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Die Ewige Stadt? Rom zerfällt – Wie mich mein Kurztrip schockierte


Einst galt Rom als eine der schönsten Städte Italiens. Heute ächzt die Stadt unter dem Gewicht des Massentourismus, leidet unter fehlenden Investitionen in die Infrastruktur – und verwässert sogar kulinarisch. 

Im August dieses Jahres sollte eine romantische Hochzeit mitten am Forum Romanum, eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten der Welt, stattfinden. Dort, wo Tag für Tag Tausende Touristen entlang laufen, unweit von Kapitol und Kolosseum. Kurz vorher passierte etwas, was man keinem Brautpaar wünscht: Das Dach der Kirche San Giuseppe dei Falegnami stürzte aus heiterem Himmel ein. Niemand wurde verletzt. Dennoch ist der Einsturz sinnbildlich dafür, wie es der Ewigen Stadt geht. Das Selbstbewusstsein der römischen Metropole hat einen Knacks. Und das der Römer auch.

Erst vor wenigen Tagen gab es eine von vielen Demonstrationen in der Hauptstadt Italiens. Die Straßen waren gesperrt. Die Carabinieri waren allgegenwärtig, sogar Militär protzte mit schweren Geschützen. Die Stimmung ist gereizt. Und die Römer sauer. "Warum die Demonstration?", fragte ich eine Römerin, als ich zum Kurzbesuch in der Ewigen Stadt war. "Die Römer demonstrieren gegen Rom", war ihre knappe Antwort. Weshalb? "Perché Roma fa schifo". Was so viel übersetzt heißt wie "Weil Rom stinkt".

Rom leidet.
Rom leidet.
© Getty Images

Und tatsächlich: Schaut man sich um, türmen sich die Müllberge in der einst schönsten Stadt Italiens. Bilder, die man aus Neapel kennt, ziehen weiter nach Norden. Als würde der Stiefel von unten her schimmeln. Die Parks, einst täglich sauber gehalten, scheinen heute unter Plastiktüten und zerbrochenen Flaschen, zu ersticken. Ein Römer erzählt davon, wie er noch vor zwei Jahren mit seinem Sohn täglich in den Park ging. Heute gehe das nicht mehr, es sei zu schmutzig. Und das alles unweit der Spanischen Treppe und dem Trevi-Brunnen, die täglich von Tausenden Besuchern aufgesucht werden.

Wurde Rom aufgegeben?

Woran es liegt? Es sei kein Geld da. Für die Müllabfuhr, für Reinigungspersonal für die Parks, nicht einmal für den Straßenbau. So die Erklärung der Politiker. Hauptstraßen, die durch die Stadt führen, sind marode. Schlaglöcher von solch einer Größe, dass man Angst davor haben muss, mit dem Smart darin stecken zu bleiben.

Müllberge vor schicken Läden? In Rom keine Seltenheit.
Müllberge vor schicken Läden? In Rom keine Seltenheit.
© Getty Images

Seit acht Jahren bin ich regelmäßig in Rom. Ich habe dort einst mehrere Monate fürs Studium verbracht. So schlimm wie jetzt war es nie zuvor. Natürlich lebt Rom vom Charme des Chaos, von hupenden Autos, rasanten Autofahrern und der Imperfektion der Bürokratie. Auch über die Politik haben die Römer immer geschimpft, es aber hingenommen und das Beste daraus gemacht. 

Jetzt aber? Die jungen Leute haben Rom längst den Rücken gekehrt. Die gut Ausgebildeten kellnern noch in Restaurants und Bars - alle mit dem Plan, im Ausland einen Job zu finden. Das Leben in Rom ist nicht mehr möglich. Die Römer sind sauer, es wirkt als hätte auch die Politik die Ewige Stadt aufgegeben. Naht das Ende? 

In Trastevere, früher ein normales Arbeiterviertel, sind die Wohnungen längst in Ferienappartements für die vielen Touristen umfunktioniert. Die, die es nicht sind, zerfallen, die hölzernen Fensterläden hängen nur noch an wenigen Schrauben, der Putz ist ab. Eine gute Pizzeria finden? Fehlanzeige. Die Trattorien, die noch da sind, und mit dem Herzen einer italienischen Nonna kochen, gibt es nur noch selten. Die einfachen römischen Arme-Leute-Gerichte wie Spaghetti Carbonara oder Bucatini all'amatriciana verwässern. Sie schmecken nicht mehr so gut wie früher. Der Kaffee kommt aus einem Vollautomat, obwohl die Siebträger mit den Handhebeln eine so schöne Crema auf dem Espresso machen. Die Gastronomen achten mittlerweile mehr aufs Geld als auf die Qualität. Ein Armutszeugnis für eine der besten Küchen der Welt.

Rom braucht sein Selbstbewusstsein zurück

Wer auf der Suche nach einem guten Pecorino romano, römischen Schafskäseist, muss heute lange suchen. Früher ging man in eine der unzähligen Delikatessen-Läden, die die Straßen säumten. Sie weichen Fast-Food-Läden, Ramschgeschäften, in denen man die immer gleichen Souvenirs kaufen kann oder anderen unnützen Einrichtungen. Wenn das schon als Tourist auffällt, wie muss es dann erst den Einheimischen gehen.

Rom ist immer noch eine wundervolle Stadt. Dann, wenn es dunkel wird, die Touristen in ihre Hotels verschwinden, das Licht der Straßenlaternen die engen Gässchen in dieses warme Gelb hüllen. Dann erkenne ich mein Rom wieder, so wie ich es vor acht Jahren kennengelernt habe, so möchte ich es in Erinnerung behalten.

Die Ewige Stadt hat so viele Jahrtausende gestanden, gelebt und vor Stolz geprotzt. Sie wird hoffentlich nicht am 21. Jahrhundert zerbrechen, die Wahrscheinlichkeit ist da. Und verlieren die Römer weiter an Selbstbewusstsein, wird auch ihre Stadt daran zerbrechen.

"Non si fa", das macht man nicht, würden die Römer dazu sagen.


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