektakulär" durch den Kopf. Und was soll man sagen ob der schönen Bäder, der gut ausgestatteten Küchen, der Möbel, die immer genau richtig sind, außer "zweckmäßig und dabei liebevoll"? Kurz: Bei Erdogan Altindis wohnt man wunderschön. Wie es dazu kam, dass sich der studierte Architekt überhaupt in Istanbul niederließ, ist eine lange Geschichte. Geboren wurde er vor 45 Jahren in einem Dorf nahe Kayseri in Zentralanatolien. Ein Jahr später erkrankte er an Kinderlähmung; "ich konnte nicht laufen, bis ich sieben Jahre alt war". Er war zehn, als sein Vater, der als Gastarbeiter in München lebte, ihn nach Bayern mitnahm, um ihn operieren zu lassen. "Die Ärzte wollten mich nicht nach Kayseri zurückgehen lassen. Also blieb ich bei meinem Vater, der damals mit 199 anderen Türken in einer Baubarackensiedlung lebte. Ich war das einzige Kind und daher der König. Jeden Tag bekam ich kleine Geschenke. Jeder ließ mich Fernsehen gucken, mal 'Daktari', mal 'Bonanza'."

Die Idylle währte nur kurz, denn alsbald erschien eine Frau vom Sozialamt, sagte etwas auf Deutsch, das keiner verstand, und brachte den Jungen in einem Behindertenheim unter. Er landete wegen seiner dürftigen Deutschkenntnisse zunächst auf der Sonderschule, war ganz allein unter Fremden und sehnte sich schrecklich nach seiner Familie. Irgendwann wurde er auf die normale Schule versetzt, schaffte sein Fachabitur und studierte anschließend Architektur. Längst war er ein echter Bayer, doch trotzdem litt er an "özlem", an Sehnsucht nach Heimat. Inzwischen hatte er Istanbul kennengelernt, "was heißt Istanbul, eigentlich habe ich nur Beyoglu gesehen". In diesem riesigen Stadtteil auf der europäischen Seite Istanbuls liegt fast alles, was die Metropole abgesehen von Hagia Sophia, Topkapi-Palast und Blauer Moschee ausmacht: Hier lebten einst die nicht muslimischen Minderheiten rund um die heutige Fußgängerzone Istiklal Caddesi herum, die vormals Grande Rue de Pera hieß; in Beyoglu liegt sowohl der Taksim-Platz als auch der einst von Genuesern erbaute Galata-Turm. Und in Beyoglu wohnte auch Altindis' Onkel, bei dem er einige Sommerferien verbrachte und beschloss: "Eines Tages werde auch ich hier leben."

"Alle sind glücklich"

Und so geschah es: Jahre später hüpfte Altindis auf seinen Krücken in einer Ruine nahe des Galata-Turms sechs Stockwerke hoch, wurde eines atemberaubenden Blicks ansichtig und kaufte eine völlig heruntergekommene Bleibe für 27.000 Mark. "Ich legte eine Matratze auf den Fußboden, schlief darauf und sah den Sonnenaufgang auf der asiatischen Seite. Danach war es um mich geschehen." Er renovierte die Wohnung, zeigte sie Freunden und kam alsbald nie mehr in sie hinein - "ständig war sie untervermietet". Die Wohnung gibt es bis heute, sie ist ein Kleinod namens "Bosporus". Das war der Beginn von "Manzara". Inzwischen vermietet Altindis 23 Apartments rund um den Galata-Turm und auch im nahe gelegenen Viertel Cihangir. Denn bald konnte er die Eigentümer anderer Immobilien in zumeist desolatem Zustand dazu überreden, sie ihm gegen ein geringes Entgelt zu überlassen. Er saniert sie, richtet sie so ein, "dass ich selber gerne bei mir wohnen würde", vermietet sie fünf Jahre lang via "Manzara" und übergibt den Besitzern anschließend statt trostloser Löcher Juwelen. Ergebnis: "Alle sind glücklich", so Altindis. Besonders seine Gäste.

Er selbst hat längst keine Sehnsucht mehr. Stattdessen bemüht er sich mit Erfolg, andere mit seiner Liebe zu Istanbul anzustecken. So organisiert er Stadt- und Nachtführungen, Hamam-Besuche sowie Workshops, etwa über türkische Küche, die Produktion von Filz oder Keramik. Die Rezeption von "Manzara" ist inzwischen zu einem Treffpunkt für Istanbuler geworden, wo im Winter Kastanien geröstet und Lesungen veranstaltet werden. Wer in einer der "Manzara"-Bleiben wohnt, kann dabei mitmachen - oder sich einfach nur daheim entspannt in einem Sessel flegeln. Denn wer erst einmal in einem der Luftschlösser angekommen ist, möchte zumeist nicht mehr hinaus, was nicht nur an den vielen Stockwerken liegt, die es zu bewältigen gilt, sondern an der Aussicht. Echte Faulpelze können sich daher gegen Aufpreis ein komplettes Abendessen servieren lassen, vor einer Kulisse, die grandioser nicht sein könnte. Es erstrahlen Topkapi-Palast, Hagia Sophia und die Blaue Moschee, davor liegt nachtschwarz das Goldene Horn. So kann man Bergheim-Niederaußem getrost vergessen und sich fühlen wie einst die Sultane.

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