Afghanistan Rosen statt Opium


90 Prozent des weltweit produzierten Opiums stammen aus Afghanistan. Ein deutsches Hilfsprojekt unterstützt Bauern dabei, andere Pflanzen anzubauen. Ein Besuch bei der Familie Wadam in der Provinz Nangarhar, die jetzt Rosen pflanzt.
Von Martin Fütterer

Über dem kleinen Tal Inseray in der afghanischen Provinz Nangarhar liegt ein angenehmer Duft. Er stammt von den Rosen, welche die Familie Wadam hier anbaut. Wohl schon tausend Jahre, so erzählen sie, bewirtschaftet ihre Sippe vom Volk der Paschtunen das Tal. In der Gegend genießen sie hohes Ansehen. Ihr Urgroßvater galt als besonders heilig - an seinem Grab binden Frauen Tücher an die Bäume, wenn sie sich Kinder wünschen - oder einen hübschen Ehemann.

Vor einigen Jahren züchteten die Wadam allerdings keine Rosen. Sie bauten Schlafmohn an, aus dem Opium gewonnen wird. Wie viele Jahre lang sie ihr Geld mit den verbotenen Blumen verdienten, erzählen die Wadam nicht. Mohnanbau war - und ist - in Afghanistan ein Verstoß gegen das Gesetz. Trotzdem stammen 90 Prozent des weltweit produzierten Opiums aus dem Land. 3,3 Millionen Afghanen sind von der Opiumproduktion unmittelbar abhängig. So, wie es die Wadam waren, bis sich ihnen im Jahr 2004 eine vernünftige Alternative bot.

Flucht nach Pakistan

Die Familie hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Anfang der 90er-Jahre mussten sie ins nahegelegene Pakistan fliehen, ebenso wie fünf Millionen andere Afghanen in der größten Flüchtlingsbewegung seit dem 2. Weltkrieg. Jahrelange schlugen die Männer sich und ihre Familien als Lastwagenfahrer und Tagelöhner durch. Als die Taliban im Land eine trügerische Ruhe schafften, kehrten die Wadam in ihr Tal zurück - und fanden es besetzt. Kämpfer Bin Ladens hatten das herrenlose Land für zehn Jahre vom Staat gepachtet, sie nutzten es als Trainingslager und Hauptquartier. Der Taliban-Gouverneur Maulawi Kabir entschied den Streitfall 1999 durch Volksbefragung. Die Bewohner der umliegenden Dörfer stimmten mehrheitlich dafür, dass die Wadam ihr Land wieder in Besitz nehmen und die Kämpfer in ein anderes, unbewohntes Tal abziehen sollten.

"Das Land war verwahrlost", berichtet Mohammad, der zweitälteste der Brüder Wadam. "Die Felder lagen brach und waren verunkrautet, viele Bäume waren durch Schießübungen und Handgranaten zerstört. Beim Abzug haben sie alles Wertvolle mitgenommen". Es habe ihnen fast das Herz gebrochen, ihre Heimat so geschunden zu sehen.

Rosen anstatt Opium

Von diesen Schäden ist heute nichts mehr zu sehen. Ganz im Gegenteil: Über dem Tal liegt ein angenehmer Duft. Seit 2004 bauen die Wadam auf der Hälfte ihres Ackerlandes Rosen an, auf der anderen Hälfte des rund neun Hektar großen Gebietes steht Weizen. Etwa so groß war die Fläche, die sie früher mit Schlafmohn bepflanzt haben. "Wir wissen, dass Opium schlecht ist, und auch der Islam verbietet den Genuss von Drogen", sagt Mohammad Wadam. "Aber wenn die Familie hungert, haben wir keine Wahl."

Seine Sippe gehörte immerhin zu den ersten, die eine andere Wahl traf, als sich eine Alternative bot. Die private Entwicklungshilfeorganisation "Deutsche Welthungerhilfe", schon seit den 90er Jahren in Afghanistan tätig, schlug den Bauern vor, anstelle von Schlafmohn Rosen zu pflanzen. Mit Erfolg: Zwölf Provinzen sind dieses Jahr frei von Mohn, in zehn Provinzen scheint der Anbau abgenommen zu haben.

5000 Euro für einen Liter Rosenöl

Die Deutsche Welthungerhilfe errichtete außerdem zwei Destillen, mit denen Rosenöl und Rosenwasser hergestellt werden. Das Rosenöl wird nach Deutschland exportiert und dort von einem schwäbischen Hersteller in Naturkosmetik als Duft- und Wirkstoff eingesetzt. Rund 5000 Euro bezahlt die Wala der Welthungerhilfe für einen Liter Rosenöl. 60 Prozent davon kommen direkt bei den Bauern in Afghanistan an. Aus einer Füllung von 40 Kilogramm Blüten gewinnt die Destille 8 bis 10 Milliliter Rosenöl, die Bauern erhalten umgerechnet 64 Cent pro Kilo Blüten. Dieser Prozentsatz ist hoch, denn die Bauern liefern nur die Rohware, die Verarbeitung und Vermarktung erledigt die Welthungerhilfe. Sie sorgt auch für die ordnungsgemäße Zertifizierung als "biologisch angebaut", denn Kunstdünger und Pestizide kommen nicht an die Rosen.

In anderen Teilen des Landes wird jedoch nach wie vor Schlafmohn angebaut, so wie in der Provinz Helmand, die im Jahr 2007 alleine 53 Prozent des Opiums erzeugte. 3,3 Millionen Afghanen sind von der Opiumproduktion unmittelbar abhängig. Auf knapp 30 Millionen Einwohner sollen 900.000 Drogenabhängige kommen. Im Jahr 2006 machte die Opiumindustrie mit schätzungsweise drei Milliarden Dollar ein Drittel des Bruttosozialproduktes von Afghanistan aus.

Ein Geschäft, das sich lohnt

Familie Wadam ist nicht mehr vom Drogenabbau abhängig, sie bereitet sich auf die Rosenernte vor. "Dieses Jahr werden wir wahrscheinlich schon dreimal mehr ernten, sagt Mohammad Wadam. Der letzte Vorbehalt gilt dem Wetter, denn das spielte dieses Jahr verrückt. Afghanistan stand am Rande einer Dürre. Jetzt zur Rosenernte regnet es ganz unerwartet. Was vielleicht einen Teil des trockenen Getreides noch retten kann, ist für die Rosenernte schädlich: Der Regen schlägt die Blüten von den Rosenstöcken und erhöht die Gefahr von Fäulnis und Pilzkrankheiten.

Eine Staude wie die Rose braucht vier Jahre Anlaufzeit, bis sie voll trägt und das tut sie auch nur bei optimaler Pflege. Die meisten der 266 Rosenbauern sind zufrieden, aber einige, die verschuldet sind oder in dringender Geldnot, denken wegen der hohen Lebensmittelpreise daran, wieder zum Mohnanbau zurück zu kehren. Doch selbst Mohn ist als Einkommensquelle unzuverlässig.

Mohammad Wadam jedenfalls will weiter Rosen anbauen. "Der Weizenpreis steigt und fällt, wir haben genug für den eigenen Bedarf. Aber die Rosen sind ein Segen. Wenn die Welthungerhilfe weiter stabile Preise bezahlt, werden wir dabei bleiben", sagt er. Dass die Preise noch lange stabil bleiben, ist sicher, denn biologisch angebautes Rosenöl ist Mangelware. Viele Kosmetikunternehmen benötigen es als Rohstoff.


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