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Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer: Klasse für die Masse

Die "MSC Fantasia" ist ein Urlaubsschiff der Superlative. Doch Größe allein zählt nicht. Mit dem Flaggschiff kreuzt ein neues Konzept quer durchs Mittelmeer: Die Zwei-Klassen-Mentalität wird wieder eingeführt.

Von Helge Bendl

Natürlich kommt es auf die inneren Werte an, doch auch Äußerlichkeiten zählen, wenn sie erst einmal verunsichern. Die "MSC Fantasia" ist nämlich ein verdammt großer, weißer Schwan, ein 17 Etagen großes Ungetüm: 333 Meter lang, 38 Meter breit, fast 60 Meter hoch. 3959 Passagiere verbrauchen in einer Woche 46.000 Eier, zehn Tonnen Mehl, zehn Tonnen Fleisch - und am Ende auch 8700 Rollen Klopapier. 1325 sorgen Crewmitglieder dafür, dass sich alle wohl fühlen. Sieben Kilometer Gänge, 15 Fahrstühle, 18 Bars: Nun könnte man noch Dutzende weiterer Zahlen anführen, sich am höher, schneller, weiter berauschen - denn schließlich ist die "MSC Fantasia" das größte Schiff, das im Mittelmeer unterwegs ist. Doch die eigentliche Frage lautet doch: Kann man sich auf einem solch riesigen Dampfer wirklich wohlfühlen? Man kann - wenn das Konzept stimmt.

Die Schiffe von MSC-Kreuzfahrten durchpflügen zwar inzwischen alle Meere der Welt, und auf der "MSC Fantasia" ist Personal aus 43 Nationen im Einsatz. Die Passagiere an Bord kommen - anders als zum Beispiel bei deutschen Reedereien, die bisweilen ein anderes Konzept verfolgen - ebenfalls aus aller Herren Länder, und so hat man an Bord eher eine quicklebendige Uno-Vollversammlung als das Problem, dass eine Gruppe die andere dominiert. Die italienische Herkunft will MSC indes nicht verleugnen, im Gegenteil: Auf der "MSC Fantasia", dem Flaggschiff der Flotte, schimmert mehr als nur ein Hauch von Italien durch - beim Essen und bei der Weinauswahl, bei der Dekoration und bei den Verdi-Arien im Theater, aber auch beim Service im Restaurant, der sich wohltuend von der Abfertigungsmentalität mancher Mitbewerber unterscheidet.

Enge Familienband gegen die Konkurrenz

"Wir haben den Anspruch, den Gästen ein Erlebnis wie im Fünf-Sterne-Hotel zu bieten. Selbst wenn wir mit fast 4000 Passagieren voll belegt sind", sagt Giuseppe Pane, der Hotelmanager der "MSC Fantasia". Der 42-Jährige fuhr früher für die Mutterfirma Mediterranean Shipping Company (MSC) Container über die sieben Weltmeere und ist seit 20 Jahren dabei - keine Seltenheit bei dem Unternehmen, das immer noch in Familienbesitz ist und von Gianluigi Aponte, der das Kapitänspatent hat, gesteuert wird. Aponte hat beste Beziehungen in Italiens Politik und Wirtschaft. In einer Geste von feurigem Patriotismus hatte MSC-Patron Aponte sein Schmuckstück im Frühjahr für den G-8-Gipfel zur Verfügung gestellt - als Herberge für die Staats- und Regierungschefs, unentgeltlich versteht sich. Dafür ließ er die bereits gebuchten Urlaubsreisenden umbuchen. Aber wegen des Erdbebens von L'Aquila verlegte Berlusconi das Treffen dann kurzerhand in eine Kaserne im Erdbebengebiet.

Die Gewinne des Frachtgeschäfts - MSC wuchs innerhalb von 40 Jahren zur zweitgrößten Container-Reederei der Welt - ermöglichten dem Unternehmer den Ausflug ins Kreuzfahrtgeschäft. Inzwischen betreibt MSC Kreuzfahrten nach eigenen Angaben die modernste Flotte der Welt - neben der im Dezember getauften "Fantasia" und dem im Juli in Betrieb genommenen Schwesterschiff "Splendida" kommen in den nächsten Jahren noch drei weitere kleinere Dampfer hinzu.

Dabei konkurrieren MSC-Kreuzfahrten mit den ebenfalls expandierenden Marktführern Royal Caribbean und Carnival - letzteres Unternehmen betreibt neben der Aida-Flotte auch die Schiffe von Costa Cruises. Auch jene Marke war früher wie MSC ausschließlich im Frachtgeschäft tätig, ist heute aber Italiens größte Touristik-Firma und Europas Nummer Eins im Kreuzfahrtgeschäft.

Kreuzen in der ersten Klasse

MSC hat also einen Konkurrenten vor der Haustüre, der sich im Markt ähnlich positioniert und die gleichen Routen fährt - und das sogar unter italienischer Flagge. Die "MSC Fantasia" ist, ein kleiner Schönheitsfehler fürs Marketing, aber für Kreuzfahrtschiffe durchaus üblich im Hafen von Panama City zu Hause. Mit der neuen Fantasia soll der Mitbewerber auf Distanz gehalten werden. Rafaela Aponte, die Frau des Firmengründers, hat sich angeblich persönlich um die Auswahl der Stoffe und die Ausstattung der Suiten des "MSC Yacht Clubs" gekümmert. Die 99 Suiten des First-Class-Bereiches sind das Herzstück des neuen Kreuzfahrtkonzeptes von MSC: 60 Butler kümmern sich in dem separaten Bereich um die Gäste.

Nur die Landausflüge sind alles andere als glamourös. Wer sich nicht davor scheut, beispielsweise in Tunis mit der Taxifahrer-Mafia zu handeln, kann die Besichtigungen selbst organisieren. Oder gleich an Bord bleiben, um das Schiff mit seinem Aquapark und dem Sportzentrum mit Tennis- und Basketballplatz (fast) für sich zu haben.

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