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Österreich: Opium für das Auge

Sucht-Gefahr für Romantiker und Feinschmecker: Im österreichischen Waldviertel wächst ganz legal der Mohn - und liefert die köstliche Füllung für heimische Spezialitäten.

Von Helge Bendl

Die Felder stehen in Flammen. Brennen hier rubinrot und zartrosa, dort mit violetten Tupfern und weißen Flecken. Die Bauern sehen es gelassen. Sie genießen im Licht der Abendsonne das vergängliche Lodern des Feuers - in einer Woche ist das Farbenmeer auf den Äckern schon wieder verschwunden: Die bunte Pracht verwandelt sich in das graue Gold, von dem im Schnitt jeder Österreicher gut drei Kilogramm im Jahr verspeist und das über Nacht dafür gesorgt hat, dass das winzige Dorf Armschlag plötzlich in aller Munde ist - Mohn.

Dass es so kam, liegt natürlich an Hans Neuwiesinger und seiner Gaststätte, denn erstens war der ideenreiche Wirt die treibende Kraft und zweitens kann man sich im Ort mit seinen nicht einmal 100 Einwohnern sonst nirgendwo treffen. Wer die Menschen hier fragt, was ihre Region im Nordwesten Niederösterreichs denn ausmache, wird nicht die Attribute hören, mit dem in der Nachbarschaft die liebliche Wachau die Touristenströme anlockt. Dunkel und einsam ist es hier im Waldviertel an der Grenze zur Tschechischen Republik, oft karg der Boden, mystisch die ungezähmte Landschaft. Ein Ort für Träumer (die mit einem Ufo-Landeplatz namens "Delta" sogar Außerirdische empfangen wollen), inzwischen aber auch für Feinschmecker. Denn an den dunklen Holztischen im Wirtshaus von Hans Neuwiesinger trafen sich vor 15 Jahren Armschlags Bauern und fassten einen Beschluss: Sie wollten wie früher wieder mehr Mohn anbauen, nicht nur als Zierpflanze in ihren Vorgärten. Sie machten den Weiler im Waldviertel zu dem, was heute ein Schild an der Umgehungsstraße verkündet: zum einzigen Mohndorf Österreichs.

Kurzlebige Schönheit

Frühaufsteher erleben hier im Juli eine Verwandlung wie die einer Raupe zum Schmetterling: Oft ruht die Mohnblüte bis zum ersten Sonnenstrahl in der haarigen Kapuze und entfaltet erst dann ihre seidenen Kronenblätter. Eine kurzlebige Schönheit: Schon nach einem Tag stehen nur noch die grünen Fruchtknoten, die nach ihrer Reife als braune Mohnköpfe das Feld überziehen. Weil an jedem Stängel bis zu zehn Knospen wachsen währt die bunte Pracht eine gute Woche. Später folgt ein akustisches Erlebnis: Das Konzert eines unsichtbaren Orchesters ertönt, wenn der Wind auffrischt und die Kapseln mit ihren Körnern als natürliche Rasseln erklingen.

"Schon vor 700 Jahren benutzten die Mönche Mohnöl für das Ewige Licht in ihren Kirchen", erzählt Armschlags Lehrerin Edith Weiß. Bis 1934 notierte der Graumohn aus dem Waldviertel, den die Bauern als Zahlungsmittel verwendeten, sogar an der Londoner Handelsbörse. Heute kultivieren Landwirte den kräftig schmeckenden Blaumohn, den leicht nussig duftenden Weißmohn und den mild-aromatischen Graumohn.

Mohn - ein Heil- und Suchtmittel

Mohn lieferte Lyrikern die Inspiration für manches romantische Gedicht, versorgte die Impressionisten mit Öl für ihre Malerei und gilt noch immer als schmerzlinderndes Heilmittel. "Schlafbringend", wie der lateinische Name Papaver somniferum verrät, ist der Mohn aber auch für Süchtige - aus den Säften der Samenkapseln lässt sich Heroin destillieren. Wer im Waldviertel auf der Suche nach einem Drogenrausch durch die Felder streift wird indes nicht fündig: Der Morphingehalt ist bei der hier angebauten Sorte verschwindend gering (und die Samen sind ohnehin unbedenklich). Früher steckten die Bäuerinnen ihren Kindern indes schon einmal zur Beruhigung einen "Mohnzuzler" in den Mund - einige Kilometer von Armschlag entfernt, in der Pfarrkirche zu Grainbrunn, darf sogar das Jesuskind auf einem Gemälde an den von einem Stoffsäckchen umhüllten grauen Körnern nuckeln.

Heute ist in Armschlag der Mohn wieder in aller Munde, ohne dass man juristische Bedenken haben muss - die Liebe zum Mohn geht vor allem beim "Mohnwirt Neuwiesinger" (Jahresverbrauch: geschätzt 500 Kilogramm) durch den Magen. Ob Mohnbrot oder Mohnkäse, Zander in Mohnmantel, die traditionellen Mohnnudeln oder als Gebäck die stärkenden Mohnzelten, von den Bauern einst als Jause im Feld verzehrt: Alles dreht sich hier um das edle Produkt. Selbst ein mehrere Kilometer langer Rundgang um das Dorf nennt sich "Mohnstrudelweg" und ist bestens dafür geeignet, die durch den Genuss der Mehlspeisen aufgesattelten Pfunde wieder abzutragen. In der Gaststube hängen Dutzende von Mohnquetschen an der Decke: Die grauen Samen sollten nicht gemahlen sondern nur im Mörser zerstampft werden, weil sie sonst den metallischen Geschmack der Mühle annehmen.

Wer am Ende immer noch nicht davon überzeugt ist, dass der Mohn aus dem Waldviertel zu unrecht verachtet und vergessen war, der bekommt vom Wirt augenzwinkernd ein letztes Argument gereicht. Mohn sei ein Mittel gegen übersinnliche Umtriebe: Bevor die Geister spuken dürfen, müssen sie nämlich zwanghaft die Körner zählen - und werden bis zum Ende der Mitternachtsstunde natürlich nicht fertig.

Reiseinformationen

Anreise:

Mit der Bahn über München und Salzburg mit dem Eurocity nach St. Pölten, dann direkt vom Bahnhof mit dem Bus 1442 nach Ottenschlag. Dort holen einen die Betreiber der Mohnappartements nach Voranmeldung ab. Infos unter www.bahn.de bzw. www.oebb.at. Mit dem Auto über die Autobahn A8 (München-Salzburg) und A1 (Salzburg-Wien) bis Ybbs oder Melk, dann über Ottenschlag nach Armschlag.

Unterkunft:

In Armschlag gibt es nur wenige

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