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Stromboli Eine Reise zum Kraterrand des Feuerberges

Stromboli
Rund drei Stunden dauert der Aufstieg, die geführte Exkursion startet im Dorf Stromboli.
© Mauro d'Agati
Der Stromboli nördlich von Sizilien spuckt alle paar Minuten Magma. Wer den aktivsten Vulkan Europas auf der gleichnamigen Insel besucht, blickt in die Unterwelt. Und gewinnt Einsichten über die Wandelbarkeit der Erde.

Die Erkenntnis kommt mit einem Donner, gefolgt von einem lauten Rauschen, das klingt, als atme eine Gottheit tief durch. Magma schießt in die Luft und regnet auf den schwarzen Kraterboden hinab, wo es langsam verglüht. Dazwischen dampfen Schlote. Und es dämmert selbst naturfernen Großstädtern, dass nur eine dünne Schicht aus Erde und Illusionen uns von der Unterwelt trennt. Dass das Leben zerbrechlich ist. Und dass wir Kräften ausgeliefert sind, die viel stärker sind als wir.

Es wird Abend. Franzosen, Italiener und Deutsche stehen neben Brasilianern und Amerikanern auf dem Stromboli und schauen hinab in den Krater, der wie ein riesiges Amphitheater vor ihnen liegt. Gegeben wird ein besonderes Schauspiel: die Explosion. Wieder durchbricht ein Donner die Stille, wieder spuckt der Vulkan Feuer und erleuchtet die Dunkelheit. Das Publikum schweigt, staunt, verharrt. Nach kurzer Zeit folgt der nächste Ausbruch.

"Jeden Tag ist er etwas anders"

Lorenzo Russo, 48, hat die Gruppe vom Dorf Stromboli auf den 926 Meter hohen Berg geführt. Manchmal macht der Guide eine Pause und erzählt von dem Vulkan: seiner Entstehung, den Ausbrüchen, den Vegetationszonen. Weiter oben wird der Anstieg steiler, der Atem kürzer, die Blicke leerer. Einer Frau wird das zu viel, sie geht mit ihrem Mann zurück ins Dorf.

Mehr als 2000-mal war Russo bislang auf dem Stromboli, das erste Mal mit seinen Eltern, da war er zwei. Noch immer fasziniert ihn der Vulkan, „jeden Tag ist er etwas anders“. Und dann sei da noch diese gewaltige Kraft, die im Innern schlummere. Dabei spuckt der Vulkan meistens nur kleine Mengen Magma, mal alle paar Minuten, mal alle Viertelstunde. Überall auf der Insel hört man ihn dann donnern.

Domenico Russo erlebte die große Explosion des Stromboli vor 86 Jahren, da war er neun.
Domenico Russo erlebte die große Explosion des Stromboli vor 86 Jahren, da war er neun.
© Mauro d'Agati

Selten, ganz selten jedoch lässt der Stromboli seine Muskeln spielen, so wie 1981, als große Steine vom Himmel regneten und am Hang rund um Russo einschlugen. „Das relativiert alles. Ich dachte, ich würde sterben“, sagt er. „Seitdem weiß ich das Leben noch mehr zu schätzen.“ Oben am Krater tragen Besucher Helme, und man fragt sich schon, was nützt ein Helm, wenn Steine vom Himmel regnen?

Sie macht demütig, die Vulkaninsel nördlich Siziliens. Wie ihre Schwestern Lipari, Salina und Vulcano gehört sie zum Äolischen Archipel, benannt nach dem griechischen Windgott Äolus. Das Weltnaturerbe ist Teil einer Vulkankette, die sich vom Vesuv bis zum Ätna erstreckt. Seit etwa 40.000 Jahren ragt der Stromboli aus dem Wasser, die Kegelbasis reicht mehr als 2000 Meter unter den Meeresspiegel. Als einziger Vulkan der Äolischen Inseln spuckt er Magma, schon von Weitem ist die Rauchwolke über dem Krater zu sehen.

Ingrid Bergman auf Stromboli

„Der Stromboli ist ein freundlicher Berg“, sagt Domenico Russo. „Obwohl er es gut mit uns meint, haben wir großen Respekt vor ihm.“ Der 95-Jährige sitzt auf der Terrasse des Hotels La Sirenetta, das er in den 50er Jahren eröffnete. Russo hat die Urgewalt des Vulkans vor einer halben Ewigkeit erlebt, am 11. September 1930, als der Stromboli explodierte. Eine schwarze Rauchwolke verdunkelte den Himmel, die Insel verschwand unter einer Schicht aus Asche, das Meer begann zu kochen, drei Insulaner starben. Damals lebten rund 1500 Menschen auf Stromboli. Sie arbeiteten als Fischer oder bauten Wein und Oliven an. Nach der Katastrophe wanderten viele aus, nach Australien, Argentinien, in die USA.

Als Domenico 14 Jahre alt war, ging er mit einem Freund zum ersten Mal auf den Vulkan. Heimlich, seine Eltern hatten es ihm verboten, doch die Neugier war zu stark. Seine Mutter fand es trotzdem heraus. „Das gab Ärger, weil sie sich große Sorgen machte“, erzählt Russo. Später heiratete er die Tochter des Inselarztes, wurde Lehrer, zog nach Rom. Bis heute kehrt er jeden Sommer auf die Insel zurück. Durch den Film „Stromboli“ mit Ingrid Bergman sei sie für die Welt sichtbar geworden, sagt der alte Mann. Russo lernte die amerikanische Schauspielerin bei den Dreharbeiten 1949 kennen, als seine Schwester ihr das Haus überließ. Drei Monate blieb Ingrid Bergman auf Stromboli, in dieser Zeit begann ihre Affäre mit Regisseur Roberto Rossellini, den sie später heiratete.

Von Bausünden verschontes Stromboli

Der Film gab den Einheimischen den Glauben an ihre Insel zurück, viele Emigranten machten sich auf die Heimreise. Kurz nach den Dreharbeiten eröffneten die ersten Hotels und Restaurants. Heute zählt die Insel knapp 600 Einwohner, die meisten leben vom Tourismus, arbeiten in Lokalen, Cafés oder Souvenirläden. Im Juli und August besuchen rund 4000 Tagesgäste die Insel, da kann das Wasser schon mal knapp werden, das alle zwei Tage von einem Tankschiff geliefert wird – vorausgesetzt, die See bleibt ruhig.

Krater des Stromboli
Aus einem der drei Krater des Stromboli schießt Magma in die Luft. 
© Mauro d'Agati

Trotz der Tagesgäste hat sich der Tourismus auf Stromboli sanft entwickelt. Die Insel blieb von Bausünden verschont, neue Häuser dürfen nicht errichtet werden. Statt Autos fahren Roller und Golfwägelchen durch die Gassen, vorbei an alten weißen Mauern und Häusern. Der Vulkan lockt auch Prominente auf die Insel. Im Nordosten haben Dolce & Gabbana ein Anwesen, Giorgio Armani steuert Stromboli jeden Sommer mit seiner Yacht an. Der Modedesigner sponsert den Fußballklub. Die Summen dürften überschaubar sein, der Verein spielt in Italiens unterster Liga.

Der Stromboli lässt Fensterglas zittern

Auch Tullio Ricci, 44, lässt die Insel nicht los. Der Vulkanologe lebt bei Rom, rund 400-mal war er bislang auf dem Stromboli, um Gase, Temperaturen und elektrische Ströme zu messen. Hier lernte er seine Frau, eine französische Wissenschaftlerin, kennen. Wenn Ricci über die Insel spricht, beginnt er zu schwärmen. Dutzende Vulkane habe er besucht. Der Stromboli jedoch sei besonders, sehr aktiv, überall auf der Insel könne man die Druckwellen spüren, die Fensterscheiben erzittern lassen.

Nach der großen explosiven Eruption vor neun Jahren reiste Ricci nach Stromboli. Am 27. Februar 2007 floss Lava die Nordwestseite hinab ins Meer. „Sciara del Fuoco“ heißt der Hang, „Feuerrutsche“. Die Behörden warnten vor Flutwellen und empfahlen den Bewohnern, mindestens zehn Meter über der Meereshöhe zu bleiben. Am 15. März folgte eine gewaltige Explosion. Dennoch verließ kaum ein Bewohner Stromboli. „Die Menschen haben eine sehr starke Bindung zur Insel“, sagt Ricci. Was wir vom Vulkan lernen können? Ricci überlegt. „Wer einmal eine Explosion gesehen hat, begreift sofort, wie dynamisch die Erde ist“, sagt er dann. „Auch wenn wir das im Alltag oft vergessen.“  


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