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Kopenhagen: Cool statt kühl

Die Hauptstadt unserer Nachbarn im Norden erschien stets etwas brav. Das ist vorbei. Skandinavisches Design erlebt eine Renaissance und hat Kopenhagen zum trendigen Shopping-Ziel gemacht.

Supergeil, dieser Laden an der Nørrebrogade im wilden, afroasiatischen Teil von Kopenhagen. "Supergeil", Szenetreff mit superdeutschem Namen und retrospektiver Wandbespannung, quietschorange wie die wilden sechziger Jahre, als der Däne Verner Panton die Kantine im Hamburger "Spiegel"-Verlagshaus farblich zu einem Puff verfremdete und Dietmar Schönherr und Vivi Bach sangen: "Das Leben meint es gut mit denen, denen Dänen nahe stehen." Und mit denen, die mit dänischen Brio-Eisenbahnen aufgewachsen sind, die Hot Dogs probiert haben mit Würsten, rot wie die Sünde, die nach Dänemark reisten, um hinter der Grenze zu heiraten oder weil Kopenhagen die netteste aller Städte ist. Inzwischen haben dänische Architekten die Oper in Sydney gebaut und das Außenministerium in Riad. Dänisches Design geht in Europas Küchen zur Sache, Dogma-Filme mischen das Kino auf, und Bang & Olufsen hat das Unfassbare geschafft und die Banane so weit optimiert, dass man mit ihr telefonieren kann. Aber supergeil waren eben nur die Sechziger.Nun werden sie, wegen des großen Erfolges, wiederholt: ihre Farben, ihre Kugelleuchten und ihre Tütenlampen, ihre Lidstriche und ihre Nierentische, ihre Songs, ihre Petticoats und ihr Tick für Teak.

Die wundersame Renaissance

skandinavischen Designs verwandelt das brave Kopenhagen über Nacht in ein Trendziel unter Europas Metropolen. In der Fußgängerzone trifft sich die Welt zum Royalshopping im Retrofieber, bewundern Touristen die Kreationen des Architekten Arne Jacobsen, der Silberschmiede Georg Jensen und der Porzellanmanufaktur Royal Copenhagen. Irritiert hantieren Besucher aus Euroland mit der dänischen Krone, silbernen Lochmünzen und fremd wirkenden Scheinen, fühlen sich aber bald wie zu Hause, denn auch hier ist alles viel zu teuer. Das meiste kann man ebenso anderswo kaufen, denn auch in Kopenhagen gastiert die Internationale der Fußgängerzonenmodehäuser, gibt es leicht gedänte Fummel von Armani, Strenesse und Escada. Doch die Schaufenster mancher Boutiquen zeigen mehr Kreativität als die in Hamburg und Berlin zusammen. Junge Schmuckdesigner und Modeschöpfer machen den Einkaufsbummel zu einer Abenteuerreise in spielerisches Neuland. Im Danish Design Center am Tivoli und im Kunstindustrimuseet hinterm Schloss Amalienborg zeigt die Stadt Alltagskunst und Gebrauchsgegenstände, die Kult wurden.

Schräg ragt der "sorte Diamant" aus dem Stadtbild, der schwarze Diamant, ein radikaler Anbau der Königlichen Bibliothek als Glashaus mit Café am Wasser. Hier eröffnet noch dieses Jahr das erste dänisch-jüdische Museum, gestaltet von Daniel Libeskind, Architekt des Jüdischen Museums in Berlin und des neuen World Trade Center in New York. Starkollege Henning Larsen wird 2005 ein neues Opernhaus direkt ins Blickfeld des königlichen Schlosses pflanzen. Tief unter allem schwebt Europas coolste Geisterbahn, ein feiner Zug, die Metro vom Jahrgang 2002. Führerlos hält sie an total verglasten Bahnsteigen. Niemand kann mehr auf die Gleise fallen, und vorn im Zug genießen glückliche Kinder das Lokführerfeeling im Underground. 2007 soll die Metro ganz fertig sein. Sie macht schon heute einen sehr viel intelligenteren Eindruck als ein Transrapid.

Das gilt auch für den Verkehr zu ebener Erde. Er hat etwas merkwürdig Entspanntes, gelassen dahin Rollendes, was auch daran liegen mag, dass sich keiner zu parken traut. Wer sein Auto am Straßenrand abstellen will, zahlt satte 20 Kronen pro Stunde im roten Bereich, und das ist die Stadtmitte. Knapp drei Euro, so etwas will überlegt sein. Der Stadtbummel per Fahrrad wird dagegen gefördert. 1200 Gratisvelos stehen bereit. Ein Drittel des Berufsverkehrs ist Strampelei, Radwege sind 2,20 Meter breit und durch ein Mäuerchen gegen motorisierte Übergriffe geschützt. Das Netz durchzieht die Stadt, 50 neue Kilometer sind in Arbeit. Deshalb ein Tipp für den Sommer: Über den Fernwanderweg Berlin-Kopenhagen sind es nur 630 Kilometer bis zur dänischen Hauptstadt, leicht zu schaffen in 15 Tagesetappen mit viel Natur, Seereise inklusive.

Kulinarisch ist Dänemark

kein Traumziel, aber es hat sich in den vergangenen Jahren nach oben gearbeitet. Ganz oben, 20 Stockwerke hoch über dem Lichtermeer des Tivoli, tafeln Gäste im feinen Restaurant "Alberto K.", mit Arne-Jacobsen-Besteck, das an Ausbruchswerkzeuge im geschlossenen Vollzug erinnert, aber ebenfalls Kult ist. Die kulinarische Top-Adresse im Radisson SAS Royal ist der Petersdom skandinavischer Formgestaltung. Jacobsen hat die Mutter aller Designhotels 1961 praktisch um einen Hoteldirektor, ebenjenen Alberto K(appenberger), herumgebaut. Zimmer 606 ist noch immer so, wie es der Meister schuf, in kühlen Blautönen, mit Jacobsen-Sesseln, -Betten und -Lampen. Die letzten Salzstreuer der Originalausstattung, die noch nicht geklaut wurden, sind hinter Glas verschlossen. Die anderen 257 Zimmer und drei Suiten hat Yasmin Mahmoudieh, internationale Top-Designerin aus Hamburg, in warme Töne getaucht, schlicht genial. Wer innovatives und trotzdem bodenständiges Design mag, liegt auch im "Admiral" nicht verkehrt, einem ehemaligen Hafenspeicher, dessen Inneres von mächtigen Balken getragen wird. Das benachbarte "71 Nyhavn", ebenfalls in einem Speicher, hat vielleicht noch mehr Charme. Jedes Zimmer ist anders eingerichtet. Nyhavn (der neue Hafen), neben dem Tivo li das zweite große Sommerziel aller Stadtbummler, bietet Hafenromantik mit Museumsschiffen, Kneipen und Tischen im Freien, ein illuminiertes Feuchtgebiet, Kopenhagens Antwort auf die Biergärten des außerdänischen Europa.

Fast schon global

wirkt dagegen ein neuer Typ von multipler Restaurantpersönlichkeit, die zahlreichen Szenetreffs der Stadt: Hybrid-Restaurants wie das angesagte und nordisch kühl gestaltete "Konrad", das vormittags als Café eher lässig in den Tag startet, sich mittags in ein Restaurant für Power-Lunch und Smørrebrød verwandelt, gegen Abend den fließenden Übergang vom Restaurant zur Bar schafft, als Lounge die Nacht begrüßt und als Disco bis in die frühen Morgenstunden in Bewegung bleibt, immer mit angemessener Musik. Wer das "Konrad" noch für luftig hält, kann sich im "Ketchup" schräg gegenüber drängeln; ab Mitte April ist "Ketchup" dann auch einer der Hits im Tivoli. Immer voll und so dänisch wie ein Chardonnay ist das "Café Victor", denn es ist einer französischen Brasserie nachempfunden. Man steht geduldig im Gewühl, bis ein Tisch zugewiesen wird. Und wenn man nicht Foie gras bestellt, die es in jedem dieser Restaurants auf der Karte gibt, dann vielleicht einen Chefsalat, mit Blättern groß wie Fußlappen. Doch zur Krönung eines Kopenhagen-Besuchs wird das Verlassen der Stadt, die Fahrt 38 Kilometer nordwärts nach Humlebaek. Dort liegt Louisiana, ein Museum für die Kunst des 20. und die paar Jahre des 21. Jahrhunderts, ein Skulpturenpark am Meer mit wechselnden Ausstellungen internationaler Künstler. Modern und zugleich Dänemark pur: charmant, heiter, kinderfreundlich und weltoffen. Ein königliches Vergnügen.

Von Emanuel Eckart und Jörn Vanhöfen (Fotos)

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