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Eine Oase in der Ewigen Stadt: Testaccio - Roms Arbeiterviertel wandelt sich zum Hort der Kulinarik

Romanità nennen die Einheimischen das Wesen des Römers. Wer es ergründen möchte, findet es im einst schmuddeligen Hinterhof der Stadt.

Von Giuseppe Di Grazia

Bisschen was essen, bisschen was trinken: Bei Matteo Tomljanovich im Volpetti in der Via Marmorata geht das ausgezeichnet.

Bisschen was essen, bisschen was trinken: Bei Matteo Tomljanovich im Volpetti in der Via Marmorata geht das ausgezeichnet.

Es gibt ein Viertel, in dem scheinen die Straßen gerader und planmäßiger angelegt, die Plätze und Brunnen schmuckloser, die Menschen leiser und achtsamer zu sein als anderswo. Wer entdecken möchte, was die Einheimischen selbst Romanità nennen, das Wesen eines Römers, der sollte ruhig hierher, ins Testaccio.

Sobald man etwa von Trastevere aus den Ponte Sublicio überquert hat und zur Piazza Testaccio gelangt, wird es merkwürdig still. An diesem Morgen sitzen Rentner auf den Marmorstufen der delle Anfore, Hausfrauen bringen die Einkäufe aus dem nahe gelegenen Mercato, einem der besten der Stadt, nach Hause. Männer stehen vor einem Zeitungskiosk und diskutieren, ohne Gebrüll und übertriebene Gestik. Alle gehen vertraut miteinander um.

Hier ist alles so normal, dass es einem als Gast wiederum besonders erscheint. Der Puls der Stadt und des Besuchers kommen hier tagsüber zur Ruhe, als sei das Testaccio eine Oase .

"Touristen sehen wir hier nur, wenn sie sich hierher verirrt haben", sagt der Journalist und Buchautor Carlo Bonini. "Aber dafür erleben sie dann zu ihrer Freude jenseits der üblichen Routen das Rom des Römers und tauchen ein in ein Viertel, das ihnen unseren Alltag ohne große Showelemente zeigt."

Schuttberg und Schlachthof

Bonini lebt seit fünf Jahren im Testaccio, er gehört zu einer wachsenden Zahl Künstlern, Filmleuten, Designern und Journalisten, die das ursprüngliche mit seinen urigen Läden, alteingesessenen Handwerksbetrieben und Restaurants zu schätzen wissen.

Sie haben sich im Quadrat zwischen Tiberufer, der Via Marmorata, der Via Galvani und der Via Beniamino Franklin niedergelassen. Die meisten von ihnen kennen das merkwürdigste und toleranteste Dorf Roms aus ihrer Jugend- und Studentenzeit, als hier Mitte der 90er Jahre die Gegend rund um das ehemalige Schlachthaus zum hippen Treffpunkt für vergnügungssüchtige Schwule und Heteros wurde.

Der ideale Ort zum Einkaufen von frischen Lebensmitteln: der neue Markt im Testaccio.

Der ideale Ort zum Einkaufen von frischen Lebensmitteln: der neue Markt im Testaccio.

Getty Images

Bis dahin war das Testaccio stets der schmuddelige Hinterhof der Stadt. In der Antike diente es als Abladeplatz für Öl- und Weinamphoren, daher der Name (testaccio, vom Lateinischen: testa, Krug oder Scherbe). Aus den Keramikscherben entstand der bis zu 50 Meter hohe Monte Testaccio, nichts anderes als ein Schuttberg. Später errichteten die Römer hier den Schlachthof der Stadt. Mitte der 70er Jahre wurde er geschlossen, das Areal lag brach und verkam. Noch in den 80er Jahren war es ein Ort der Drogendealer, Kleinkriminellen und Dirnen.

Bis sich in den Kellergewölben am Fuße des Hügels Klubs und Bars einrichteten, die wie das L'Alibi bis heute das Nachtleben der Stadt prägen. Aus dem Problemviertel wurde zuerst eine Amüsiermeile und in den vergangenen Jahren ein Szeneviertel. Nicht allen gefällt die Aufwertung. Wohnungen sind teurer geworden, alte Läden weichen Boutiquen, Galerien oder schicken Bars.

Authentische römische Küche

An der Piazza Testaccio findet man jetzt die Oasi della Birra. Zu Recht vermutet man hier viele Biersorten, rund 500, aber man rechnet nicht damit, dass der Besitzer im hinteren Teil eine vorzügliche Enoteca versteckt hat, in der man gute Weine und hervorragenden Käse und "salumi" (Auswahl aus jeweils 200 Sorten) essen kann oder auch die typisch römische Pasta, die Bucatini allʼ Amatriciana.

Auf dem einstigen Schlachthof eröffnete 2002 das MACRO, das Museum für zeitgenössische Kunst Roms, eine Dependance; in den anderen Räumen finden regelmäßig Festivals statt.

Die Tradition der römischen Küche lebt im Testaccio trotzdem weiter, am besten erlebt man sie wie eh und je im Checchino dal 1887. Als das Restaurant öffnete, wurde nebenan gerade der Schlachthof gebaut. Die Arbeiter erhielten als Teil ihres Lohns Fleischreste, das "quinto quarto", das unverkäufliche "fünfte Viertel"; die Innereien ließen sie sich im Checchino kochen. So entstanden typisch römische Gerichte wie die Pajata, eine Pastavariante mit dem Darm junger Milchlämmer. Wer so etwas mag, mag sie am liebsten im Checchino, nirgends schmecken Innereien authentischer.

So besonders, so anders ist auch der Friedhof des Viertels, der Cimitero Acattolico. Hier sind Nicht-Katholiken wie der Dichter John Keats, der Kommunist Antonio Gramsci und Goethes Sohn August begraben. Der Friedhof liegt in der Nähe der Cestius-Pyramide, umgeben von hohen Zypressen. Wer dort spazieren geht, erlebt ein grünes Idyll. Eine Oase mitten in der Oase Roms.

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