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Evaluationsbericht Bilanz zu Corona-Maßnahmen: Masken laut Expertenrat hilfreiches Instrument – Wirksamkeit von Schulschließungen ungewiss

Eine Frau trägt in einem Mund-Nasenschutz beim Einkaufen.
Eine Frau trägt in einem Mund-Nasenschutz beim Einkaufen. Das Tragen einer Maske kann laut Evaluatioonsbericht eine wirksame Maßnahme sein, eine generelle Empfehlung wird aber nicht ausgesprochen.
© Frank May/ / Picture Alliance
Mit einem Tag Verzögerung hat die Expertenkommission ihren Evaluationsbericht vorgestellt. Die Bilanz: durchwachsen. Das sagen die Experten zu den Themen Lockdown, Masken und Schulschließungen.

Die Expertenkommission zur Bewertung der bisherigen Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland hat eine gemischte Bilanz gezogen. Die gegenwärtigen und zukünftigen Maßnahmen müssten sich auf den "Übergang zur Endemie" mit dem Schutz der "vulnerablen Gruppen" konzentrieren, geht aus dem Bericht des Sachverständigenausschusses hervor, der am Freitag in Berlin vorgelegt wurde. Es müsste also bei einem fortwährenden Auftreten von Corona vor allem Menschen geschützt werden, die am stärksten von Krankheit bedroht sind. Zudem müssten die Maßnahmen auf eine Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitswesens abzielen. Das Gutachten, das am Freitagmittag in Berlin vorgestellt wurde, soll als Grundlage für die Beratungen zur Neufassung des Infektionsschutzgesetzes dienen. Dieses läuft in seiner bisherigen Fassung am 23. September aus.

Die einzelnen Maßnahmen werden in dem Evaluationsbericht unterschiedlich bewertet. So stellen die Expertinnen und Experten zur Wirksamkeit von Lockdowns fest: "Wenn erst wenige Menschen infiziert sind, wirken Lockdown-Maßnahmen deutlich stärker." Je länger ein Lockdown dauere und je weniger Menschen bereit seien, die Maßnahme mitzutragen, desto geringer sei der Effekt. Ähnlich wie bei den Lockdown-Maßnahmen sei auch die Kontaktnachverfolgung vor allem in der Frühphase der Pandemie wirksam gewesen.

Experten geben keine generelle Empfehlung für das Tragen von Masken

Einen hohen Effekt messen die Expertinnen und Experten Zugangsbeschränkungen auf Geimpfte, Genesene und/oder Getestete bei, sogenannten 2G/3G-Maßnahmen – aber vor allem in den ersten Wochen nach der Boosterimpfung oder der Genesung. Der Schutz vor einer Infektion lasse mit der Zeit jedoch deutlich nach. In der aktuellen Phase der Pandemie sei die Beurteilung schwierig. Wenn Zugangsbeschränkungen nötig würden, sollte zunächst eine Testung unabhängig vom Impfstatus als Zugangsbedingung empfohlen werden, rät das Gremium. Wie gut eine Eindämmung über Testung funktionieren könne, müsse aber weiter erforscht werden.

Das Urteil zum Tragen von Masken fällt zunächst eindeutig aus: Dies könne "ein wirksames Instrument" sein. Aber: "Eine schlechtsitzende und nicht enganliegende Maske hat jedoch einen verminderten bis keinen Effekt." Da das Coronavirus drinnen eher übertragen werden könne als draußen, "sollte eine Maskenpflicht zukünftig auf Innenräume und Orte mit einem höheren Infektionsrisiko beschränkt bleiben", so das Gremium. "Eine generelle Empfehlung zum Tragen von FFP2-Masken ist aus den bisherigen Daten nicht ableitbar."

Weiterhin offen sei die genau Wirksamkeit von Schulschließungen auf die Eindämmung der Ausbreitung des Virus. Denn an den Schulen seien zeitgleich mehrere Maßnahmen eingeführt worden, so dass der Effekt einzelner Maßnahmen nicht gemessen werden könne. Das Gremium stellt zugleich fest, dass im Gegensatz dazu aber die "nicht-intendierten Wirkungen" durchaus untersucht worden seien. Das Gremium rät, eine weitere Expertenkommission sollte diese nicht beabsichtigten Folgen "unter besonderer Berücksichtigung des Kindeswohls" genau prüfen.

Evaluationsbericht nicht so vielversprechend wie erhofft

Der Evaluationsbericht wurde bereits mit Spannung erwartet. Gleichzeitig wurden die Erwartungen jedoch schon im Vorfeld gedämpft. So sagte etwa der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen in der Sendung "Frühstart" von RTL/ntv, es werde zwar eine gute Grundlage für die weiteren politischen Beratungen bieten können. "Ich glaube aber, dass es dort eher juristische Hinweise geben kann zur Gesetzes-Architektur des Infektionsschutzgesetzes."

Die Wissenschaftler hätten sich im Vorfeld schon skeptisch gezeigt, ob mit den Mitteln, die der Kommission zur Verfügung standen, eine abschließende Beurteilung möglich sei, sagte Dahmen weiter. Er rechnete deshalb "eher mit Hinweisen, wo noch weitere Forschung erforderlich ist, wenn es darum geht, die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen zu beurteilen".

Uneinigkeit im Gremium

Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung berichtet, es sei zu heftigem Streit in der 18-köpfigen Sachverständigenkommission gekommen. Der Epidemiologe Klaus Stöhr ist nach Angaben der Zeitung mit der Bewertung zahlreicher Einschränkungen wie Lockdowns, Schulschließungen und 2G-Regeln durch das Gremium nicht einverstanden. Stöhr wünsche sich eine kritischere Bewertung der Maßnahmen, konnte dies aber im Gremium nicht durchsetzen, hieß es demnach.

Stöhr kam als Nachrücker für den Virologen Christian Drosten in das Expertengremium, er übt seit langem deutliche Kritik an den Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern. Auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck gehört zu den Sachverständigen. Obwohl Streeck die Maßnahmen der Regierung oftmals kritisierte, unterstützt er dem Bericht zufolge im Gegensatz zu Stöhr das Papier. 

cl DPA

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