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Rewal: Der Ballermann der Ostseeküste

An der polnischen Ostseeküste von Rewal locken weite Strände, bunte Buden und ein günstiger Zloty-Kurs. Jetzt zur Hauptreisezeit herrscht hier wildes Remmidemmi - und es gibt nur ein Tabu.

Von Roland Brockmann

Gleich hinter der Grenze werden die Straßen wieder besser. Man ahnt, wohin neuerdings die EU-Gelder fließen. An endlosen Landschaften ohne Infrastruktur vorbei, rollt der Reisende über perfekten Asphalt Richtung Osten - allein die Welt links und rechts davon scheint damit so gar nicht Schritt zu halten. Da nämlich bieten verarmte Rentner Waldpilze oder Honig an.

Zwischendurch ragt einsam ein Zementwerk aus grünen Feldern oder eine Tankstelle, und dann mündet die Autostraße plötzlich in einen Jahrmarkt aus Eisdielen, Tinnefbuden, Zuckerwattemaschinen und Schaschlik-Grills. Willkommen an Polens Ostseeküste, willkommen in Pobierowo, Gemeinde Rewal, da wo unsere Nachbarn ihre Sommerferien verbringen. Menschen aus der Mittelschicht, die sich trotz der Krise Urlaub gönnen. Sozial nochmal gestaffelt nach Einkommensklassen: Strandnähe kostet auch hier. Und Komfort noch mehr. Das Angebot reicht von wilden Campingplätzen unter alten Kiefern oder verblassten Plattenbauten aus der Ära Jaruzelski bis hin zu postmodernen Bungalows auf knapp parzellierten Baugrundstücken.

Hotpants und Holzbänke

Am Ende aber strömen alle auf der Ulica Grunwaldzka zusammen - keiner eigentlichen Promenade, denn Wald trennt die bunte Meile vom blauen Meer, das unten an den flachen Sand vor der Steilküste brandet. Flaniert wird trotzdem. Allerdings kaum nach den Regeln der Mittelmeerriviera. Man präsentiert sich nicht, gibt sich stattdessen wie man ist, und dies meist in Familie. Entlang der Grunwaldzka werden nicht Hündchen ausgeführt, sondern Kinderwägen geschoben. Dazwischen zeigen sich Teenager in Hotpants, während Rentner auf Holzbänken ruhn.

Aktivurlauber mit Rucksack und Wanderkarte trifft man kaum. Stattdessen klickern Jungs auf fiependen Spielautomaten in improvisierten Zeltbuden. Auf einer Waldlichtung blinken Kinderkarussells, und surren Autoskooter, während sich die Badefreunde, schwerbeladen mit Strandtaschen, aufgeblasenen Plastikdelphinen und Buddelgerät für die Jüngsten hinab zum Strand drängen.

Früher war alles besser

"Ganz schrecklich", kommentiert eine 88-jährige deutsche Dame, die in der renovierten Villa eines deutschen Hoteliers zu Gast ist. Ein kleines Idyll in der grellen Urlaubswelt. Hier hört man Vögel singen und von unten her die Brandung vom Meer - jedenfalls, wenn die Diskolautsprecher schweigen.

Früher sei alles ganz anders gewesen. Früher, als die pensionierte Ärztin aus Berlin-Köpenick gerade mal 18 war und Pobierowo noch Poberow hieß - ein ehemaliges Rittergutsdorf im Besitz der Familie von Kleist. Tourismus entwickelte sich schon ab 1905, aber wenn der Berliner Backfisch damals ihre Tante besuchte, dann in einem traditionellen Holzhaus ohne fließendes Wasser. Zwischen den Weltkriegen machten auch Prominente hier Urlaub: der Lyriker Günter Eich und Theo Lingen hatten ein Ferienhaus in Poberow. Aber ein "Kaiserbad" alla Heringsdorf war der Ort nie, obwohl von Berlin kaum weiter entfernt.

Knapp dreieinhalb Stunden braucht man heute für die rund 250 Kilometern. Fünf Stunden waren Maik und Birgit aus Dresden unterwegs. Das junge Pärchen wollte spontan ausspannen - egal ob an der Nord- oder Ostsee, nur teuer sollte es nicht werden. Im Internet entdeckten sie Michael Krulls Vier-Sterne-Wellness-Hotel und sind sehr zufrieden. Und nicht nur, weil sie das große Bier hier nur knapp zwei Euro kostet. Das Remmidemmi an der Ul. Grunwaldzka erinnert die beiden sehr an frühe Reisen an den Plattensee: "Da ging es genau so zu." Aber man müsse ja nicht mitmachen. Und anders als etwa im exotischen Ägypten würden sich die fliegenden Händler hier niemandem aufdrängen.

FKK ist tabu

Doch, Polens Ostsee birgt auch viele Vorteile. Badegäste zahlen keine Kurtaxe, und überhaupt geht es lockerer zu, als auf Usedom oder in Travemünde. Es gibt keine Hundestrände, jeder sucht sich seinen Platz am schier endlosen Sandstrand. Statt Zäunen und Verbotsschildern dominieren Sandburgen und Sonnenuntergänge - nur FKK ist tabu. Dafür sind die Polen einfach zu katholisch und - wie Michael Krull offen einräumt - auch noch immer zu wenig multikulturell eingestellt.

Südländische Gäste dürften auf der Grunwaldzka, vorsichtig ausgedrückt, auf Verwunderung stoßen. Überhaupt gibt man sich nicht gerade International: Englisch spricht kaum jemand, selbst Speisekarten sind selten übersetzt. Dafür dröhnt abends im rustikalen "Lotnisko" unter bunten Glühbirnen "I am a Barbie Girl in a Barbie World" aus den Boxen; und ganze Generationen vom Teenie-Enkel bis zur Oma wippen über die Tanzfläche. Am Strand sackt langsam die Sonne in die Ostsee; junge Männer mit trainierten Muskeln und dunklen Sonnenbrillen parken schwungvoll ihre Jetski im Sand, um in der Heineken-Bar ihren Sundowner zu nehmen. Über die Grunwaldzka schlappen die gebräunten Badegäste zurück in ihre Quartiere - sei es nun Zelt, Plattenbau oder Bungalow.

Bis Mitternacht schließen auch die letzten Buden, um am nächsten Morgen wieder zu öffnen. Noch ein paar Wochen lang, denn in einem Monat geht der ganze Rummel mit den polnischen Sommerferien zu Ende, fällt das einstige Gut Poberow in saisonalen Schlaf. Dann öffnet nur noch der lokale Krämerladen und, halbtags, auch die Apotheke. Die ganze Gemeinde Rewal verwaist, Krulls Wellness Hotel indes bleibt geöffnet. Ende September, wenn man gerade noch im Meer baden kann, aber die Diskoboxen bereits schweigen, soll die Saison für Polens westliche Nachbarn starten. Noch gilt das als Geheimtipp.

Weitere Infos:
Anreise: Mit der Bahn kommt man bis Kamien Pomorski, dann Weiterfahrt mit dem Bus. Schneller geht es mit dem Auto über die A20 oder die A11 zum Grenzübergang Pomellen/Kolbaskowo. Von dort sind es gut 110 Kilometer an die Küste.
Übernachtung:Wy & Spa, idyllisch im großen Garten gelegenes Haus, direkt an der Steilküste mit deutschsprachigem Service, Adresse: ul. Grunwaldzka 3272-346 Pobierowo, Tel.+48 91/38 47 640, www.vital-resorts.eu
Beste Reisezeit:außerhalb der Hauptsaison, also vor Juli und nach August
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