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Sizilien entdecken: Bunt, wild und voller Gegensätze

Palazzi, Ruinen und die besten Tomaten der Welt - Sizilien lässt die Sinne explodieren. Aber warum immer nur nach Palermo? Auch Siracusa, Catania und das Landesinnere können verzaubern.

Von Catrin Bartenbach

Cefalu

Cefalu

Es ist unmöglich, die Erinnerungen zu sortieren. So viele Eindrücke. So große Gegensätze. Die Rufe der Verkäufer auf dem Fischmarkt von Catania. Der Ätna in Pastell. Der Müll in den Straßengräben. Blutorangenhaine. Der Duft des Schwertfischs mit Oliven, den der Wirt in Letojanni mit so viel Schwung servierte. Die Villa in Palermo, deren Fassade sich in die Erinnerungen fügt, als hätte man dort verweilt, als wäre man nicht vorbeigefahren, weil man lieber nach San Vito Lo Capo an den Strand wollte.

Nein, Sizilien lässt sich nicht linear erzählen. Am besten gibt man sich den Bildern und Tönen einfach hin. Bunt. Wild. So, wie sie gerade ins Bewusstsein drängen.

Eine Stimme wie ein Kupfergong

Wenn er in seinem Palazzo in Siracusa steht, beschirmt von Kronleuchtern und Kassettendecken, dann wirkt Pietro Beneventano sehr förmlich. Draußen aber, im echten sizilianischen Leben, da taut er auf. Dann schippert er mit seinen Gästen durch den Hafen und erzählt in klangvollem Bariton, wie hier im Jahr 212 vor Christus die Römer nach zweijähriger Belagerung endlich die Stadt einnahmen. Aus seinem Mund klingt es, als wäre die Erstürmung vorige Woche passiert.

Barone Beneventano del Bosco macht fast alles selbst: Er vermietet Apartments im Palazzo Beneventano und auf seinem Weingut draußen vor der Stadt. Dieser Tage findet man ihn meist auf dem Trecker. Er rattert über seinen Weinberg und entwurzelt die Reben. Das verlange viel Aufmerksamkeit, sagt er. "Also mache ich es lieber selbst." Der Lohn der Mühe lagert abgefüllt in Flaschen in den Katakomben des Stadtpalais. Auf dem Gut Case del Feudo fühlt sich der Barone ganz bei sich. "Die laue Luft des Frühsommers", exklamiert er, "wenn die Farben und Düfte am Hang explodieren!

Entschuldigen Sie bitte", unterbricht er sich, "ich habe eine romantische Ader." Seine Frau beschwere sich, dass er zu viel arbeite, auch noch bei der Weinernte anpacken – muss das sein?! Aber so sei er nun mal. Und sein Neffe Ettore helfe ja auch. Ettore ist der Sohn seines vor Jahren verunglückten Bruders und wird den Besitz des Barons einmal erben. Pietro Beneventano sagt: "Ich liebe den Jungen wie meinen eigenen Sohn. Er arbeitet wie ich. Er denkt wie ich. Er wird das Erbe der Familie weiter mit Leben erfüllen."

Steinerne Gesichter an der Fassade

Vor etwa 15 Jahren begann der sizilianische Adel, seine reich verzierten Häuser für zahlende Gäste zu öffnen. Anfangs ging es vielen Familien darum, weiter die luxuriöse Welt der Edelleute so nachzuspielen, wie sie Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem weltberühmten Roman "Der Gattopardo" (früher: "Der Leopard") geschildert hat - und dennoch ihr Erbe zu erhalten.

Heute aber ist für die Familien vor allem wichtig, die Traditionen der Insel zu bewahren. "Non nobis - nicht nur für uns", zitiert Pietro Beneventano den Wahlspruch seiner Familie. "Das steht da nicht nur zum Spaß. Seit sich meine Familie zwischen 13. und 14. Jahrhundert in Siracusa niedergelassen hat, waren wir immer anständige Leute." Und wieder klingen seine Worte, als wäre die Familie erst vorige Woche hier angekommen.

Liegt an der Ostküste Siziliens: Der Ort Taormina, der für sein antikes Theater mit Blick auf den Ätna bekannt ist.

Liegt an der Ostküste Siziliens: Der Ort Taormina, der für sein antikes Theater mit Blick auf den Ätna bekannt ist.

Das Zischen von Zwiebeln in Olivenöl

Die schönsten Farben Siziliens kann man essen: Sonnenreifetomatenrot, Auberginendunkelviolett, Schwertfischhautgrau. Wer die Insel wirklich verstehen will, muss kochen, mit sizilianischen Zutaten auf einem sizilianischen Herd. Überall werden Kochkurse angeboten, aber kein kulinarischer Meister unterrichtet so liebevoll, so geduldig wie Fabrizia Lanza. Sie führt ihre Kochschule in zweiter Generation auf dem Weingut ihrer Familie im Dreieck zwischen Céfalu, Palermo und Agrigento. Fabrizia Lanza ist eine gebürtige Marchesa, Tochter der Gräfin Tasca d'Almerita - aber Titel sind dieser Frau ziemlich egal. Ihr geht es um das perfekte Zischen der Zwiebeln in ihrer Pfanne.

Bevor sie die Kochschule von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter übernahm, lebte sie als Kunsthistorikerin in Norditalien. "Ich kam zurück in eine immer noch recht feudale Gesellschaft, auch in meiner Familie haben meist eher die Männer das Sagen", sagt sie. "Das wieder hinzunehmen, dazu habe ich Zeit gebraucht."

"Korruption überall"

Ihre Cousins, die im Herrenhaus, im "Case Grandi" leben, produzieren den Vino Tasca d'Almerita. Sie selbst bewohnt die "Case Vecchie", das ehemalige Wirtschaftsgebäude, und kocht und lehrt und lernt jeden Tag dazu. Sie ist glücklich mit diesem Leben, doch wie der Barone in Siracusa, so spürt auch sie Verantwortung für die Zukunft der Insel. Fabrizia Lanza sagt: "Ich will der fruchtbaren Erde und den Menschen, die seit Generationen hier leben, etwas zurückgeben von dem Reichtum, den meine Familie beiden verdankt."

Auf dem Gut sind nur Menschen aus der Gegend beschäftigt. "Wir wollen den Familien eine Chance geben, in ihrer Heimat zu arbeiten. Wir sind weit und breit die Einzigen, die etwas produzieren, ansonsten ist hier nichts als Armut." Sizilien sei ein merkwürdiger Flecken Erde. "Überall in Italien ist es wegen der hohen Steuern mühsam, Geld zu verdienen. Hier aber gibt es besonders viel Geld, nur liegt es in den falschen Händen. Korruption überall."

Vollbremsung auf der Brücke

Die Mafia hat der Insel hässliche Wunden geschlagen. Bei Porto Empedocle muss man darauf achten, nicht aus Versehen eine Auffahrt zu erwischen, die einfach ins Nichts führt. Man findet diese Sünden auf der ganzen Insel: nie zu Ende gebaute Straßen, halb fertige Autobahnbrücken, finanziert durch Geldströme aus Brüssel, die irgendwann versiegten.

Fragt man Einheimische, quittieren sie die naive Frage "E la mafia?" mit einem genervten Blick zum Himmel. Dann allerdings folgt ein ganz leichtes Nicken.

Der Duft der Oleanderbüsche

"Kommen Sie im ersten Morgenlicht!", beschwört der Reiseführer im Kapitel "Agrigento" - und Tausende Touristen befolgen brav diesen Rat. Ab halb neun spucken die Reisebusse ihre Ladungen vor dem Gittertor des "Tals der Tempel" aus. Und ja, vergisst man die Menschenmassen, die durchs Gelände hecheln, so kann man auch am Morgen den Archäologiepark mit seinen atemberaubenden Ruinen aus der Zeit der griechischen Kolonisation genießen. Schöner aber ist der Besuch am späten Nachmittag.

Der Park liegt leer und leise da, das Licht schimmert golden. Stille. Nebenan, am Pool des Fünfsternehotels Villa Athena, lässt das Grillenkonzert vergessen, dass es auch ein anderes Agrigento gibt, das Agrigento der Tristesse: baufällige Hochhauswüsten, die sich trotzig an die Berghänge klammern.

Catania, die nach Palermo die zweitgrößte Stadt auf Sizilien

Catania, die nach Palermo die zweitgrößte Stadt auf Sizilien

Schritte auf Steinstufen

Der Palazzo Biscari ist ein beeindruckendes Anwesen. Ehrwürdig und uralt. Der Hausherr erzählt, selbst die Mutter von Queen Elizabeth II sei beeindruckt gewesen. Beeindruckend auch: der Name des Hausherrn. Cavaliere Ruggero Moncada Paternò Castello. Stolz sagt er: "Die Queen Mum sagte bei ihrem Besuch, sie wohne nicht so schön wie wir. Verrückt, was?" Vor den Fenstern des Palazzo: Catania. Im Palazzo: Eleganz in Vollendung. Die Räume, die Möbel und der Cavaliere, der selbst im lockeren Freizeitlook noch elegant aussieht. Adel sei in erster Linie eine Frage der Einstellung, sagt seine Frau Nicoletta. "Wir lieben unser dunkles, feuchtes Gemäuer und würden es nie verkaufen. Eine moderne Luxusvilla würde eine Königinmutter nie besuchen."

Das Ehepaar Ruggero vermietet inzwischen Zimmer auch an ganz normale Gäste. Sympathische Reisende werden schon mal zu einem netten Plausch in den privaten Salon eingeladen. "Ich bin großzügig bis zur Leichtsinnigkeit", sagt der Cavaliere. "Aber wir hatten hier schon rund tausend Besucher, und nicht ein Gegenstand ist weggekommen."

Ein kühler Sprühregen vom Brunnen

Eigentlich ist Catania vor allem berühmt für seine Gebäude aus schwarzem Stein. Und für Stau und Schmutz und Smog. Die Stadt wird auch "die schwarze Perle am Ätna" genannt. Dunkel, aber von geheimnisvoller Schönheit. Wenn man über die Via Etnea zum Domplatz spaziert, wird man von einem eigenartigen Zauber gefangen. Man setzt sich an die Brüstung des Elefantenbrunnens und beobachtet das bunte Treiben: so viele junge Menschen. In Catania gibt es eine Universität. Und Jobs. Die Tische vor den Bars und Restaurants sind voll besetzt. Stimmengewirr. Menschengewirr.

Celentanos Songs auf der Piazza

"Ich sage Ihnen, wie Sie Taormina erleben müssen", hat der elegante Cavaliere in Catania noch verraten. "Fahren Sie nach Letojanni, das ist ein Badeort weiter nördlich, und nehmen Sie irgendwo ein Zimmer. Von dort fahren Sie mit dem Bus nach Taormina, und zwar direkt auf den Berg." Der Weg zu dieser kleinen Festungsstadt führt über enge Serpentinen und eröffnet ein atemraubendes Panorama: Land und Meer und das berühmte Amphitheater am Rande der alten Gassen.

Man spaziert den Corso Umberto zum Domplatz hinauf, kämpft sich durch die Menschenströme, bleibt geduldig und gut gelaunt - und zum Abendessen ist man wieder zurück in Letojanni. Später tanzt man zwischen den Einheimischen zu schmalzigen Liedern von Adriano Celentano auf der Piazza Corrado Cagli - und da, genau in diesem Moment, spürt man die Einzigartigkeit dieser Insel: Alles ist Jetzt. Die Zeit steht still. Das Glück der kleinen Dinge zerschlägt jedes Zeitgefühl.

Das breite Grinsen der Carabinieri

Das breite Grinsen der Carabinieri "Hier ist eine Fußgängerzone. Vietatu annari." - "Bitte um Entschuldigung, aber mein Navi spinnt!" – "Nein, es weiß nur nicht, dass der Corso umbenannt wurde." – "Oh …" Am Ende gibt es statt eines Strafzettels eine Polizeieskorte zum Hotel. Binvinutu a Palermo.

Selbstredend muss man auch nach Palermo. Diese Stadt ist der glanzvolle Schlusspunkt der Reise. Die Eindrücke der vergangenen Tage flattern durchs Hirn. Plötzlich meint man, die Moncadas winkten aus dem Palazzo Reale. Der Weinhändler, der einen beinahe umrennt, sieht für eine Sekunde aus wie Barone Beneventano. Die Marktfrau trägt die Silberlocken von Fabrizia Lanza. Palermo trägt ganz Sizilien in sich. Und man gibt sich den Bildern und Tönen hin – wie auch immer sie ins Bewusstsein drängen.

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