HOME

London: Nun wird's aber persönlich

An teuren Hotels gibt es keinen Mangel, schon gar nicht in London. Alastair Sawday schafft mit seinem Führer Abhilfe. Herbergen, die er empfiehlt, müssen nicht nur günstig, sondern auch herzig sein.

Die alte, blaue Emaille-Badewanne auf vier Füßen - in die verliebt man sich sofort. Sie steht auf einem Sockel neben dem Fenster in einem der großen Doppelzimmer im Hotel von Annemarie van der Meer. Und ist nur eine der vielen skurrilen Antiquitäten, die Annemarie von überall aus Europa in ihr Haus nach Nordlondon verfrachtet hat. Sie hat Steckdosen im Garten für die vielen alten Toaster, die sie ihren Gästen beim Frühstück an die Tische bringt, Wärmflaschen in jedem Zimmer, Betten und Waschbecken in Schränken und einen Konzertflügel, der gern bis elf Uhr nachts benutzt werden darf.

Das Hampstead Village Guesthouse strahlt die Wärme seiner Besitzerin aus, mit blühenden Clematis am Eingang und einer Katze, die sich gern streicheln lässt. Annemarie konnte das Haus nach ihrer Scheidung vor mehr als 20 Jahren nicht mehr halten. Sie verwandelte es in ein Gast-Haus. Ihr Wohnzimmer wurde zum Büro, das Esszimmer zum Frühstücksraum, und die Söhne konnten sich aussuchen, welche Gästezimmer nach ihnen benannt werden sollten. Inzwischen ist das Village Guesthouse eine Institution im Bezirk Hampstead. Annemarie beherbergt Schauspieler, wenn ein ausländisches Theaterprojekt auf Tour in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Dafür dürfen ihre Gäste kostenlos in die Aufführungen kommen. Sie organisiert Violinkonzerte und sorgt dafür, dass bei Hochzeiten in der Nachbarschaft alle Gäste angemessen unterkommen. Ihre Nachbarn lieben sie dafür.

Geheimtipp für Insider

Hotels wie das von Annemarie werden selbst unter eingesessenen Londonern als Geheimtipp herumgereicht - denn nicht selten bieten gesichtslose Hotels für mehr als 150 Euro dreckige Räume mit Fenstern, die nicht schließen, und Duschen, in denen nicht einer der sieben Zwerge aufrecht hätte stehen können.

Doch es gibt sie, die netten kleinen Londoner Hotels und Bed-and-Breakfasts. Die Suche nach ihnen hat den Briten Alastair Sawday abgenommen und seine Hotel-Führer-Reihe "Besondere Häuser zum Verweilen" genannt. Sawdays Buchverlag hat seinen Sitz in Bristol, in einem umgebauten Bauernhaus mit großen, hölzernen Dachträgern. Sawday kommt gerade von einer Deutschlandreise wieder. Er hat in Frankfurt bei einer Familie gewohnt, die Kinder sind ihm schon frühmorgens um die Füße gelaufen, die Eltern waren hektisch, aber sehr freundlich: "Und ich habe mich einfach sehr wohlgefühlt, mittendrin."

Das ist seine Idee von einem guten Platz zum Verweilen: ein Ort, der dem Reisenden das Gefühl gibt, am Leben im neuen Land teilzunehmen. "In meinen Hotelempfehlungen schaue ich nach einer Mischung aus menschlicher Wärme, Flair - und einem Hauch Schönheit."

Tokio? Nein, London!

Das Haus von Sue und Rodger Davis in Camden, Nordlondon, hat es so in Sawdays Hotelführer geschafft. Rodger hat die Holz- und Glasstrukturen selbst geplant und als Projektmanager die Bauarbeiten überwacht. Es erinnert eher an Tokio, die Architektur ist sehr ungewöhnlich für London. Gäste gehen mitten durch das Wohnzimmer der Familie Davis in die obere Etage, gefrühstückt wird in der gemeinsamen Küche, und Sue ist immer gern bereit, von den besten Ausstellungen zu erzählen, die die Gäste noch nicht kennen: "Niemand sollte in London in Madame Tussauds gehen - es gibt hier so viel großartige Kunst."

Eine solch enges Verhältnis zwischen Gast und Gastgeber ist der Traum von Alastair Sawday. Er selbst hat jahrelang als Entwicklungshelfer in einem Projekt in Papua- Neuguinea gearbeitet - und dort regelmäßig in Missionsstationen und kleinen Dorfhotels geschlafen: "Dort habe ich mehr gelernt als in allen Fünf-Sterne-Hotels zusammen."

Für seine Bücher lässt er mehr als dreißig Mitarbeiter ausschwärmen, die alle Bewerber genau unter die Lupe nehmen. Für das London-Buch ist Mitarbeiter Tom Bell mit dem Fahrrad quer durch die Stadt gefahren, bei Wind und Wetter: "Wer völlig durchnässt auf der Schwelle eines Hotels ankommt, kann gleich einmal dessen Gastfreundlichkeit bewerten." Die zählt im Zweifel mehr als der übliche Hotelschnickschnack, sagt Sawday: "Ich hasse die Wörter exklusiv, hip, schick oder luxuriös - das sind doch alles nur Umschreibungen für Orte, die Leute zu etwas machen, was sie nicht sind."

Nicht jedes Hotel trifft den Geschmack der Leute

Sawday gibt zu, dass nicht alle Reisenden seine Ansichten teilen: "Bei manchen Hotels, die wir empfehlen, muss man schon etwas seltsam sein, um sich dort wohlzufühlen." Im Hotel Portobello Gold zum Beispiel sind die Zimmer teilweise so klein und die Teppiche so abgetreten, dass ein Gast, der sich hier wohlfühlen will, bei Anmietung schon sicher sein sollte, dass er sich mehr in dem netten Wintergarten des hoteleigenen Pubs aufhalten will als in seinem eigenen Zimmer. Dafür kann, wer sich tatsächlich auf die Stammgäste einlässt, mehr über den Markt der Portobello Road erfahren als jeder andere Tourist. Beim alljährlichen Notting-Hill-Karneval amüsiert sich die ganze Belegschaft auf der hauseigenen Dachterrasse - mit Gästen, wenn die schwindelfrei sind.

"Die Inhaber unserer Hotels sind meist viel großherziger als die der Hotelketten. Da gibt es zwar kostenlose Seifen, aber unsere Hotels bieten den Service, der wirklich zählt", sagt Sawday. "Die Gäste sind keine wandelnden Geldbörsen für unsere Leute." Für ihn wurde schon Tee gebraut und der eigene Hausarzt gerufen, weil er im Urlaub krank wurde. Leser berichten ihm von Gastgebern, die Theatertickets zu ausverkauften Vorstellungen besorgen, sogar Privatautos sollen an Gäste ausgeliehen worden sein.

Persönliches Flair ist gefragt

Die riesige Frühstückstafel im Hotel 22 York Street im Londoner Stadtteil Marylebone dient als Kontaktbörse. Es hat schon Salsa-Stunden am Morgen neben den Croissants, dem Müsli und dem Kaffee gegeben. Inhaber Michael Callis ist kein gelernter Hotelier. Seine Familie musste sich vor einigen Jahren entscheiden, ob sie die beiden fünfstöckigen Häuser selbst beziehen oder wieder vermieten sollte. Callis entschied sich für den Einzug und für den Umbau als Hotel mit persönlichem Flair. Und das auch, weil er bei seiner Arbeit als Insolvenzberater oft Hotels übernehmen musste: "Viele hatten eigentlich nur ein Problem - sie hatten keine besondere Bindung zu ihren Gästen aufgebaut. Ich wusste, das konnte ich besser." In die York-Street kommen vor allem amerikanische Geschäftsleute immer wieder. "Die kennen so viele Hotels. Bei uns wissen sie, dass sie sich einfach wohlfühlen können", sagt Callis.

Sawdays Buch über Hotels in London ist gerade einmal halb so dick wie sein Führer zu Bed-and-Breakfasts mit besonders schönen Gärten. "Mit London tun wir uns schon ein bisschen schwer", gibt er zu. Gerade in der Innenstadt gibt es zu viele immer gleiche Hotelketten - oder kleine Hotels, die das schnelle Geld über die Gastfreundlichkeit stellen. "Wir mussten leider mehrere Hotels aus unserer ersten Ausgabe wieder fallen lassen. Sie waren zu unpersönlich, einfach zu schlecht." Sawday besucht auch nach dem zwanzigsten Buch in seiner Reihe weiter seine eigenen Empfehlungen - und ist gnadenlos, wenn sich dort die Fehler mehren.

Der Verlag hat einen sehr regen Austausch mit seinen Lesern. Sie machen Sawday auf neue Empfehlungen aufmerksam, geben aber auch Informationen über Probleme in "seinen" Hotels weiter: "Wenn mehr als drei Beschwerden kommen, besuchen wir das Hotel erneut. Und wenn der Besitzer sich nicht erklären kann, wird er aus der nächsten Ausgabe entfernt." Die Sawday-Leserschaft hat so für eine merkliche Verbesserung der Bed-and-Breakfast-Landschaft in Großbritannien gesorgt. "Wir sind inzwischen für eine halbe Million Übernachtungen im Jahr verantwortlich - und fast 200 Bed-and-Breakfasts stehen auf unserer Warteliste", sagt Sawday. Sein nächstes Projekt: Möglichst alle seine Hotels auf Biolebensmittel einzuschwören. "Gerade die Reiseindustrie muss sich ihrer Verantwortung unserer Umwelt gegenüber stellen."

Cornelia Fuchs / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity