Leiden Besuch im Bilderbuch


In der Region Rijnland sieht Holland immer noch aus wie gemalt. Ob es daran liegt, dass Rembrandt aus ihrem Herzen, der Stadt Leiden, stammt?

Rembrandts Geburtshaus stand da", sagt Bart in't Veld und zeigt auf ... nichts. Ein leerer Platz, ein paar verrostete Fahrräder und leere Getränkedosen am Weddesteeg. Der touristische Sprecher der Region Rijnland führt durch den alten Hafen von Leiden und meckert: "Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts haben die Stadtverwalter in all ihrer Weisheit das Gebäude abreißen lassen."

Zurzeit erinnert nur ein schlichter Gedenkstein an den Maler, doch bald soll diese Stelle wieder mehr hermachen. Noch in diesem Frühjahr wird eine Skulptur Rembrandt an seiner Staffelei zeigen - mit einem verkleinerten Nachbau der Mühle "de Put" in seinem Rücken. Das Original gehörte einst seinem Großvater. Rembrandt wurde am 15. Juli 1606 in Leiden geboren.

Nur Frau Antje aus der Käsewerbung fehlt

Hier, in der Polderlandschaft zwischen Haarlem und Den Haag, sieht Holland aus wie im Bilderbuch. Die Bauern laufen in Holzpantinen herum, auf dem Fahrrad strampelt ein Knecht gegen den Wind, Tulpen blühen in den Gärten, und in der Ferne dreht sich eine Windmühle. Fehlt nur noch, dass Frau Antje, die aus der Käsewerbung, vorbeikommt.

Die Innenstadt ist von Bausünden verschont geblieben; gut erhaltene Patrizierhäuser säumen die vielen Grachten - auf den ersten Blick scheint Leiden derselbe Ort zu sein wie im 17. Jahrhundert: dem Goldenen Zeitalter, so genannt, weil damals die niederländische Malerei ihre Blütezeit erlebte. "Leiden hat sich immer viel zu wenig um Rembrandts Erbe gekümmert", klagt auch Ruud Paauw, der pensionierte Chefredakteur der Zeitung "Leidsch Dagblad". "Die Stadtväter haben keinem anderen Bürger so recht den Glanz gegönnt."

Auf dem Speiseplan: Hering, Weißbrot und Möhreneintopf

Gelegentlich kommen Gäste, die Glanz mitbringen. Königin Beatrix hat, wie auch ihr ältester Sohn Willem Alexander, in Leiden studiert. Beide wohnten an der Rapenburg, für viele die schönste Gracht in Europa. Ganz in der Nähe machten einst die Pilgrim Fathers Station. In England wurden sie wegen ihres evangelisch-reformierten Glaubens verfolgt. So fanden sie von 1609 bis 1620 in Leiden Zuflucht, bevor sie mit der "Mayflower" nach Amerika aufbrachen. Im Haus Beschuitsteeg Nr. 9 ist das Pilgrim Documentatie Centrum untergebracht. Die Töpfe, die Bettnische, die Fliesen an der Wand: Alles sieht noch so aus wie zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als hier eine der Familien lebte.

Der Amerikaner Jeremy Bangs, Direktor des Centrums, serviert Tee und erinnert an die Bräuche, die die Pilgrims in Leiden kennen lernten und mit nach Amerika nahmen, zum Beispiel den Thanksgiving Day. Jedes Jahr am 3. Oktober danken die Leidener Gott, dass er sie an diesem Tag im Jahr 1574 von der Belagerung der Spanier befreite. Traditionell stehen dann Hering, Weißbrot und Möhreneintopf auf dem Speiseplan - die Mahlzeit, mit der sich die ausgehungerten Bürger auch damals stärkten.

So sehr die Leidener den Tag ihrer Befreiung ehren, so sehr haben sie das Andenken an eine Blume lange vernachlässigt. 1593 brachte der Botaniker Carolus Crusius die erste Tulpe in die Stadt, und die gefiel den Leidenern sehr. Schnell stiegen die Preise, eine Pflanze kostete so viel wie ein Haus an einer Gracht. Doch die Hysterie war bald vorbei; die Züchter konnten sich an die Vermarktung der Blume machen - mit bekanntem Erfolg. Nun wollen der ehemalige Journalist Herman van Amsterdam und der Maler Leo van den Ende ihr wenigstens ein Denkmal setzen: mit dem Panorama Tulipland, einem gigantischen Bild dieser Tulpenregion, 63 Meter breit und vier Meter hoch. Am 22. März 1997 begann Van den Ende damit, die erste von unzähligen Tulpen zu malen. 2010 soll das Opus Magnum fertig sein. Jedes Jahr widmet er sich zwei Monate lang dieser Arbeit. Jeweils fünf Meter will er bei jeder Etappe schaffen. "Das ist mein Lebenswerk", sagt Van den Ende.

Nachts kommen die Geister

In Katwijk, nur ein paar Kilometer weiter westlich, ist das Wasser in heftiger Bewegung. Unermüdlich rollt die Nordsee auf den Badeort zu. Touristen spazieren auf dem Boulevard und wandern über den breiten Strand. Die 545 Jahre alte Andreaskirche liegt außerhalb der Ortsmitte, Gottes Wort aber steht hier dennoch im Zentrum. Sonntags bleiben, anders als in vielen Seebädern, nicht nur die Läden, sondern auch die meisten Gasthäuser geschlossen. Ungewohnt für Touristen.

Neben dem Hotel Savoy erinnert ein neues Denkmal an die 275 Seeleute, die seit dem Jahr 1900 verschollen sind. Jan van Welie, der in einer Fischfirma arbeitet, hat den Bau der Gedenkstätte durchgesetzt. "Früher hoffte ich immer, mein Vater sei zurückgekommen, wenn ich nachts Geräusche hörte", sagt er. "Mittlerweile weiß ich, dass ihn das Meer geschluckt hat." Doch nicht alle Katwijker sind der Ansicht, die auf dem Meer Gebliebenen hätten ihre Ruhe gefunden. Nachts, glauben einige Bewohner, spukten die Geister der Verstorbenen durch die Straßen.

Albert Eikenaar print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker