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Wandern in Irland Durch vier Jahreszeiten an einem Tag


Was machen schon Hagelkörner auf dem Sandwich, wenn man Panoramablicke genießt und Bergfrauen wie Helen trifft? Auf Irlands "Walking Festvals" wandert man in bester Gesellschaft.
Von Astrid Joosten

Guinness? Lieber trinkt sie Caipirinha. Seit einer Stunde gehen wir nebeneinander her und reden über das Leben im Allgemeinen. Vielmehr: Sie erzählt, ich sage nur ab und an "interessant". Konzentriert schaue ich auf den Boden, während wir bergauf stapfen. Und Helen, die eine Föhnfrisur und schwarze Leggins trägt, schreitet mit zügigen Schritten aus, als würde es Abhänge und Buckel gar nicht geben. Mitte dreißig ist sie und vor einem Jahr von Dublin in die irische Provinz gezogen. Die Bars und Clubs der Hauptstadt vermisse sie gar nicht, sie sei eine Frau der Berge, hier in der Gegend aufgewachsen. Vor uns tut sich ein Sumpfloch auf. Helen rammt ihre Teleskopstöcke in den Boden und springt. Ich schlage einen Haken.

Helen, 22 weitere Iren und ich werden zwei Tage lang in den Bluestack Mountains im County Donegal wandern, im Nordwesten Irlands also. "Walking Festival" heißt das Programm: Touren in die Wildnis, organisiert vom örtlichen Wanderverein "Bluestack Ramblers" für alle, "die sich gern bewegen". Was darunter zu verstehen ist? Plaudern, lachen und in Zweierreihen marschierend die Landschaft erkunden: Bergkuppen bis zum Horizont, braun wie Whiskey, wo Heide ihre Zweige über die Erde reckt, silbriggrau und mattgrün, wo Gräser und Moose wachsen. Sprödes, einsames Land, das die Menschen gesellig werden lässt.

Über von Gletschern geschliffene Flanken

John McGroary, kantiger Schädel, babyblaue Augen, ist Dorfpolizist in Glenties, einem Örtchen am Fuß der Bluestacks, und unser Guide - "the guard", wie er auch respektvoll genannt wird. Er ist allerbester Laune, pfeift und singt, erzählt Anekdoten und Witze. "Wir verteilen keine Medaillen", ruft er, nachdem er an einer matschigen Stelle ausgerutscht ist und sich den Dreck von der Hose wischt. "Folks, alle, die am Ende des Tages so ein Abzeichen am Hintern tragen, haben gewonnen!"

Es ist Mittag. Am Morgen, als wir uns Tee trinkend und Kekse knabbernd in der "Mill Park Bar" im Hafenstädtchen Donegal für den Walk gesammelt haben, strahlte die Sonne am Himmel. Jetzt zieht Dunst auf, doch die Ausblicke bleiben grandios: Keine engen Täler, keine Steilwände und kein Baum versperren die Sicht, während wir Flanken erklimmen, die von Gletschern der letzten Eiszeit glattgehobelt wurden. Gipfel-Panoramablicke bieten sich, obwohl wir längst nicht oben angelangt sind. Tief atme ich durch und vergleiche die Landschaft mit den Alpen: Im Gegensatz zu den Bluestacks haben die nämlich etwas Einschüchterndes, beinahe Herrisches.

"Pot hole!" warnt John, ein Matschloch, unter Gräsern versteckt. Wir springen hinüber, ich fast schon so behände wie die andern. Die etwa 40 Kilometer lange Gebirgskette ist unserem Guide doppelt vertraut: als Wander- und als Polizeieinsatzgebiet. Ich schaue in seine freundlichen Augen und versuche mir vorzustellen, wie er Schlägereien in einer abgelegenen Farm schlichtet oder Betrüger stellt. Schwierig.

John zückt das Taschenmesser und sticht eine Sode ab. Unter dem Graspolster verbergen sich Schichten vermoderter Pflanzen: Fast die gesamten Hänge der Bluestack Mountains, der "Blauen Stapelberge", sind mit Moor bedeckt. Weich wie eine Schaumstoffmatte federt der Boden.

"Wandern wie auf de Mond"

Kein markierter Pfad weit und breit. Nur ein ausgeschilderter Wanderweg führt durch das Gebirge: der 47 Kilometer lange Bluestack Way, der westlich von unserer Route verläuft. "Wandern wie auf dem Mond", sagt John über unsere Tour. Als er die Trinkflasche aus dem Rucksack holt, erspähe ich darin ein GPS, zwei Walkie-Talkies, einen Kompass und ein Handy. So viel Sicherheitstechnik für ein übersichtliches Gebirge ohne Gletscherspalten, Steilhänge, Geröllfelder? Er wiegt bedächtig den Kopf: "Das Wetter ist das Problem. Die Vorhersagen sind in Irland kaum zu gebrauchen. Und wenn die Wolken sehr tief hängen, kann man schnell die Orientierung verlieren."

Drei Gipfel will John heute mit uns "machen". Der erste ist der "Berg der Vögel", auf gälisch Carnaween. Zu sehen ist von irgendwelchen Vögeln nichts, aber wir hören einen Kuckuck rufen, als wir uns nach vier Stunden Bergaufgehen neben das 521 Meter hohe Gipfelkreuz stellen. Über das Plateau bläst ein kalter Wind. Auf einmal prasselt Hagel vom Himmel, die Körner hüpfen über meinen Anorak. Im Mai? Helen zieht mich in eine schützende Kuhle. Ungerührt vom Wetter packt sie ihr Sandwich aus und setzt sich ins Gras. "Wir haben hier oft alle vier Jahreszeiten an einem Tag", sagt sie, wühlt in ihrem Rucksack und reicht mir eine Wollmütze. Im Hagelschauer essen wir belegte Brote, trinken heißen Tee und quatschen, Donegal County zu unseren Füßen.

Helen erzählt, dass sie in ihre Heimatstadt Donegal zurückgekehrt sei, weil sie nach einer Trennung eine Veränderung gebraucht habe. In der Stille und Einsamkeit der Landschaft finde sie wieder zu sich. "Die Berge tun mir gut", sagt sie. Geht sie auch allein wandern? "Nein, natürlich nicht! Mit den Ramblers bringt es mehr Spaß."

In jedem Dorf sind zwei Pub-Tankstellen

Ihren Marketing-Job bei einer Telekommunikationsfirma in Dublin habe sie aufgegeben, eine neue Arbeit in der Region sei nicht in Sicht. "Viel ist hier nicht los", sagt sie. Eingekeilt zwischen dem Atlantik und Nordirland, war das County Donegal, knapp doppelt so groß wie das Saarland, jahrzehntelang nur durch eine Brücke mit dem Rest der Insel verbunden. Bis Nordirland vor 15 Jahren die Grenzen wieder öffnete.

Überfluss herrscht bei Pubs - in jedem Dorf gibt es mindestens zwei - und "Walking Festivals": Nahezu jede Woche findet eine Tour statt. Über 40 Kilometer ist die längste Tagesetappe: Bei einer Sponsorenwanderung werden die gesamten Bluestack Mountains durchquert, um Geld für ein Behindertenprojekt zu sammeln. Der Staat und regionale Partner veranstalten einmal im Jahr eine Fitnesswoche, die "Walking Week". Und am ersten Sonntag im Juni ziehen hunderte von Menschen zum Gipfel des Carnaween - wie seit hunderten von Jahren. Warum, weiß niemand. "Die Kelten haben auf den Gipfeln die Sonne angebetet, vielleicht folgen wir ihren Riten", vermutet John. Heutzutage veranstalten die meisten Pilger lautstarke Picknicks. Zum Beispiel vor zwei Jahren, als 90 oder mehr verkleidete Elvis-Presley-Doubles aus Dublin Spenden für ein Krankenhaus zusammentrugen.


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