Karneval in Venedig Der Mann hinter den Masken


Sie verdecken Klassenunterschiede, garantierten Freiheit und Vergnügen. Schon vor 700 Jahren waren Masken in Venedig beliebt. Mann und Frau konnten unbeschwerte Techtelmechtel beginnen, der verarmte Adlige unerkannt betteln. Ortstermin in der Werkstatt eines Maskenbauers.
Von Aliki Nassoufis

Besonders zum Karneval griff die Verkleidungslust um sich, Geschlechterrollen wurden aufgehoben, Klassenunterschiede beiseite geschoben. Mittlerweile haben Masken zwar nicht mehr diese gesellschaftliche Bedeutung, trotzdem sind sie in Venedig weiterhin teuer und begehrt. Noch immer stellen Maskenbauer jedes Jahr Tausende Exemplare per Hand her - für Touristen, Theaterschauspieler und natürlich die Venezianer.

Hamid Seddighi ist einer von ihnen. Versteckt in einer schmalen Gasse im Bezirk Castello, nur wenige Gehminuten vom Markusplatz, entfernt, produziert und verkauft der hagere 50-Jährige in seiner "Cà del Sol" seit 1986 Masken in allen Größen, Formen und Farben. In seinem Atelier stapeln sich auf engstem Raum unzählige Pinsel, Farbtöpfe, Stoffreste, Pailletten, Glitzersteine und Bücher mit historischen Vorlagen. Während kitschige Billigprodukte aus Asien massenweise den venezianischen Touristenmarkt überschwemmen, setzt Hamid auf handgefertigte Unikate. "Die Herstellung der Masken ist eine eigene Kunstform, immerhin kreiert man so etwas außergewöhnlich Schönes".

Der "Künstler Hamid", wie er sich selber nur nennt, bestreicht zu Beginn der Maskenarbeit festeres Papier mit Kleister und zerreißt den blaugrauen Bogen windschnell in unterschiedlich große Fetzen. Dann kramt er eine Maskenform aus Ton auf seinem Tisch hervor, in die er einen Papierfetzen nach dem anderen legt. Hamid geht dabei sehr sorgfältig vor, drückt das Papier vorsichtig in jede Gesichtsmulde und verklebt die einzelnen Fetzen gründlich miteinander. Diese langweilig grau anmutende Masse ist die entscheidende Grundlage für das bunte Endergebnis.

Bis dahin muss die Maskenform mit dem nassen Papier trocknen und fest werden, bevor Hamid sie leicht abschmirgelt, die Augenpartie mit einem feinen Messer heraustrennt und das Ganze mehrfach weiß grundiert. Nach insgesamt drei bis fünf Tagen kann der Künstler die Maske verzieren. Denn auch wenn er eigentlich nur rund 20 Vorlagen und Formen hat, so kommen durch unterschiedlichste Dekorationen die unendlich verschiedenen Masken heraus.

Der Pestarzt mit der Schnabelmaske

Die Auswahl war schon vor Hunderten von Jahren ähnlich groß und fantasievoll. Seit in einem Dokument von 1268 das erste Mal die Benutzung von Masken erwähnt wurde, verkleideten sich die Venezianer als Fischermänner, Bauernmädchen, exotische Herrscher, Götter, Dämonen oder als Pestarzt "Il Medico della Peste", der sich aus Angst vor Ansteckung in einen langen dunklen Umhang hüllte und sein Gesicht mit einer schwarzen, schnabelähnlichen Maske verdeckte.

Die Venezianer nutzten diese Verkleidungen aber nicht nur zur Karnevalszeit: Sie schätzten die dadurch gewonnene Anonymität sogar so sehr, dass in der Lagunenstadt monatelang maskierte Bewohner zu sehen waren. Besonders die Männer frönten gerne dem Glücksspiel oder schlichen sich als Frauen getarnt in Nonnenkloster ein. Den Mächtigen war das allerdings nicht geheuer. Zahlreiche Beschlüsse schränkten den Gebrauch der Masken immer mehr ein, so dass ein Tragen in Kirchen und Spielhallen verboten wurde. Doch all das konnte die Venezianer nicht wirklich von ihrer Maskenaffinität abbringen. Erst Napoleon beendete das verruchte Treiben ganz und versetzte den Karneval so für rund 200 Jahre in einen Dornröschenschlaf.

Maske mit Strass ab 650 Euro

Als der Karneval 1980 wiederentdeckt und neu belebt wurde, kam auch Hamid bald zur Kunst der Masken. Eigentlich war der gebürtige Iraner wegen seines Architekturstudiums nach Venedig gekommen, doch dann sattelte er vor mehr als 20 Jahren um und ging bei einem "maschereri" in die Lehre. "Das Tolle an diesem Beruf ist, dass man unglaublich kreativ sein kann", sagt der Maskenbauer mit den wirren Korkenzieherlocken und seinem farbbespritzten Kittel, der mit seinem Schnurrbart an das Aussehen von Salvador Dalí erinnert.

Hamids Atelier und das gegenüberliegende Geschäft zeugen von seinem Ideenreichtum. In den Auslagen, an den Wänden und sogar den Decken hängen massenhaft Masken: schmale, schlicht dunkelrote Exemplare, mit Federn geschmückte Accessoires, Tiergesichter, vergoldete Minibroschen, bunte Kindermasken im Katzenlook und elegante Unikate wie die Maske mit filigranen Metallstäben, die mit Strasssteinen verziert sind. Diese Kreativität hat ihren Preis: Während ein einfaches, unbemaltes Modell zwei Euro kostet, müssen Kunden für ein bunt verziertes Exemplar rund 70 Euro zahlen - oder für die exklusive Strass-Variante bis zu 650 Euro hinblättern.

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