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Moldawien: Ein guter Tropfen aus der Höhle

In der moldawischen Stadt Cricova lagern die besten Weine des Landes. Und zwar in bis zu 90 Metern Tiefe. Uralte Kalksteinhöhlen bieten dem Rebsaft ein ideales Klima, um zu edlen Tropfen zu reifen - die nun auch in Europa auf den Markt kommen sollen.

Die Chardonnay-Straße biegt rechts vom Merlot-Boulevard ab. Ein paar Dutzend Weinfässer weiter verliert sich der Cabernet-Sauvignon-Weg in den dunklen Weiten der Höhlen von Cricova. Eine unterirdische Stadt des Weines zieht sich unter der moldawischen Hügellandschaft nahe der Hauptstadt Chisinau entlang. Auf 70 Kilometern Länge lagert der größte Weinproduzent des Landes, das staatliche Weingut Cricova, seine edlen Tropfen.

Cricova verfügt über den größten Weinkeller der Welt, den nationalen Stolz des kleinen Weinlands zwischen Rumänien und der Ukraine. In den Gängen reiht sich Eichenfass an Eichenfass. Bis zu 90 Meter unter der Erde hat der Wein mit einer Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent und ganzjährig 12 bis 14 Grad hier ideale Bedingungen zum Reifen. "Wir brauchen hier weder Ventilatoren und noch eine Klimaanlage", erzählt Marketingleiterin Jekaterina Robu aus Cricova stolz.

Russland bestraft den armen Nachbarn

1952 wurde das Stollensystem für den Wein entdeckt. Zuvor war hier über Jahrhunderte Kalkstein als Baumaterial aus dem Fels gehauen worden. Seitdem hat man kaum etwas verändert. Das Mikroklima wird zu 100 Prozent natürlich reguliert.

Zu kommunistischen Zeiten lieferte das kleine Moldawien seinen Wein in die gesamte Sowjetunion. Doch im März dieses Jahres hat der große Nachbar Russland moldawischen Wein wegen angeblicher Pestizid-Verschmutzung aus den Regalen verbannt. "Wahrscheinlich haben sie einfach so lange gesucht, bis sie etwas gefunden haben", empört sich Robu. Bei Cricova habe es noch nie Beanstandungen gegeben.

In Moldawien vermutet man Politik hinter dem russischen Einfuhrverbot. Damit wolle Russland das Land für die härtere Gangart im Konflikt mit der abtrünnigen Dnjestr-Republik bestrafen, als deren Schutzmacht sich Moskau sieht. Der Importstopp trifft Moldawien hart. Der Wein macht ein Drittel seiner Exporte aus. 80 Prozent davon gingen bis März nach Russland. Experten schätzen, dass die Wirtschaft des ärmsten Landes Europas dadurch etwa 160 Millionen Euro im Jahr verliert.

Unschlagbare Preise für den europäischen Markt

Cricova muss nach dem russischen Verbot für etwa drei Millionen Flaschen im Jahr neue Käufer finden. "Wir waren wohl in der Vergangenheit zu träge beim Erschließen neuer Märkte", räumt Robu ein. Jetzt drängt der größte moldawische Weinproduzent auf den europäischen Markt. "Unser Preis-Leistungs-Verhältnis ist einmalig", gibt sich die Marketingeleiterin selbstbewusst.

Doch die westlichen Kunden sind kritischer. "Dort zählt Qualität, während die russischen Käufer nur auf Preis und Alkoholgehalt schauen", erzählt Robu. Zudem trinkt Europa lieber trocken, während die Russen liebliche Weine bevorzugen.

Im Herzen der Weinstadt lagern die Flaschen in deckenhohen Regalen. Zentimeterdick türmt sich der Staub auf dem dunklen Glas. Von Zeit zu Zeit werden die Flaschen gedreht. Ist ihre Zeit reif, kommen sie auf den Markt. Für 90 Cent im Jahr können auch private Weinliebhaber ihre Flaschen hier einquartieren.

Exklusive Weine aus Kriegszeiten

Tief unten im Berg lagert auch die nationale Weinsammlung Moldawiens - immerhin rund 1,3 Millionen Flaschen. "Hier liegt unter anderem die Kollektion Hermann Görings", erzählt Robu. Im Zweiten Weltkrieg hatten sowjetische Truppen die Privatsammlung des NS-Reichsmarschalls erbeutet und später Cricova übergeben.

Welchem Wein Juri Gagarin den Vorzug gegeben hat, ist nicht überliefert. Der sowjetische Kosmonaut schwankte erst nach zwei Tagen aus den Kellern von Cricova zurück ans Tageslicht. Nach einer durchzechten Nacht datierte er seine Widmung im Gästebuch des Weinkellers auf den 8. und 9. April 1965.

DPA/DPA

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