HOME

Durch das jüdische Rom : "Sagen Sie niemals Ghetto zu unserem Viertel"

Wer Ruhe sucht in der ewig hektischen Stadt, ist im jüdischen Viertel richtig: Zwischen Marcellus-Theater und Palazzo Cenci verebbt der Lärm – und der Touristenstrom.

Von Dirk van Versendaal

Viel Stein und jede Menge Geschichte: Das Teatro di Marcello wurde von Caesar in Auftrag gegeben und von Augustus um 11 v. Chr. geweiht

Viel Stein und jede Menge Geschichte: Das Teatro di Marcello wurde von Caesar in Auftrag gegeben und von Augustus um 11 v. Chr. geweiht

Getty Images

Krummer, schiefer geht's in Rom nicht. Wer das Quartier Ghetto betritt, braucht einen Kompass, eine digitale Citymap – oder lässt seine Füße einfach mal laufen. Über Kopfsteinpflaster und durch niedrige Bogengänge, in die Häuserschluchten mit einem Bändchen blauen Himmels über dem Kopf und unter der Wäsche durch, die vor den Fenstern zum Trocknen hängt.

Wo das Viertel beginnt oder endet, ist körperlich spürbar. Plötzlich verebbt der Lärm der Autos und Motorroller, das Gefühl ständiger Wachsamkeit, das einen durch so viele Straßen der Stadt begleitet, schwindet: Sogar eine Fußgängerzone haben sie hier zwischen Tiber und dem Schildkröten- Springbrunnen an der Piazza Mattei, zwischen Marcellus-Theater und dem Palazzo Cenci.

Zentrum des jüdischen Viertels ist die Via del Portico d'Ottavia mit ihren koscheren Restaurants. Vom späten Vormittag an tragen Kellner ihre Tabletts mit gebackenen Kürbisblüten oder Hummus und Couscous, schenken Merlot aus Galiläa ein, schwören Stein auf Bein, dass ihre "Carciofi alla giudia" der Gipfel der hebräisch-römischen Küche seien; hier wurden sie schließlich erfunden, Artischocken nach jüdischer Art. Neben der Vorhut der Gentrifizierung – den teuren Bioläden und Beauty-Centern – gibt es noch immer die kleinen, nützlichen Geschäfte mit Unterwäsche und kirchlichem Tand, mit Matratzen, Haushaltswaren und Spielzeug. Seit der Jahrtausendwende sind zwar die koscheren Schlachter und Schneidereien verschwunden, aber die melancholische Grundstimmung des Viertels ist geblieben und legt sich wie ein Tuch über vom Lärm strapazierte Nerven.

Sant' Angelo statt Ghetto

Das Gassengewirr wurde der jüdischen Gemeinde 1555 von Papst Paul IV. ganz und gar nicht als freundliche Geste zugeteilt. Ihre Bewohner mauerte man regelrecht ein, regelmäßig trat der Tiber über die Ufer. Heute leben nur noch wenige Juden hier. Sie kommen aber zum Beten und Heiraten, zum Tafeln und Trinken, zum Lernen: Die Kinder pendeln aus anderen Stadtteilen zum Unterricht in der Jüdischen Schule, hinter der sich die Große Synagoge von Rom erhebt.

"Sagen Sie niemals Ghetto zu unserem Viertel", bittet Silvana Ajò, "auch wenn das in Rom so üblich ist." Der richtige Name des Viertels sei Sant' Angelo, erklärt sie, nach dem einstigen Fischmarkt, auf dem sich die Wohlhabenden Roms mit dem Besten des Fischfangs versorgten. Die Köpfe und Flossen wurden von den Habenichtsen der Umgebung aufgesammelt und zur Fischsuppe verkocht – "il brodo di pesce" gilt heute als Delikatesse.

Silvana Ajò hat wildes Haar und trägt eine getönte Brille im XXLFormat, sie ist klein und alt, und mit etwas Glück begegnet man ihr im Jüdischen Museum. Dort ist sie eine Art Maskottchen, sie kommt und geht, wie es ihr passt, und wenn sie mal da ist, gibt sie Auskunft. Das kann sie außerordentlich gut, denn sie ist Jahrgang 1927 und hat ein paar Jahrzehnte lang die jüdische Buchhandlung des Viertels geführt.

Nur 17 Juden überlebten

Silvana Ajò ist zum Geschichtsbuch geworden, denn sie hatte das Glück, die Stadt gerade verlassen zu haben, als am Morgen des 16. Oktober 1943 SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker seine Schergen zur Jagd auf die Juden durchs Viertel schickte. Wer nicht über Dächer und Hinterhöfe entkommen konnte, wurde festgenommen. Mehr als 1000 Menschen wurden in den Tagen darauf nach Auschwitz deportiert. Nur 17 von ihnen überlebten.

In ein paar Jahren werden die fürchterlichen Monate der deutschen Besatzung (10. September 1943 bis zum 4. Juni 1944) kein Teil einer lebenden Erinnerung mehr sein, sondern sich als Episode in die Geschichte der Ewigen Stadt eingliedern, zu Bausteinen werden, wie die Marmorsäulen, Mosaiken, Giebel und vorchristlichen Fundamente, die bröckelnden Reste des Circus Flaminius.

Am Abend drängeln sich die Leute nur ein paar Meter von hier um die besten Tische, das Summen ihrer Stimmen und das Echo der Sprachen aus allen Ecken der Welt fällt von den antiken Wänden und von den Renaissance-Palästen des Platzes Portico d'Ottavia. Ein Trupp kleiner Jungen bekämpft sich brüllend mit Plastikschwertern, ihre Eltern streiten laut darüber, ob es wirklich nötig war, dass der städtische Stromversorger Acea die kuscheligschummrige Straßenbeleuchtung im Viertel durch LED-Lampen und ihr weißes Frostlicht ersetzt hat. Wie gut, dass nicht das Gewicht der Geschichte Roms auf den schmalen Schultern der Lebenden ruht.

+++ Lesen Sie auch: "Gründung vor 500 Jahren - Warum Venedig das älteste Ghetto der Welt ist" +++


Wissenscommunity