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Insel-Hopping: Griechischer Sommer auf den Kleinen Kykladen

Wer die Kleinen Kykladen südlich von Naxos besucht, reist zurück in eine Zeit weit vor dem Massentourismus. Und dann ist da noch dieses unwirklich türkisklare Wasser! Eine Fährfahrt von Insel zu Insel.

Von Raphael Geiger

Schwebt über dem kristallklaren Wasser: Boot vor der Küste von Koufonisia

Schwebt über dem kristallklaren Wasser: Boot vor der Küste von Koufonisia

Getty Images

Es gibt diesen Moment in der Kindheit von Dimitris Skopelitis, kein besonderer Moment, eher ein alltäglicher. Dennoch ist die Szene in seinem Gedächtnis geblieben. Skopelitis sitzt am Kai damals auf der Insel Amorgos, schaut aufs Meer und wartet auf das Schiff, das jeden Tag zur selben Uhrzeit kommt, er erwartet das Hupen, er steht bereit, als ihm ein Matrose die Leine zuwirft, er befestigt sie, er kann es nicht erwarten, aufs Schiff zu laufen, denn er weiß, wer auf der Brücke steht: sein Vater.

Seit 1956 fuhr die Fähre, die der Familie gehörte, jeden Tag zwischen den Kykladeninseln Amorgos und Naxos und hielt dabei an den noch kleineren Inseln dazwischen. Am Anfang fuhr das Schiff Dimitris' Großvater, später sein Vater. Heute steht Skopelitis um kurz vor 14 Uhr am Kai von Naxos, die Fähre, die seinen Familiennamen trägt, ist startklar. Er ist 31 Jahre alt, ist zur See gefahren auf Containerschiffen. Jetzt fast jeden Tag dasselbe Programm: von Amorgos nach Naxos und zurück, acht Stunden auf See.

"Ich wollte nie etwas anderes", sagt er. Anfangs geht es anderthalb Stunden die Küste von Naxos entlang, die Passagiere holen sich Bier aus dem Bordkiosk und setzen sich an Deck. Die "Express Skopelitis" ist ein kleines Schiff, man sitzt nicht hoch über dem Meer. Trotzdem ist es ein Schiff, das fast immer fährt. "Bis Windstärke 8", sagt Kapitän Skopelitis, oft auch dann noch, wenn andere Schiffe in den Häfen bleiben.

Das Wasser ist alles

Am Nachmittag erreicht die Fähre Iraklia, die größte der Kleinen Kykladen südlich von Naxos. Eine Insel mit rund 140 Einwohnern, ein paar Autos stehen am Kai und warten auf Touristen. Die "Express Skopelitis" legt an, und man möchte sofort ins Wasser springen. Es ist so klar, es sieht aus, als würden die Fischerboote schweben.

Auf den Kleinen Kykladen, hatte eine Freundin in Athen gesagt, beginnt das Schwimmen im Hafenbecken. Auf die Frage, was die Inseln ausmache, sagte Kapitän Skopelitis: "die Liebe". Das kitschig zu finden war leicht, es zu verstehen dauert aber nicht mal einen Tag.

Das Wasser. Es ist anders hier. Das Wasser ist alles. Jeden Morgen, den man auf einer dieser Inseln erlebt, geht der erste Gedanke ans Schwimmen. Man möchte vom Bett direkt ins Meer laufen, und wenn man es tut, beglückwünscht man sich selbst zu der Entscheidung. Man schwimmt hinaus in die Bucht, das Wasser umschließt einen, man schaut nach unten, wie viele Meter sind es? Man sieht den Meeresgrund, sieht alle Fische, man könnte Stunden in diesem Wasser verbringen.

Abendpanorama: Chora auf Naxos 

Abendpanorama: Chora auf Naxos 

Getty Images

Martin aus Albanien kam in den 90er Jahren als Flüchtling auf die nahe Insel Amorgos und übernahm später die kleine Pension auf Iraklia. Sie heißt jetzt "Martin's Rooms" und liegt in einer Bucht, unmittelbar am Strand, daneben nur zwei Tavernen und ein Hippie-Campingplatz. Martin holt uns am Hafen ab, zeigt uns das Zimmer, es kostet wenig genug, um sehr lange zu bleiben, dann verschwindet er. Er sagt nicht, wann die Check-out-Zeit ist, bittet nicht um unsere Pässe, auch nicht um eine Kreditkarte. Es ist 16 Uhr, man ist gerade mal eine halbe Stunde auf der Insel, und es ist alles getan, das Meer wartet.

Reisen auf den Kleinen Kykladen heißt, sich in einer kleinen Welt zu bewegen, man sieht die nächste Insel oft schon. Vom Strand auf Iraklia kann man die noch kleinere Nachbarinsel Schinoussa erkennen und Naxos. Mit der Fähre zu reisen ist ein bisschen, als bestiege man einen Bus. Am Abend vorher kauft man sich das Ticket in einem der Reisebüros am Hafen. Auf Iraklia muss es heißen: in dem einen Reisebüro. Dies hier ist nicht die Welt der Online- Check-ins, der Sparpreise, der Sicherheitskontrollen. Es ist eine analoge Welt.

Zeit der Unschuld

Freunde aus Athen, die vor 20 Jahren hier waren, werden ein paar Wochen später fragen: Gibt es das Reisebüro noch, das gleichzeitig ein Café ist? Gibt es den Campingplatz noch, auf dem wir damals gezeltet haben? Gibt es noch die Taverne neben dem Hafen mit dem Lamm aus dem Ofen?

Auf Iraklia kann man diese Fragen alle bejahen. Es gibt noch den Fischer, der vormittags vom Meer zurückkehrt, mit dem Auto die Tavernen abfährt und ihnen den Fang vorbeibringt. Ab September fährt auf der Insel kein Bus mehr. Es gibt nur ein paar Tavernen mehr als vor 20 Jahren, man kann sich jetzt aussuchen, ob man auf einer Dachterrasse einen Cocktail trinken oder mit einem Bier vom Kiosk nachts am Sandstrand liegen möchte, um den Sternenhimmel zu beobachten.

Viel mehr hat sich nicht verändert. Es ist die Zeit stehen geblieben, wie die Deutschen sagen, die "Zeit der Unschuld", wie die Griechen zu der Zeit vor dem Massentourismus sagen. Als Griechenland noch ein Land für Aussteiger war. Ein paar Tage später, gefühlt viel zu früh, holt uns die "Express Skopelitis" ab. Der Kapitän steht an Deck, später kommt uns ein Fischerboot entgegen, beim Blick aufs Wasser erschrickt man ein bisschen, man kann bis zum Meeresboden sehen.

Die Magie von Iraklia liegt im Einfachen

Dimitris Skopelitis fährt im Sommer Touristen und Einheimische, im Winter nur die Einheimischen. Seine Fähre ist ihre Verbindung zur Außenwelt. Mit der "Express Skopelitis" fahren sie zum Einkaufen nach Naxos, sie ist für die Menschen auf den Inseln so etwas wie ein Postschiff. Wenn man nach drinnen geht, zum Kiosk, und sich in dem holzvertäfelten Raum die Fotos aus den 60er Jahren ansieht, dann versteht man, was die "Skopelitis" noch ist: eine Erinnerung. Schwimmende Nostalgie.

Die Nachbarinsel von Iraklia: Schinoussa

Die Nachbarinsel von Iraklia: Schinoussa

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Das Schiff braucht etwas mehr als eine Stunde von Iraklia nach Koufonisi. Die Magie von Iraklia liegt im Einfachen. Die Magie von Koufonisi hat etwas Edles. Manche sagen, Koufonisi sei auf dem Weg, ein kleines Mykonos zu werden. Die Jachten, die im Hafen liegen, werden länger, die Boutiquen teurer, neue Beachclubs und Designhotels entstehen auf der Insel. Koufonisi inszeniert die Schönheit. Auch sie ist so klein, dass man sie zu Fuß umrunden kann, aber schick genug, dass hier Köche mit Fantasie arbeiten und Hoteliers, denen es nicht nur um Klarheit, sondern auch um Luxus geht. Die "Pambelos Lodge" ist so, eröffnet von der Athenerin Vasiliki und ihrem Mann. Eigentlich ist sie Apothekerin, das Boutique- Hotel führt sie nebenbei, und das sagt auch schon etwas aus über die Lässigkeit dieser Insel.

Koufonisi ist wie ein Iraklia für den Jetset

Die Tage bestehen daraus, von Strand zu Strand zu gehen, die ganze Küste besteht aus kleinen Buchten. Die Wahrheit ist: Auf Iraklia ist das Wasser unwirklich schön, hier ist es atemberaubend. Wenn man auf Koufonisi badet, glaubt man, das Mittelmeer wäre eine Badewanne.

Hippies sitzen im Sand und verkaufen Schmuck. Manchmal, wenn keine Kunden kommen, lassen sie ihn einfach liegen und springen selbst in Wasser. Später kaufen sich alle ein mexikanisches Bier mit Limette und dann vielleicht noch eins. Abends geht man Hummer-Spaghetti essen oder kreative Vorspeisen in einer Ouzeri. Man sitzt an der Windmühle mit einem Drink und schaut sich die Jachten an und die Reichen, die oft dazu schön sind.

Das Glück wirkt nach

Man sieht Amorgos am Horizont, wo Kapitän Skopelitis seinen Tag beendet, seine Heimatinsel, wo das Schiff über Nacht bleibt. Gegenüber am Hafen liegt dort das Café, in dem Dimitris' Großvater damals saß, in der Zeit der Unschuld, und sich den Sonnenuntergang anschaute. Der Großvater besaß nicht nur eine Fähre, sondern auch ein Fischerboot, und manchmal durfte Dimitris mit hinaus aufs Meer zum Fischen. "Er war ein Vorbild", sagt er.

Fragt man Kapitän Skopelitis heute nach einem Geheimtipp auf den Inseln, einem Ort, den er besonders mag, antwortet er mit einem Satz: "Es gibt viele."

Ein Sommer auf den Kleinen Kykladen ist einer, der noch lange nach der Heimkehr glücklich macht, man spricht in so einem Fall wahrscheinlich von einem Sehnsuchtsort. Wenn es November wird in Deutschland und neblig und man am Handy durch Bilder von dem leuchtenden Meer vor Iraklia und Koufonisi scrollt.

Wenn man gar nicht auf der Insel sein muss, um glücklich zu sein, sondern das Gefühl so konserviert ist wie der Moment aus der Kindheit des Kapitäns. Und man weiß, dass noch genug Zeit ist, zurückzukommen, immer wieder.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(